Fußball

Und wird's dann doch noch Götze? Die kritische Flickschusterei beim FC Bayern

Die krachende Bundesliga-Niederlage in Hoffenheim ist für den FC Bayern schmerzhaft, für Trainer Hansi Flick aber auch eine ganz wichtige Bestätigung: Ohne Neuzugänge wird es eine schwierige Saison für den titelbeseelten Rekordmeister.

Nun, die schlimmere Nachricht für Hansi Flick ist vermutlich nicht, dass Mickaël Cuisance seinen FC Bayern nach nur einer Saison ohne bleibende Eindrücke wieder verlassen wird. Zum englischen Aufsteiger Leeds United soll es den jungen Franzosen ziehen. 20 Millionen Euro sollen die Münchner dafür erhalten, dass sie ihr dünnes Aufgebot weiter reduzieren. Die schlimmere Nachricht für Hansi Flick ist, dass Leroy Sané, der Königstransfer ausfällt. Probleme mit dem Knie hat er. Mit dem rechten. Das ist vielleicht nicht unwichtig zu wissen, denn rechts war auch der auskurierte Kreuzbandriss. Bei der aktuellen Verletzung soll es sich um eine Kapselverletzung handeln. Ein Einsatz im Supercup gegen Borussia Dortmund am Mittwoch (20.30 Uhr im ZDF) - ausgeschlossen. Ebenso ein Einsatz in der Bundesliga am Wochenende.

Besonders viel Kreativität muss der Trainer in die Wie-ersetze-ich-Sané-Frage indes nicht investieren. Mit Kingsley Coman ist der Champions-League-Titelheld zurück aus der Corona-Quarantäne. Wohl dem (Flick), der solche Optionen hat! Wobei der Plural fast nicht zulässig ist. Denn das Ding mit den Optionen ist das große Reizthema in München. Nicht erst in diesem Sommer, aber nun ganz besonders. Denn das ohnehin schon ziemlich schmale Aufgebot des FC Bayern reduzierte sich in den vergangenen Wochen drastisch bis dramatisch. Erst verabschiedeten sich die mindestens mal sehr soliden Leihspieler-Alternativen Philippe Coutinho und Ivan Perisic - der wenig gebrauchte Álvaro Odriozola ging auch wieder -, dann folgte Thiago. Angesichts eines talentierten Abwehrspielers (Tanguy Nianzou), eines Ersatztorwarts (Alexander Nübel) und eben Sané rief Flick seine Vorgesetzten schon vor Wochen abermals dazu auf, noch nachzulegen.

Seine genauen Vorstellungen zur Zusammensetzung des Kaders hatte der Trainer dabei deutlich gemacht. "Idealerweise sollte jede Position doppelt besetzt sein. Optimal wären 20 gestandene Feldspieler plus vier Talente", sagte er der "Sport Bild". Das sei gerade für diese intensive und vollgepackte Saison elementar.

Die Talente sind noch nicht soweit

Was im Winter noch für reichlich Stress sorgte, wurde diesmal nicht öffentlich debattiert. Zumindest nicht von den Leuten, die in der ersten Reihe der Verantwortung stehen. Nur von etwas weiter hinten, von Uli Hoeneß - zumindest offiziell steht er dort - wurde vehement erklärt, dass der Kader keinen weiteren sportlichen Input bräuchte. Sondern, dass man angesichts der aktuellen Erfolge durchaus auch wenig mit dem vorhandenen Personal experimentieren dürfe. Tatsächlich liegt der ewige Patron ja nicht falsch, wenn er einen Corentin Tolisso (immer wieder verletzt, aber bislang auch ohne echten Durchbruch) abermals als gefühlten Zugang nennt.

Und klar, auch Rekordmann Lucas Hernández hat immer noch sehr viel Potenzial, um sich als Verstärkung zu etablieren. Allerdings: Bereits in der vergangenen Saison waren sie da, spielten zusammen 53 Mal für die Münchner, kamen auf 2515 Minuten, was fast exakt 28 Pflichtspiele über die volle Distanz macht. Das waren mindestens mal wichtige Pausen für etablierte Kräfte.

Genau darum geht es ja nun auch. Beziehungsweise umso mehr. Denn diese erste komplette Corona-Pause hat eine nie dagewesene Dichte an Terminen. Und das erfolgreiche Spiel der Bayern benötigt ein Maximum an Power. Mit einem aberwitzigen Pressingdruck hatte die Mannschaft von Flick alle Gegner verzwergt, ganz besonders den FC Barcelona im Viertelfinale der Champions League. Aber selbst eine neue, eine etwas ressourcenschonendere Taktik ist mit einem Aufgebot von je nach Lesart drei Torhütern und 15 etablierten Profis (Cuisance nicht eingerechnet) kaum erfolgreich zu stemmen. Zumal mit Javi Martinez, dem baskischen Wadlbeißer, noch ein Spieler den dringenden Wunsch hegt, zu wechseln.

"Alle haben ihre Ziele, genauso wie der Trainer"

Wie dringend Not Alternativen auf Top-Niveau tun, das hat die Pleite in Hoffenheim entlarvt. Dass sie so deutlich ausfallen musste und ausgerechnet von Sebastian Hoeneß, dem Ex-Münchner Meistertrainer (2. Mannschaft, damit keine Missverständnisse aufkommen), ausgetüftelt wurde, war vielleicht blöd, für den Trainer aber durchaus wichtig, um seinem Anliegen nochmal Nachdruck zu verleihen (und Hoeneß, den Älteren zu widerlegen). Viele Talente (die tummeln sich ja im Kader) sind schön (und sie sind ja auch gut), aber sie reichen eben (noch) nicht, um einen deutlichen Qualitätsabfall zu verhindern. Ein Joshua Zirkzee ist bei allen Anlagen eben kein Robert Lewandowski, ein Adrian Fein ist kein Leon Goretzka und ein Chris Richards auch kein Benjamin Pavard. Alle nicht einmal annähernd. Aber: Das müssen sie auch nicht!

Die Hilfe muss eben doch von außerhalb des Bayern-Campus kommen. Und das wird sie wohl auch. "Ich bin guter Dinge, weil jedem bewusst ist, dass die Saison keine normale Saison ist, wenn wir alle drei, vier Tage ein Spiel haben", sagte der Coach nun noch einmal. Sportvorstand Hasan Salihamidzic und sein Team würden gute Arbeit leisten. "Wir versuchen, was möglich ist, auch zu realisieren. Wir müssen mit Sinn und Verstand arbeiten", sagte Flick. Er sei auch nicht nervös. Allerdings ist es eben auch so: "Wir haben Spieler hier, die sind Weltklasse und haben alle ihre Ziele, genauso wie der Trainer. Wir brauchen einen gewissen Kader, wenn wir unsere Ziele erreichen wollen." Mindestens einen Mann für rechts hinten, für das zentrale Mittelfeld und die offensive Außenbahn wünscht sich Flick. Wer's wird? Max Aarons von Norwich City vielleicht, oder aber doch noch Callum Hudson-Odoi vom FC Chelsea? Sport1 wirft noch Tariq Lamptey von Brighton & Hove Albion in den Gerüchtering. Und dann ist da auch immer noch Mario Götze. Flick ist überzeugt, die Bosse (noch) nicht.

Das (un)charmante an dieser spektakulären Personalie: Die Bayern könnten den vereinslosen Götze auch noch nach dem 5. Oktober unter Vertrag nehmen - dann endet die Transferperiode. Als Zuckerl oder eben als Notlösung. So oder so: Es wäre die Fußball-Sensation des Jahres. Außer Peter Neururer würde den FC Schalke 04 übernehmen. Das wäre die Fußball-Sensation des Jahrzehnts.

Quelle: ntv.de

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