Fußball

Löw steht vor Vertrauensfrage Die Strahlkraft der alten Helden verblasst

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Aktuell sind Spieler wie Toni Kroos (r.), Julian Draxler (M.) und Mats Hummels nicht in der Lage, an alte Leistungen anzuknüpfen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Zenit ist das Stichwort der Stunde bei der deutschen Fußball-Nationalelf. Die jungen Spieler haben ihn noch nicht erreicht, die alten längst überschritten. Nach der Pleite in Amsterdam muss der Bundestrainer entscheiden, wem er vertraut. Es wartet der Weltmeister.

Eine Sache gestand Joachim Löw unumwunden ein: "Das war eine sehr brutale und enttäuschende Niederlage." Und der Bundestrainer räumte auch mit der Mär auf, diese Pleite in der Nations League am Samstagabend sei exklusiv der Tatsache geschuldet, dass seine Spieler nicht in der Lage waren, den Ball ins Tor zu schießen. "Das war's natürlich nicht alleine." Innenverteidiger Mats Hummels hatte genau das nach dem 0:3 (0:1) in der Amsterdamer Johan-Cruijff-Arena gegen die Niederlande behauptet: "Es ist eine Frage der fehlenden Chancenverwertung. Eindeutig. Ich weiß nicht, ob man es anders sehen kann." Das kann man nicht nur anders sehen, das muss man anders sehen.

Die Probleme fingen bei Torhüter Manuel Neuer an, der nach einer halben Stunde das erste Tor von Virgil van Dijk, dem Kapitän der Gastgeber, maßgeblich mitverschuldete; sie zogen sich durch die Abwehr, in der vor allem Hummels und noch mehr Jérôme Boateng nicht die Sicherheit ausstrahlten, die sie einst besaßen. Thomas Müller blieb auf dem rechten Flügel oft wirkungslos, alle vier machten nicht den Eindruck, als hätten sie die Krise des FC Bayern im Nationaltrikot plötzlich überwunden. Vielmehr stellt sich die Frage, ob sie nicht die Krise des FC Bayern sind. Allein der Münchner Joshua Kimmich machte im defensiven Mittelfeld eine sehr ordentliche Partie. Aber der ist ja mit seinen 23 Jahren auch noch jung. Auch im Spielaufbau haperte es. Kimmich gelangen zwar einige gute Pässe, aber Toni Kroos spielte den Ball zu oft quer und wurde seinem Führungsanspruch nicht gerecht.

Frappierend war, dass der deutschen Mannschaft, so sehr sie sich auch mühte, nach der Pause nicht mehr viel gelang. Und hätten die Niederländer ihre Konter konsequenter ausgespielt, der Sieg wäre viel früher perfekt gewesen und mutmaßlich noch höher ausgefallen. So dauerte es bis zur 87. Minute, bis Memphis Depay das 2:0 erzielte, ehe Georginio Wijnaldum in der Nachspielzeit den höchsten Sieg der Elftal überhaupt gegen den Nachbarn perfekt machte. Vor beiden Toren hatte der nach einer knappen Stunde eingewechselte Julian Draxler im Spielaufbau den Ball verloren.

"Sonst steigen wir in der Tat ab"

Kroos hatte vorher davon gesprochen, das Ziel sei es, aus den Spielen in Amsterdam und am Dienstag (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) beim Weltmeister in Frankreich sechs Punkte zu holen. Das ist schwerlich noch möglich. Und sollte die deutsche Mannschaft auch im Stade de France zu Saint-Denis verlieren, droht der Abstieg in die B-Klasse der Nationenliga. Löw weiß, dass das nach dem peinlichen Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft in Russland auch für ihn ein Problem ist, das immer größer wird und eine für ihn unangenehme Dynamik entwickeln könnte. "Wir müssen die richtigen Schlüsse ziehen für das Spiel in Paris, da Charakter zeigen - die Mannschaft und jeder Einzelne. Wir müssen ausblenden, was auf uns einprasselt, einen Punkt machen und zu Hause gegen die Niederlande gewinnen, sonst steigen wir in der Tat ab." Das klang dann doch schon sehr nach Durchhalteparole.

Als ihn dann ein niederländischer Journalist auf Englisch fragte, ob die Partie in Amsterdam eines seiner letzten Spiele als Bundestrainer gewesen sei, stutzte Löw und musste sich erst bei Jens Grittner, dem Pressesprecher, versichern, ob er das richtig verstanden habe. "Das schlechteste Spiel?" Nein, das letzte - "last", nicht "worst". Aha. "Für mich, oder was? Da müssen wir schnell tauschen hier, da bin ich der falsche Ansprechpartner."

Der richtige wäre DFB-Präsident Reinhard Grindel. Das ist der Mann, der vor der WM den Vertrag mit seinem obersten Trainer ohne Not bis 2022 verlängert hatte. Selbst bei einem Abstieg aus der Gruppe A der Nations League ist es schwer vorstellbar, dass Grindel sein Fähnchen plötzlich in einen anderen Wind hängt. Schwierig aber, sagte Löw, schwierig sei es im Moment schon. "Es ist nicht einfach, weil uns das Selbstverständnis und die Leichtigkeit im Spiel fehlen." Da stellt sich doch die Frage, warum er weiter an den Spielern festhält, die 2014 in Brasilien Weltmeister geworden waren? "Weil die richtige Mischung wichtig ist."

Nur auf junge Spieler wie zum Beispiel Kimmich, Thilo Kehrer, Serge Gnabry, Julian Brandt, Niklas Süle, Leroy Sané und Timo Werner zu setzen, ergebe keinen Sinn, argumentierte der Bundestrainer. "Sie haben noch nicht die ganz große Qualität, um auf dem Zenit ihrer Leistungsfähigkeit zu sein. Wir dürfen von ihnen keine Wunderdinge erwarten." Das vielleicht nicht. Aber ein 0:3 hätten die auch noch erreicht.

Dabei ist Zenit ein gutes Stichwort. Diese Spieler sind ein Versprechen auf die Zukunft, die im besten Fall eine sehr gute sein wird. Löw muss sich entscheiden, wem er vertraut. Und sein Personal nicht länger daran messen, was es einst geleistet hat, sondern daran, was es jetzt leisten kann. Die Helden von 2014 sind müde. Sie haben ihren Zenit überschritten, ihre Strahlkraft ist verblasst.

Quelle: n-tv.de

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