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Ohne Killerinstinkt und Coolness Dortmund rätselt über Drei-Tore-Kollaps

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Trainer Favre wollte mit seiner Grippe nicht ins Stadion: Vom Hotel aus musste er mitansehen, wie BVB-Torhüter Roman Bürki (M.) drei Gegentore kassierte.

dpa

Beim vogelwilden 3:3 gegen Hoffenheim gibt der BVB zum dritten Mal in Folge eine Führung aus der Hand und hadert mit seiner Abwehrarbeit: "Wir haben naiv verteidigt", rügt Ko-Trainer Stefes, der den grippekranken Favre mit seinem Kollegen Terzic auf der Bank vertritt.

Es ist nicht überliefert, wie der grippekranke Lucien Favre die Schlussphase des Heimspiels seiner Borussia aus Dortmund gegen die TSG Hoffenheim erlebt hat. Ob er eine Vase zertrümmert oder anderes Interieur demoliert hat, ob er rumgeschrien oder einfach nur resigniert abgewunken hat. Der Schweizer Trainer hatte es an diesem Samstagnachmittag vorgezogen, nicht mit seiner Mannschaft ins Stadion zu fahren, um niemanden anzustecken.

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"Viel konsequenter verteidigen": Roman Bürki, Borussia Dortmund.

(Foto: dpa)

Er war im Hotel geblieben, wo er das Fußballspiel im Fernsehen verfolgte und fernmündlichen Kontakt mit seinen Assistenten Edin Terzic und Manfred Stefes hielt, die das Tagesgeschäft auf der Bank managten. Die letzte Viertelstunde der Partie wird die Genesung des 61-Jährigen mit Sicherheit nicht beschleunigt haben. Im Gegenteil, solche Erlebnisse können selbst einen gestandenen Mann wie Favre aus den Latschen hauen. "Wir haben telefoniert", berichtete Ko-Trainer Stefes, "er war genauso enttäuscht wie wir".

Was war da bloß geschehen? Diese Frage wird sich nicht nur Favre gestellt haben, sondern auch seine Spieler, der Trainerstab und die mehr als 80.000 Zuschauer im größten Stadion der Republik. In der 75. Minute hatte der BVB an diesem 21. Spieltag der Bundesliga noch mit einem komfortablen Drei-Tore-Vorsprung vorne gelegen, am Ende gab es beim vogelwilden Kick ein 3:3, das sich für alle Dortmunder anfühlte wie eine krachende Niederlage. Weil es der Tabellenführer nicht geschafft hatte, die Führung über eine läppische viertel Stunde ins Ziel zu bringen. Hernach herrschte kollektive Ratlosigkeit, wie dieser herbe Rückschlag im Meisterschaftsrennen hatte passieren können. Es ist ja nicht nur so, dass der Vorsprung auf den FC Bayern auf fünf Punkte geschmolzen ist. Auch der Umstand, dass derzeit die Siegermentalität vermisst wird, muss alle Dortmunder nachdenklich stimmen.

Hat Borussia Dortmund ein Problem?

Das Team von Favre, das mit so viel Schwung und Leichtigkeit durch die Saison gerauscht war und dabei auch jene nicht zu beeinflussende Komponente auf seiner Seite wusste, die man neudeutsch als Spielglück bezeichnet, macht seine erste problematische Phase durch, seit der Trainer im Sommer in Dortmund angeheuert hat. Innerhalb von nur einer Woche gab der BVB nun das dritte Spiel aus der Hand, das er eigentlich hätte gewinnen müssen. In Frankfurt reichten eine 1:0-Führung und zahlreiche Chancen nicht für den Sieg. Gegen Bremen kam das Aus im Pokal, obwohl die Borussia in der Verlängerung zwei Mal vorn lag. Und nun verspielte sie gegen nimmermüde Hoffenheimer sogar ein 3:0.

Es fehlen der Killerinstinkt und die Coolness, eine Führung über die Zeit zu spielen. Hat Borussia Dortmund ein Problem? Das mochte Terzic, der seinen Chef Favre bei der Pressekonferenz vertrat, nicht verneinen: "Das sind die Fakten, aber wir stehen immer noch auf Platz eins", sagte der 36-Jährige mit Trotz in der Stimme. Bei seiner Ursachenforschung fand Terzic zunächst die Unerfahrenheit des Dortmunder Ensembles: "Wir haben immer gesagt, dass wir eine junge Mannschaft haben, die Fehler macht. Aber daran müssen wir definitiv arbeiten."

Auffällig ist, wie schnell die Dortmunder Hintermannschaft in der zweiten Halbzeit, als die Hoffenheimer mit viel mehr Druck und Elan nach vorne spielten, ins Wanken geriet. Die Tore fielen ja nicht aus heiterem Himmel, bis zum ersten Erfolgserlebnis des Gastes hatte Torhüter Roman Bürki mehrmals spektakulär gerettet. Der Keeper aus der Schweiz hatte sich bereits nach dem 5:1 gegen Hannover 96 lautstark beschwert, seine Vorderleute müssten "viel konsequenter verteidigen".

Vorsprung auf die Bayern schmilzt

Nach der zweiten Halbzeit gegen das Team von Trainer Julian Nagelsmann dürfte Bürki geschimpft haben wie ein Rohrspatz. Seine Vorderleute hatten ihn im Stich gelassen. Ko-Trainer Stefes formulierte es so: "Wir haben naiv verteidigt", sagte der 51-Jährige Ex-Profi, "wenn du 3:0 führst und das 4:0 auf dem Fuß hast, darfst du das Ding nie und nimmer aus der Hand geben". Mario Götze sagte: "Das darf uns nicht passieren, das ist nicht zu entschuldigen." Vor allem nach Ecken und Freistößen offenbarte die Deckung des BVB zuletzt eklatante Schwächen. "Wir kassieren Standard-Tore, auf die wir uns vorbereitet haben", monierte Manndecker Julian Weigl: "Das ist sehr, sehr ärgerlich. Daraus müssen wir lernen, das darf uns nicht mehr passieren."

Die Unpässlichkeiten nach ruhenden Bällen, die in den Strafraum geschlagen werden, animierte Terzic zu genereller Kritik. Er rügte die mangelhafte Einstellung der Mannschaft: "Standardsituationen sind eine Mentalitätssache. Du musst den Ball verteidigen wollen." Klare Worte und "ein weiteres Thema, das wir in den nächsten Wochen angehen möchten".

Noch ist die Borussia Tabellenführerin. Doch um ganz oben zu bleiben, muss das Selbstverständnis der ersten Saisonhälfte zurückkehren. Viel Zeit, die Wunden zu lecken und sich neu aufzustellen, bleibt nicht. Am Mittwoch (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) wartet beim Champions-League-Gastspiel in London bei Tottenham Hotspurs die nächste Bewährungsprobe. Bis dahin sollte Favre wieder so weit genesen sein, dass er seiner Belegschaft erklären kann, wie man einen Vorsprung seriös verwaltet. Zumindest sein Assistent Stefes glaubt nicht, dass das Team des BVB einen Knacks aus den Rückschlägen davonträgt: "Die Mannschaft wird das Spiel wegstecken, sie ist gefestigt genug." Das sieht Mario Götze ähnlich: "Wir sind weiter guten Mutes."

Quelle: n-tv.de

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