Fußball

Die Lehren des zweiten Spieltags Hoeneß zeigt, wie man den FC Bayern zerlegt

Der FC Bayern bestätigt die Befürchtungen von Trainer Hansi Flick, während Hoffenheim-Coach Sebastian Hoeneß eine Blaupause für Bayern-Gegner liefert. Dortmund kämpft mit alten Problemen, Mainz ist nicht Hollywood und der FC Schalke präsentiert sich wie einst Tasmania Berlin.

Der FC Bayern ist doch menschlich

Was sich schon im europäischen Supercup gegen den FC Sevilla mehr als nur andeutete, das machte die Klatsche bei der TSG Hoffenheim endgültig offensichtlich: Der Kader des FC Bayern ist nicht bereit für eine Saison, in der über weite Strecken alle drei Tage ein Pflichtspiel auf dem Plan steht. Vom Reisestress für Europapokal und Länderspiele ist da noch gar keine Rede. Natürlich ist die erste Niederlage im Jahr 2020 kein Grund zur Panik, vor allem dann nicht, wenn sie eine 23 Spiele andauernde Siegesserie beendet und erst Ende September passiert. Dennoch ist eben festzuhalten, dass der FC Bayern schon am zweiten Bundesliga-Spieltag in der Situation ist, mit seinen Kräften haushalten zu müssen. Denn das Champions-League-Finale, der letzte Einsatz der Vorsaison, liegt nicht einmal fünf Wochen zurück.

So überraschend die Niederlage ist und so sensationell die Tatsache, dass Hoffenheim dem Rekordmeister gleich vier Tore einschenkt, so sehr bestärkt dieses Ergebnis zugleich Hansi Flick. Der Trainer des Quadruple-Gewinners fordert vehement Verstärkungen ein, muss aber laufend Abgänge aus dem Kreise der Startelfanwärter quittieren. Thiago ist weg, Ivan Perisic ist weg, Philippe Coutinho ist weg, in der Bundesliga absolvierte jeder aus dem Trio im Vorjahr mindestens 22 Spiele. Der einzige Neuzugang, der sofort für die erste Elf eingeplant ist, ist Leroy Sané. Weder von Alexander Nübel noch vom 18-jährigen Tanguy Nianzou steht zu erwarten, dass sie regelmäßig zum Einsatz kommen. Wenn auch Javi Martínez den Klub verlässt, wird es personell ganz schnell ganz dünn.

Es liegt jetzt an Sportdirektor Hasan Salihamidžić, die Mannschaft zu verstärken. Nicht nur, weil sich Trainer Flick das wünscht, sondern weil den Münchnern sonst eine Spielzeit drohen könnte, wie er sie früher oft nach Europa- und Weltmeisterschaften erlebt hat. Wenn nämlich große Teile des Kaders den Sommer durchgespielt haben, statt Pause machen zu können. Aufgrund der Corona-Pandemie und des späten Champions-League-Turniers gilt das für den FC Bayern als Ganzes. Für Panik ist es eindeutig zu früh, die Flick'schen Mahnungen aber bestätigen sich.

Die TSG Hoffenheim hat gute Ideen

Es sagt sich ja so leicht: Wer gegen den FC Bayern "defensiv kompakt stehen", also mauern will, wird verkloppt. Die Qualität des Rekordmeisters ist zu groß, um dagegen mit einem tief stehenden Abwehrriegel anzukommen. Wie man den übermächtig wirkenden Unbesiegbaren a.D. dagegen beikommen kann, zumal in einer Phase, in der der ohnehin arg gestresste Kader von DFB und Uefa durch ein unglaubliches Programm gejagt wird, zeigte die TSG Hoffenheim: Pressing, Gegenpressing, schnelles Umschalten und die hoch stehende Abwehrreihe mit Bällen hinter eben jene stressen. Mancher wird sich an die wackligen ersten Minuten aus dem Champions-League-Halbfinale des Triple-Siegers gegen Olympique Lyon erinnern: Die Franzosen hätten da gut und gerne früh in Führung gehen können. Es kam anders, aber in Erinnerung blieben die Schwierigkeiten, die die beinahe absurd hoch stehenden Außenverteidiger mit den Überfällen Olympiques hatten.

Man muss sich also "nur" der kompletten Palette an kleinen Gemeinheiten bedienen, die das Taktikbuch des Fußballs der 2020er-Jahre hergibt. Entschließt man sich zu dieser Herangehensweise, braucht es nur noch drei Dinge und der Sieg über den unschlagbaren FC Bayern ist greifbar: Den Mut, die eigene Idee mit Überzeugung durchzuexerzieren. Konsequenz und Zählbares bei eigenen Standardsituationen. Und einen Rekordmeister, der in den letzten Wochen so dermaßen durchgewalkt wurde - unter anderem mit 120 Supercup-Minuten drei Tage vor dem Spiel - dass eben doch ein paar Prozent fehlen und das so perfekt funktionierende Ensemble Fehler macht. Die TSG Hoffenheim ist jetzt Tabellenführer, der gerechte Lohn für eine mutige, konsequente Leistung voller Überzeugung. Und die richtigen Ideen zur richtigen Zeit.

Der BVB und das verdammte Muster

Es ist ihnen schon wieder passiert: Der BVB hat sich gegen einen nicht eben übermächtigen Gegner selbst sediert und damit knapp 80 Prozent Ballbesitz zu einem reinen Verwaltungsakt degradiert. „Wenn eine Seite blockiert ist, musst du auch mal zurück oder quer spielen“, sagte Dortmunds Trainer Lucien Favre nach dem Spiel beim FC Augsburg, das der Vizemeister mit 0:2 verloren hatte. Was Favre meinte: "schnell" müsse das passieren. Stattdessen hatten seine Kicker vorher das Tempo gescheut, es fehlte die Schärfe in den Kombinationen, der Zug in den entscheidenden Aktionen, die Überzeugung beim riskanten, aber für den Gegner schmerzhaften Pass. Nichts mehr war übrig geblieben vom rauschhaften Hochgeschwindigkeitsfußball, mit dem die Jugendgang eine Woche vorher die deutlich höher eingeschätzte Borussia Mönchengladbach überrannt hatte.

Augsburg hielt nun einfach dagegen, robust und mit dem Willen, dem Qualitätsensemble ordentlich weh zu tun. Mit humorloser Defensivarbeit und zur Not eben auch körperlich. "Wir haben solche Spielverläufe schon häufiger gehabt, und das ist ärgerlich", schimpfte BVB-Sportdirektor Michael Zorc. Und natürlich: Es ist längst ein Muster bei Borussia Dortmunds unter Lucien Favre: Setzt man dem BVB zu, lässt ihm den Ball und verwickelt ihn in ein Geduldsspiel, steigen die Chancen rasant, etwas Zählbares zu holen. "Mehr Geduld", hatte sich Favre von seinen eigentlich so unheimlich guten Offensivkräften erhofft. Was er bekommen hatte, waren tolle Statistiken, eine Scheinüberlegenheit - und eine bittere Niederlage.

Wunder gibt es nur einmal pro Spieltag

Wäre die Bundesliga ein Sportfilm aus Hollywood, wäre der VfB Stuttgart an diesem Montag nicht Tabellenachter und der 1. FSV Mainz 05 nicht erster - nun ja - Verfolger des FC Schalke im Rennen der Schande. Im Sportfilm wäre die Mannschaft, die unter der Woche ihre sportliche Führung bestreikt hatte, wie Phoenix aus der Asche emporgestiegen, zusammengeschweißt und festen Willens, gegen alle Widerstände eine große Leistung abzuliefern. Es wäre ein Zeichen gewesen, innerlich unterlegt von orchestralen Klängen. Das Opfer wäre der VfB Stuttgart gewesen, die biedere Opel-Arena im Feld vor Mainz die Bühne für einen Gänsehaut-Moment: die Spieler, matschverschmiert aber glücklich, im Schulterschluss mit den immerhin 3400 Fans. Es wäre alles gut geworden nach der vielleicht verstörendsten Woche der an bitteren Nicht-Aufstiegen nicht eben armen Vereinsgeschichte.

Aber die Bundesliga ist eben nicht Hollywood, Wunder passieren immer seltener. Und so fanden sich am Samstagnachmittag viel zu wenige Streikbrecher in Rot-Weiß zum Fußballspielen ein. Die Mainzer, festen Willens, Konflikte maximal aufmerksamkeitsstark zu eskalieren, lieferten eine Vorstellung ab, die man gerne als Fortsetzung des Streiks mit anderen Mitteln bezeichnen darf. Körperlos, fahrig, mit einer Idee von Pressing, für das schlicht der Wille fehlte. Oder die Lust. Arbeitskampf statt Abstiegskampf. Den Trainer werden sie damit wohl losgeworden sein, gewonnen ist nichts.

Schalke spielt auf Tasmania-Berlin-Niveau

Seit Monaten denkt man, es könnte nicht mehr schlimmer werden beim FC Schalke 04. Und dann kommt der nächste Spieltag und die Königsblauen belehren ihre leidgeprüften Fans eines Besseren. Tabellenletzter nach dem zweiten Spieltag, zu Recht und mit deutlichem Abstand. Elf Tore kassiert, nur eins geschossen - es ist die Fortsetzung des Trends, mit dem Schalke seit Ende Januar von einem Tiefpunkt zum nächsten taumelt. Ernsthaft: Was der Revierklub in der saisonübergreifend 18 Spiele andauernden Sieglos-Serie gezeigt hat, hat Tasmania-Berlin-Niveau. Wobei das Schlusslicht der ewigen Tabelle in der Rückrunde 1965/66 zwar in 17 Partien nur sechs Punkte holte, sieben Tore schoss und 50 kassierte, aber immerhin einmal als Sieger von Platz ging. Die Schalker Bilanz? 18 Spiele, ebenfalls sechs Punkte, acht Tore selbst erzielt und 49 bekommen. Ohne einen einzigen Sieg.

Das "Glück" dabei ist, dass der größte Teil dieses desaströsen Laufes dank des guten Saisonstarts im Vorjahr locker zum Klassenerhalt reichte. Und dass es in dieser Spielzeit noch 32 Chancen gibt, den Abstieg zu verhindern. Denn auch wenn erst 180 der 3060 Bundesliga-Minuten gespielt sind, scheint klar, dass es für Schalke darum geht, aus der Untergangs- eine Aufbruchsstimmung zu machen und nicht zum ersten Mal seit 1988 wieder die Erstklassigkeit verlassen zu müssen. Und nur der Vollständigkeit halber, bevor sie fragen: Tasmania Berlin sammelte damals in 34 Spielen mickrige zehn Punkte, 15:108 Tore und verlor 28 Mal. Ganz so schlimm wird es auf Schalke schon nicht werden. Hoffentlich.

Quelle: ntv.de