Fußball

Werder hat Feuer gefangen Die Kovac-Bayern faszinieren Uli Hoeneß

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War was? Niko Kovac ist mit dem FC Bayern auf dopppeltem Titelkurs und besänftigt seinen Präsidenten.

(Foto: imago images / Team 2)

Im Spätherbst des vergangenen Jahres ist Uli Hoeneß nur genervt: Sein FC Bayern spielt einen völlig uninspirierten Fußball. Titelreife? Nicht vorhanden. Nun steht der Rekordsieger aber im Pokalfinale. Und der Klubpräsident vergibt fast die Bestnote.

Eine glatte eins wollte Uli Hoeneß nicht vergeben. Eine eins minus könnte es in dieser Saison aber schon noch werden für den FC Bayern. So sagte es der Präsident der Münchener. Zwei Dinge seien dafür zu erfüllen: die Meisterschaft in der Fußball-Bundesliga und der Pokal-Triumph. Für den braucht es seit diesem Mittwochabend nur noch einen Sieg, am 25. Mai in Berlin gegen RB Leipzig. "Ich glaube, das wird ein Spiel, das die Zuschauer begeistert", sagte Hoeneß. Ein Spiel womöglich wie jenes, das der 67-Jährige gemeinsam mit 42.100 Zuschauern gerade erst im ausverkauften Weserstadion bestaunt hatte. Beim knappen, beim wilden, beim dramatischen 3:2-Erfolg seiner Bayern im Halbfinale des DFB-Pokals bei Werder Bremen. "Es war fantastisch", sagte Hoeneß.

SV Werder Bremen - FC Bayern München 2:3 (0:1)

Bremen: Pavlenka - Gebre Selassie, Veljkovic, Moisander, Augustinsson (81. Harnik) - Möhwald (65. Pizarro), Klaassen (89. Johannes Eggestein) - Maximilian Eggestein, Kruse, Osako - Rashica. Trainer: Kohfeldt
München: Ulreich - Kimmich, Jerome Boateng, Hummels, Alaba - Martinez, Thiago (76. James) - Gnabry (58. Goretzka), Thomas Müller (89. Rafinha), Coman - Lewandowski. Trainer: Kovac
Tore: 0:1 Lewandowski (36.), 0:2 Thomas Müller (63.), 1:2 Osako (74.), 2:2 Rashica (75.), 2:3 Lewandowski (80., Foulelfmeter)
Gelbe Karten: Klaassen (25.), Kruse (84.) - Hummels (26.), James (84.), Lewandowski (90.+3)
Schiedsrichter: Siebert (Berlin)
Zuschauer: 42.100 (ausverkauft)

Ein allerdings mindestens diskutabler Elfmeter - erstürzt vom französischen Flügelsprinter Kingsley Coman nach leichtem Ellenbogenkontakt seines Gegenspielers Theodor Gebre Selassie und verwandelt von Robert Lewandowski (80. Minute) - hatte dieses fantastische Spiel ohne Atempausen auf beiden Seiten des Feldes auf eher wenig fantastische Weise entschieden.

Es hat auf diese Weise auch die Werder-Serie von 37 Pokalheimspielen ohne Niederlage beendet. Und das nur gut 300 Sekunden, nachdem die Bremer binnen 30 Sekunden (gefühlt) ihre 0:2-Hypothek aus den 74 Vorminuten auf phänomenale Weise getilgt hatten: Yuya Osako (74.) und Milot Rashica (75.) waren als unangekündigter Spontantornado über einen FC Bayern gezogen, der sich bis dahin sehr resistent gegen jede grün-weiße Wucht gestemmt hatte.

"Krankheit" trifft auf "Wahnsinns-Energie"

Lewandowski (36.) per Abstauber und Thomas Müller (63.) per Thomas-Müller-Tor hatten dieser vor dem Spiel emotional kombinierten Werder-Wucht aus Fußballern und Fans unmissverständliche Statements entgegengesetzt. Und Müller, der zum Mann des Spiels Gekürte, hätte noch viel wuchtigere Statements setzen können, hätte er neben seiner umtriebigen Raumdeutung, seiner physikalisch kaum erklärbaren Torvorlage als Kopfballheber von der Torauslinie an den hinteren Innenpfosten, seinem Tor mit nur schwer zu beschreibendem Hampelmann-Tänzchen und seinem aufreizend provokanten Abgang in der 89. Minute, als er für die brasilianische Rechtsverteidigerfachkraft Rafinha weichen musste, früh zwei Treffer erzielt. In der zehnten Minute scheiterte er freistehend per Hacke, in der 16. Minute traf er noch viel freistehender mit der Innenseite nur das Knie des Bremers Niklas Moisander.

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"Wir haben", analysierte Müller, "bis zu unserem 2:0 ein ziemlich gutes Spiel gemacht. Wir sind verdient in Führung gegangen, wir hatten ein paar richtig gute Tormöglichkeiten. Danach haben wir ein, zwei Fehler gemacht und auf einmal gleicht Bremen mit einer Wahnsinns-Energie aus." Es sind Fehler, die sich, wie Mats Hummels sagt, "als Krankheit" mit durch diese Saison schleppen. Es sind Fehler, die schmerzhaft und teuer (keine Phrase, Wahrheit!) bestraft werden können. So geschehen beim Achtelfinal-Aus in der Champions League gegen den FC Liverpool. "Ich wusste", so Bayern-Coach Niko Kovac, der nun zum dritten Mal nacheinander im Pokalfinale steht, "wenn Bremen hier ein Tor schießt mit dem tollen Publikum, dann kann hier noch was passieren."

Pokaldrama als grün-weißer Ansporn

In Bremen hatten sie vor diesem Halbfinale davon geträumt, wieder Großes zu erreichen. Sie hatten geträumt vom ersten Finale seit 2010, vom ersten Titel seit 2009. Die Bremer hatten ihre Fußballer vor der Partie am Osterdeich zu Tausenden in Empfang genommen, als enges Spalier bis zur Stadioneinfahrt, mit grün-weißem Pyronebel, mit dem gesamten Repertoire der gesungenen Motivation. So wie im erfolgreichen Abstiegskampf 2016.

"Ich möchte mich bei unseren Fans bedanken", sagte Trainer Florian Kohfeldt am Ende dieses für ihn bitteren Abends. "Das war ein wahnsinniger Empfang. Es tut mir unendlich leid und es fällt mir schwer, darüber zu sprechen. Das ist ein trauriger Moment. Aber wir wollen mehr solcher Abende erleben", betonte er: "Wir wollen jetzt in der Liga Richtung Europa gehen, damit die Lichter in Bremen wieder häufiger brennen."

Dieser Abend und dieses Spiel boten in der schnellen Retrospektive aber auch Momente, die den Trainer positiv berührten. "Ich neige nicht zu Pathos, aber ich muss das heute mal sagen: Ich bin stolz auf die Jungs." Gegen ein internationales Topteam, bilanzierte Kohfeldt, hatten sie sich gewehrt. Sie seien gar die bessere Mannschaft gewesen, mit einem klaren Plan, mit Enthusiasmus, mit Mut. Allerdings, auch wenn Kohfeldt das ganz anders sah, ohne die Vielzahl an Topchancen, die sich derweil die manchmal fahrigen, aber oft auch wuchtigen Münchener noch über Gnabry (drüber), Thiago (drüber), Coman (Lattenkreuz) und Lewandowski (aus kürzester Distanz an den Pfosten) erspielten.

Hoeneß ist "total zufrieden"

Ein internationales Topteam, der FC Bayern. Das ist der Anspruch. Allzu häufig scheiterte er in dieser Saison allerdings an der Wirklichkeit. Noch am 24. November des vergangenen Jahres stellte Uli Hoeneß alles infrage. Das peinliche 3:3 gegen Fortuna Düsseldorf hatte den Präsidenten erzürnt wie Jahre nichts beim FC Bayern. Es hatte die Zukunft des angeknockten Trainers Kovac akut gefährdet. Vergangenheit.

Den schlechten, den uninspirierten Fußball, der Hoeneß damals kolossal nervte, gibt es nicht mehr. Nicht in der Welt von Hoeneß. Er ist einem Fußball gewichen, den der Klubpatriarch an diesem Mittwochabend gar als "fantastisch" feierte. Und das bereits seit Weihnachten, mit Ausnahme des Heimspiels gegen den FC Liverpool. "Ich bin mit der Mannschaft total zufrieden. Und wenn ein Trainer im ersten Jahr ins Pokalfinale kommt und vier Spieltage vor Schluss Tabellenführer in der Bundesliga ist, dann hat auch er eine gute Arbeit geleistet." Alles so eins minus halt.

Quelle: n-tv.de