Fußball

Fußball droht Bedeutungsverlust Die dringende Warnung eines Bundesligabosses

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Michael Meeske macht sich Sorgen um die Zukunft des Fußballs.

(Foto: IMAGO/regios24)

Wolfsburg und Fußball. Das interessiert niemanden. Klar, die Wölfe spielen in der Bundesliga, doch das war es schon. Jetzt kommt ausgerechnet von dort eine dringende Warnung. Der Liga, sagt VfL-Boss Michael Meeske, droht der Gang in die Nische, er hat eine Lösung. Es lohnt sich, ihm zuzuhören.

Der VfL Wolfsburg ist kein Klub, der in der Bundesliga die Massen bewegt. Der "Werk-Stadt-Verein" aus der niedersächsischen Provinz erreicht kaum Menschen, die VW-Stadt am Mittellandkanal findet nur in der öffentlichen Wahrnehmung nur in Witzen über Züge oder Wirtschaftsnachrichten statt. Trotzdem sind die Wölfe nun seit langen Jahren Bestandteil des deutschen Profifußballs und manchmal lohnt es sich vielleicht sogar, genauer auf die Worte der dort tätigen Funktionäre zu hören.

Sie haben einen anderen Blick auf das Gesellschaftsspiel Fußball, operieren außerhalb des von den zahlreichen Traditionsklubs etablierten Wertesystems. Das ist auf der einen Seite - Stichwort 50+1 - durchaus problematisch. Hier gleicht der Konzern Volkswagen, der gleichzeitig Inhaber des Klubs ist, die Verluste aus. Das waren im abgelaufenen Geschäftsjahr nach Angaben jüngst von der DFL veröffentlichter Finanzkennzahlen 17,8 Millionen Euro. Andere Klubs haben diese Möglichkeit nicht.

Das aber soll hier nicht Thema sein. Es geht um etwas anderes. Um die Erschließung des Fußballs für neue Generationen, um die Digitalisierung des Spiels - nicht durch Quatschideen wie Drohneninterviews, sondern um einen Schritt, den die Rennserie Formel 1 schon so erfolgreich gegangen ist und das Motorenspektakel so auf ganz neue Füße gestellt hat. Über Netflix, über die zahlreichen kurzen Clips vom noch laufenden Rennen finden die Zuschauer den Weg zu den Veranstaltungen und bleiben dort hängen.

Der andere Blick aufs Spiel

Etwas, das, so sehr sich Traditionalisten auch dagegen wehren, durchaus auch im deutschen Fußball geben kann. Es geht also um "die Netflixisierung des Fußballs", wie es Wolfsburgs Geschäftsführer Michael Meeske Anfang 2022 im Gespräch mit ntv.de/"11Freunde" nannte. Es geht um neue Sehgewohnheiten, neue Generationen und die Hoffnung, auch diese für das Spiel zu begeistern.

"Es kann nicht nur Oasen der Fußballromantik geben", sagte er damals. Er forderte eine Neuausrichtung: Wir wollen zeitgemäße Sportunterhaltung anbieten. Wir fragen uns auch, was die nächste Generation vom Fußball erwartet. Es wird weiter klassische Kurven geben, aber neue Zuschauer haben vielleicht andere Ansprüche."

Genau deswegen ist es wichtig, auch diese andere Seite der Liga, die frei von der Last der großen Traditionen ist, zu hören. Sie wird, nach allem, was wir wissen, nicht plötzlich verschwinden, sondern kann vielmehr ein wichtiger Gegenpol sein. Und zwar nicht, indem sie mit Geldscheinen wedeln und sich in die Opferrolle drängen, wie es der Pokalsieger RB Leipzig in den letzten Wochen immer wieder getan hat, sondern indem sie eben einen anderen Blick auf das Spiel liefert.

Das Problem der DFL

Es geht auch um die Zukunft der Bundesliga, die sich in den letzten Jahren gerade auf dem internationalen Markt als digitaler Vorreiter inszeniert. Doch dabei geht es meist um Datenerhebung, um In-Game-Stats, um die Nutzen von 5G und neues Übertragungstechniken. Selten aber geht es um den Ort, an dem sich die meisten potenziellen Fans tummeln. Selten geht der Blick auf Atemlosigkeit der Sozialen Medien. Die lebt von kurzen Videoschnipsel im Internet, die Meinungen etablieren und Momente zu Groß-Ereignissen hochjubeln. Fluch und Segen zugleich. Eine Antwort darauf hat die Deutsche Fußball-Liga (DFL) bislang nicht gefunden.

Die DFL geht restriktiv mit den Rechten um. Wer Szenen sehen will, muss klassisch um 18 Uhr ARD-Sportschau gucken oder mindestens ein Abo besitzen, um bei Sky oder DAZN Zusammenfassungen zu schauen. Verwackelte, mit dem Handy im Stadion aufgenommene oder gar vom Fernseher abgefilmte, Spielszenen, werden in den Sozialen Medien häufig gesperrt. Die Liga erschwert die Verbreitung eben jener Schnipsel, die auf dem weltweiten Jahrmarkt der Aufmerksamkeit mit denen anderer Momente konkurriert.

Nicht einmal den Klubs selbst ist es erlaubt, während der laufenden Spiele Szenen Highlights zur Verfügung zu stellen. In einigen Märkten gibt es Ausnahmen. Dort können die Rechteinhaber Highlights direkt ausspielen, doch das passiert, selten. Von der nahezu perfekten Social-Media-Inszenierung der US-Sportligen ist die Bundesliga so weit entfernt wie der VfL Wolfsburg von den Herzen der meisten Fußball-Fans.

Was der Liga droht

Es lohnt sich trotzdem, der Warnung vom Mittellandkanal Gehör zu schenken. Denn sie spiegelt nur das wider, was in der Branche schon lange Thema ist, die verpasste Chance der wirklichen Digitalisierung der Liga. "Ein Fußball, der nur ein Angebot für Puristen sein will, wird auf Dauer ein Nischenthema werden und - so glaube ich - immer weniger massenkompatibel sein. Es wird immer eine Zielgruppe dafür geben, aber die wird immer kleiner werden", warnt Wölfe-Geschäftsführer Meeske nun in einem Interview mit der DPA. Eine dieser Ideen, diese Gruppe für den Fußball zu begeistern, ist einfach und zielt auf eben diese restriktive Politik der DFL. Der 50-Jährige fordert, "dass Zuschauer im Stadion selbst kurze Videos drehen und streamen" dürfen.

Etwas, was der Attraktivität einer Liga, die sich auch im Ausland über ihre Fankultur definiert, keine ganz so dumme Idee ist. Etwas, was auch den neuen Anforderungen im Zuge der Digitalisierung für neue Fans in den Stadien sorgen kann.

"Kinder und Jugendliche schauen sich nicht mehr 90 Minuten nur ein Programm an. Kinder und Jugendliche haben mehr als nur ein Device in der Hand. Kinder und Jugendliche wollen nirgendwo hingehen, wo sie ihr Handy ablegen müssen", analysierte Meeske die Gewohnheiten der Generation, die nun die Zielgruppe der Bundesliga, die in ihren traditionellen Kurven ohnehin mit einer Überalterung zu kämpfen hat. Und nicht an jedem Standort ist es für Jugendliche attraktiv, um die wenigen Karten zu kämpfen. Es gibt schlichtweg spannendere Freizeitbeschäftigungen.

Meeskes Warnung an die Liga sollte daher nicht als Stimme eines Leichtgewichts abgetan werden, sondern dazu dienen, die Strukturen ein wenig aufzubrechen. Denn es kann nicht nur Oasen der Fußballromantik geben. Diese Aussage bildet die Realität des Jahres 2022 ab.

Quelle: ntv.de

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