Fußball

Ronny Blaschke im Interview "Die Opferrolle des Fußballs ist Humbug"

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Katar nutzt seine Chance, seine Macht als geopolitischer Riese auszubauen, sagt Ronny Blaschke.

(Foto: imago images / Xinhua)

Der preisgekrönte Journalist Ronny Blaschke bietet in seinem neuen Buch "Machtspieler" einen Einblick in die dreckigen Seiten des schönen Spiels. Im Interview mit ntv.de spricht er über Erdogans Kampf gegen Ultras, Katars Ambitionen und den unwichtigen Mesut Özil.

ntv.de: In Ihrem Buch beschreiben Sie viele dreckige Seiten des schönen Spiels. Können Sie eigentlich noch unbeschwert Fußball genießen?

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Ronny Blaschke beschäftigt sich mit dem Fußballgeschäft abseits des Rasens.

(Foto: Sebastian Wells)

Ronny Blaschke: Nein. Ich gehe schon lange nicht mehr aus privatem Vergnügen ins Stadion. Ich habe das Buch nicht als gekränkter europäischer Fan geschrieben, dem von Autokraten das wahre Spiel gestohlen wurde. Ich versuche alle Perspektiven ernst zu nehmen. An der WM in Katar interessiert mich weniger, was das für uns bedeutet. Sondern: Warum macht Katar das?

Also, warum investiert das kleine Katar Milliarden in den Fußball, in die WM 2022, in Paris St. Germain?

Jedenfalls nicht, um uns Trikots zu verkaufen. Die Welt dreht sich nicht nur um die Bundesliga. Seit 2017 wird Katar von Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten boykottiert. Ohne die guten Beziehungen in den Westen, also zu Politik und Kultur, aber auch zu Fifa, PSG und den Bayern, wäre Katar vielleicht schon von seinen Nachbarn angegriffen worden. Katar hat nur 2,5 Millionen Einwohner, ist aber geopolitisch ein Riese. Das kann man schlecht finden, aber es ist so. Und wir sollten uns genau mit Katars Motivation beschäftigen.

Viele deutsche Fans würden sagen: Mit ihren Fantastillionen tragen die Kataris bei zur Kommerzialisierung, die unseren Fußball kaputt macht.

Ich finde die Kommerzialisierung auch doof. Aber ich bin auch Demokrat und beuge mich den Mehrheiten: Die Quoten sind hoch, die Stadien voll, die Fernsehrechte teuer. Natürlich ist es absurd, dass ein so kleines Land wie Katar eine WM austrägt. Aber dass die arabische Welt mit mehr als zwanzig Ländern und 400 Millionen Menschen mal an der Reihe ist, ist auch klar. Eine panarabische WM hätte ich sehr charmant gefunden. Aber die Spannungen lassen das nicht zu.

Laut Klappentext schildern Sie in Ihrem Buch, wie der Fußball "zwischen die Fronten von Politik, Protest und Religion gerät". Aber begibt sich der Fußball nicht oft genug sehenden Blickes zwischen diese Fronten? Und wundert sich dann über Kreuzfeuer - siehe auch die umstrittene WM in Katar?

Zur Person

Der Autor Ronny Blaschke (Jg.1981) beschäftigt sich seit Jahren mit politischen Themen im Sport. 2007 wurde sein Buch "Im Schatten des Spiels. Rassismus und Randale im Fußball" als Fußballbuch des Jahres ausgezeichnet.

Absolut. Für mich sind Fußball und Politik kein Gegensatz, sie gehören zusammen. Im Iran hat der Schah schon vor 100 Jahren versucht, westliche Werte über den Fußball zu etablieren. In Ägypten haben sich Nationalisten über den Verein Al-Ahly gegen britische Besatzer gewehrt. Weltweit waren und sind viele Fußballfunktionäre auch Politiker. Fußball war immer politisch, und diese Opferrolle, die er gern einnimmt, ist Humbug.

Das aktuelle Paradebeispiel für die politische Rolle des Fußballs ist wohl China. Was will das Regime auf der "Seidenstraße aus Leder" erreichen?

Die Kommunistische Partei hat alles unter Kontrolle: Wirtschaft, Kultur und auch den Fußball. Nicht nur, um die Gunst der Europäer zu gewinnen, sondern aus wirtschaftlichen und geopolitischen Gründen. In China sollen Sportartikel und Merchandise den Konsum ankurbeln. Die großen Unternehmen hören genau auf die Signale von Präsident Xi Jinping. Sie fördern inzwischen weniger europäische, sondern eher heimische Profivereine. So sichern sie sich das Wohlwollen des Politbüros. Zudem finanzieren die Chinesen als Teil der "Neuen Seidenstraße" auch Stadien in Gabun oder Angola. Im Gegenzug gibt es wertvolle Rohstoffe. Man kann das als neokolonial bezeichnen - oder als clevere Expansion.

Wird sich das Machtzentrum im Weltfußball verschieben? Weg von Europa, näher an den arabischen Raum oder eben China?

Wir sollten China und die arabischen Staaten nicht als Bedrohung wahrnehmen. Die stärksten Ligen werden weiterhin in Europa sein, und die WM 2026 wird in Nordamerika stattfinden. Es geht den autokratischen Regierungen nur bedingt um sportlichen Erfolg, sondern eher um Handelsbeziehungen. Wie in Manchester: China hält Anteile an City, deren Sponsor Etihad hat ein neues Drehkreuz in Chengdu errichtet. Solche Absprachen werden zunehmen. Aber das gilt auch für westliche Konzerne wie Volkswagen oder Adidas, die besonders in China gut verdienen.

China spielt für die deutsche Wirtschaft eine wichtige Rolle, wie sehr, sieht man gerade in der Corona-Krise. 2017 wollte der DFB die Kooperation mit Chinas Verband verstärken und Freundschaftsspiele der U20 in der Regionalliga Südwest integrieren. Das Projekt endete mit pro-tibetischen Protesten auf der Tribüne, Unmut der Fans und diplomatischen Verstimmungen.

Solche Proteste sind wichtig, und ich finde schade, dass China sich sofort bockig zurückgezogen hat. Aber diese ständige Empörung hilft uns nicht weiter. China steht für ein Drittel des globalen Wirtschaftswachstums und für ein Fünftel der Weltbevölkerung. Tausende deutsche Unternehmen sind in China präsent. Der Fußball hätte in der Diplomatie Kanäle öffnen können, die woanders verschlossen bleiben.

Der politisierte Fußball hat also auch positive Aspekte?

Schauen Sie sich die Situation um die Krim und Russland an vor der WM 2018: Da hat der Fußball viele Debatten ermöglicht, obwohl das Verhältnis vieler Politiker zerrüttet war. In Westeuropa reduzieren wie bestimmte Länder auf ihre Regime. Ob China, Russland oder Katar: Überall habe ich interessante, kreative und mutige Fans kennengelernt. Wir sollten uns mehr auf ihre Hintergründe und Traditionen einlassen. Das ist doch interessanter als der 1000. Clásico in Barcelona.

In einigen politischen Umwälzungen der jüngsten Zeit haben Fußballfans eine wichtige Rolle gespielt, so wie die Ultras in Ägypten, die sich auf dem Tahrir-Platz Mubaraks Schergen entgegengestellt haben. Sie haben sich die Situation fast zehn Jahre nach der Revolution vor Ort angeschaut, was machen diese Ultras heute?

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Die werden jetzt vom Geheimdienst streng überwacht. Die Sicherheitsbehörden gehen gewaltsam vor, dutzende Ultras wurden getötet, viele sind im Gefängnis. Ich war in Kairo und habe mich selten so beobachtet gefühlt. Dort wollte auch fast niemand mit mir sprechen. Das ist traurig, weil die Ultras ein Symbol waren für Freiheit und Zivilgesellschaft.

In der Türkei unterstützen Ultragruppen den Protest im Gezi-Park 2013. Wie reagieren diese Leute darauf, dass Präsident Erdoğan seine Lieblingsklubs wie Başakşehir pusht, die zuletzt Vizemeister waren, und damit aktiv in den Fußball hineinregiert?

Das ist für seine Gegner eine große Motivation. Wir haben noch die Geschichten um Gezi im Hinterkopf, einige Filme glorifizieren die Rolle der Ultrakultur - aber im Buch erkläre ich, was danach passiert ist: Viele haben sich abgewandt vom Fußball. Sie würden gern weiter protestieren und gegen Erdoğan singen, aber das ist kaum noch möglich. Erdoğan langt streng zu. Mit Videoüberwachung und einem Ticketsystem, wo viele Daten gespeichert werden. Das hat die Fankultur geschwächt. Viele weichen auf andere Sportarten aus, einige leben im Exil oder haben ganz aufgegeben.

Sie verhandeln auch die Affäre Özil, aber nur am Rande und sehr unaufgeregt. Hat es Sie gestört, dass sein Foto mit Erdoğan wochenlang das Nummer-Eins-Thema war in Deutschland?

Ich halte die Leserschaft für klug. Ich beschreibe Entwicklungen, so kann sich jeder seine Meinung bilden. Wir feiern ja Fußballer schon, wenn sie mal ein Buch lesen, oder wenn sie schwammige Zeichen gegen Rassismus setzen. Aber es gibt Sportler, die riskieren wirklich viel. Die Galatasaray-Legende Hakan Şükür ist in Ungnade gefallen, weil er angeblich die Gülen-Bewegung unterstützt. Jetzt muss er in den USA Uber fahren, um sein Geld zu verdienen. Mohamed Aboutrika, ein Jahrhundertspieler in Ägypten, darf nicht mehr in seine Heimat einreisen, weil er angeblich die Muslimbruderschaft unterstützt. Parviz Ghelichkhani hat den Iran 1968 zur Asienmeisterschaft geführt, wollte aber die Hand des autokratischen Schahs nicht küssen. Er ist dann ins Exil nach Paris gegangen. Das sind die Helden des Fußballs, und nicht Ronaldo, Messi oder Özil.

Mit Ronny Blaschke sprach Christian Bartlau.

Quelle: ntv.de