Fußball

Von wegen sang- und klanglos Die erstaunliche Wandlung von RB Leipzig

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Torschütze Timo Werner strahlt das derzeit maximale Selbstvertrauen der Leipziger aus.

(Foto: imago images/Colorsport)

RB Leipzig spielt gegen Tottenham ballsicheren, begeisternden Fußball und hält alle Trümpfe, um ins Viertelfinale der Champions League einzuziehen. Und das, obwohl nicht einmal der Trainer einen Bart hat.

Ethan Ampadu sank nach Abpfiff völlig ausgepumpt auf den Rasen des gigantischen Tottenham-Hotspur-Stadiums und hielt sich mit schmerzverzerrtem Gesicht die von Krämpfen geplagten Beine. Der erst 19 Jahre alte Waliser taugt perfekt als Bild für die spielerisch ebenso wie kämpferisch begeisternde Leistung, die RB Leipzig in den 95 Minuten zuvor beim 1:0 (0:0)-Auswärtserfolg im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League bei Tottenham Hotspur geboten hatte. Denn Ampadu, der erst seine siebte Partie für RB überhaupt absolvierte, avancierte durch die Sperre von Dayot Upamecano plötzlich zum Abwehrchef in der Dreierkette und zu einem der Helden dieses Abends.

Der Leihspieler des FC Chelsea hatte die meisten Ballkontakte, baute erstaunlich abgeklärt und klug das Spiel auf und leistete sich bis auf eine Szene, als er sich in der ersten Hälfte verschätzte, keine Fehler. Angesichts der fehlenden Matchpraxis, im bislang wichtigsten Spiel der erst knapp elfjährigen Leipziger Klubgeschichte, der Bedeutung dieser Partie "angemessen" abzuliefern, wie Trainer Julian Nagelsmann befand, zeigt, welchen Reifegrad die jüngste Mannschaft in der "Königsklasse" mit dem jüngsten Trainer, der jemals in der K.-o.-Phase stand, bei ihrer erst zweiten "Königsklassen"-Teilnahme inzwischen besitzt.

Tottenham Hotspur - RB Leipzig 0:1 (0:0)

Tottenham: Lloris - Aurier, Sanchez, Alderweireld, Davies - Lo Celso, Gedson (64. Lamela), Winks, Bergwijn - Alli (64. Ndombele) - Lucas Moura. - Trainer: Mourinho
Leipzig: Gulacsi - Klostermann, Ampadu, Halstenberg - Mukiele, Sabitzer, Laimer (83. Forsberg), Angelino - Nkunku (74. Haidara), Timo Werner - Schick (77. Poulsen). - Trainer: Nagelsmann
Schiedsrichter: Cüneyt Cakir (Türkei)
Tor: 0:1 Timo Werner (58., Foulelfmeter)
Zuschauer: 60.095
Gelbe Karten: Lo Celso (2), Davies, Lamela - Sabitzer, Timo Werner, Nkunku

"Ich finde, Ethan hat ein überragendes Spiel gemacht. Er war mit dem Ball sehr stark, hat sehr gute Diagonalbälle geschlagen und auch in der Verteidigung extrem stabil gespielt", lobte Keeper Peter Gulacsi. "Er hat lange darauf gewartet. Ich freue mich sehr, dass er, auf so einer großen Bühne so ein Spiel gemacht hat. Der ist ein super, super Junge." Und Abwehrkollege Lukas Klostermann bestätigte: "Er hat heute alles reingeworfen, was er hat. Er hat es überragend gemacht. Es zeichnet uns generell aus, dass wir Verletzungen oder Sperren ohne Probleme kompensieren können."

Beeindruckt? Unbeeindruckt!

RB war kein Stück beeindruckt von der elektrisierenden Kulisse in dem über eine Milliarde Pfund teuren, modernsten Fußballstadion der Welt, wo 17.500 Fans auf den 35 Grad steilen south stands ihr Team antreiben. Nicht immer gleichmäßig laut, aber in Spitzen ohrenbetäubend. Vielmehr waren die ebenso ersatzgeschwächten Spurs überrumpelt vom Wagemut der Leipziger. Die Gäste setzen Tottenhams Motto "To dare is to do" – etwas zu wagen, bedeutet es zu tun – besser um und agierten so mutig und ballsicher, wie das vor einem Jahr nicht ansatzweise vorstellbar gewesen wäre, als RB sang- und klanglos in der Gruppenphase der Europa League durch ein 1:1 gegen Rosenborg Trondheim ausgeschieden war.

Doch im Londoner Norden, wo die Metropole noch mehr Multikulti ist als anderswo und wo 193 Sprachen gesprochen werden, agierte RB wie eine Spitzenmannschaft, die Tottenham in der ersten Hälfte kaum Luft zum Atmen ließ. "Es war sehr reif von so einer jungen Mannschaft", lobte Nagelsmann, der das Team perfekt auf diese Aufgabe – auch mental – vorbereitet hatte. "Wir haben der Bühne angemessen Seniorität reingebracht. Wenn der Trainer schon keinen Bart hat, müssen wir wenigstens ein bissel seniorenhaft spielen, dass die Jungs erwachsen rüberkommen", sagte der Bayer trocken.

Mit der Chancenverwertung klappt's nicht so

Einziges Manko war die Chancenverwertung. Bereits nach zwei Minuten hätte RB 2:0 führen können, wenn nicht müssen, als erst Patrik Schick freistehend das Tor verfehlte (1.) und danach erst der Premier League erfahrene, von Manchester City ausgeliehene Leihspieler Angelino aus kurzer Distanz den Pfosten traf und danach Timo Werner am überragend parierenden Hugo Lloris scheiterte (2.). Ebenso in der 32. Minute, als Werner freigespielt vom herausragenden Konrad Laimer erneut gegen den französischen Weltmeister im Tor die Nerven versagten. Bis auf Steven Bergwijns Schuss aus dem Strafraum, den Gulacsi mit einer Weltklasse-Parade hielt (8.), hatte Tottenham keine Chance aus dem Spiel heraus. "Wir hatten einige Spieler, die heute sehr müde waren. Aufgrund unserer Personalsituation ist es fast, als würden wir mit einer Pistole ohne Munition in den Krieg ziehen", sagte Tottenhams Trainer José Mourinho hernach.

Doch es spricht für Werner, der zuvor fünf Spiele nicht getroffen und nun wieder zwei hundertprozentige Gelegenheiten vergeben hatte, dass er sich in der 58. Minute den Ball auf den Punkt legte und zum Elfmeter antrat. Ben Davies hatte den in den Strafraum dringenden Konrad Laimer so ungestüm gestoppt, als sei er beim Rugby. Klarer war ein Elfmeter selten. Der türkische Schiedsrichter Cüneyt Cakir zögerte keine Zehntelsekunde. "Es war nicht einfach, in so einem Stadion einen Elfmeter zu schießen, wo alle wild hinter dem Tor herumfuchteln", sagte Laimer. Nur gut vier Meter hinter der Grundlinie tobten die über 60.000 Fans. "Aber wir haben uns eben nicht einschüchtern lassen", so der Österreicher, der wegen einer Verletzung am Schultereckgelenk ausgewechselt werden musste und wohl gegen Schalke eine Pause benötigt.

Zwar wankte der Sieg in den letzten 20 Minuten, als bei RB die Kräfte schwanden und Tottenham mit der Macht ihrer Anhänger alles reinwarf. Giovani Lo Celsos Freistoß lenkte Gulacsi mit den Fingerspitzen an den Pfosten (73.). Doch die RB-Defensive hielt dem Druck stand. Auch dank Ethan Ampadu, der kurz vor Schluss noch in höchster Not gegen Bergwijn klärte. Umringt von zahlreichen britischen und deutschen Reportern sagte der Defensivallrounder: "Der Trainer hat vor dem Spiel gesagt: Sei einfach du selbst, sei nicht nervös, hilf dem Team dabei, aktiv zu sein. Ich hoffe das habe ich getan", sagte der Teenager, der noch Pickel im Gesicht hat und nur ein zartes Oberlippenbärtchen trägt, aber auftrat wie ein Senior.

Quelle: ntv.de