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Bayern-Blogger zum Kahn-Plan "Durchdachter als bei Salihamidzic"

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Zwei Jahre lang bereiten Karl-Heinz Rummenigge und Oliver Kahn die Übergabe der Amtsgeschäfte vor.

(Foto: imago/Sven Simon)

Mit Oliver Kahn baut der FC Bayern in den kommenden zwei Jahren einen Nachfolger für Karl-Heinz Rummenigge als Vorstandsvorsitzenden auf. Warum der ehemalige Spieler eine sinnvolle Personalie für den Rekordmeister der Fußball-Bundesliga ist, welche große Baustelle der einstige Torwart-Titan in München zu bearbeiten hat und warum der Rückzug von Präsident Uli Hoeneß überfälliger ist, als der von Klubchef Rummenigge, das erklärt Justin Kraft vom Bayern-Blog "Miasanrot" im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Mit Präsident Uli Hoeneß und Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge ziehen sich zwei prägende Figuren des FC Bayern bis Ende 2021 zurück. Was bedeuten die Abgänge für den Klub?

Justin Kraft: Es ist eine extrem spannende Zeit, die da jetzt anbricht. Und ich glaube auch, dass es absolut richtig ist, dass Uli Hoeneß sich jetzt endgültig aus den führenden Ämtern zurückzieht. Ich finde es eigentlich sogar längst überfällig. Bei Karl-Heinz Rummenigge sieht das anders aus. Da glaube ich, dass die Entscheidung erst Ende 2021 aufzuhören sehr vernünftig ist.

Warum ist Hoeneß' Entscheidung überfällig? Und warum ist Rummenigges Plan vernünftig?

Ich habe mich sehr gewundert, warum Hoeneß sich nach seinem Steuerskandal wieder selbst so fest im Verein verankert hat. Ich hätte es besser gefunden, wenn er eher im Hintergrund gewirkt und dort die Fäden gezogen hätte. So aber habe ich das Gefühl, dass sich mit dem wieder starken Uli Hoeneß vieles in die Vergangenheit entwickelt hat.

Was genau bedeutet das?

Zum Autor

  • Justin Kraft ist freier Autor und Blogger bei miasanrot.de.
  • Als Jahrgang 1993 durch die "Generation Kahn" mit dem FC Bayern in Kontakt gekommen.
  • Fußball-sozialisiert mit der "Generation Lahmsteiger", der er 2019 sogar ein nach ihr benanntes Buch widmete.

Die Idee des Klubs, die Hoeneß vor seiner Haftstrafe mit eingeleitet hatte, mit Louis van Gaal, mit Josep Guardiola, mit Jupp Heynckes, mit Matthias Sammer oder auch Michael Reschke Leute mit einer klaren Strategie zu holen, die erstmals eine eigene Philosophie für den FC Bayern aufbauen, die wirkte zuletzt nicht mehr verfolgt. Vieles, was da an Personalien passiert ist, erinnerte mich an die 2000er-Jahre, als der Erfolg wirklich nur von Saison zu Saison gedacht wurde. Ein paar Nationalspieler wurden geholt – und dann sollte das laufen. In meinen Augen ist der FC Bayern die Entwicklung einer Philosophie trotz guter Bedingungen nicht weiter mitgegangen. Eine übergeordnete, sportliche Strategie fehlt mir. Und ich glaube, dass Hoeneß seit seiner Rückkehr einen großen Anteil daran hat.

Und was gibt Rummenigge dem FC Bayern noch?

Natürlich hat auch Rummenigge in den vergangenen Jahren einige fragwürdige Dinge getan. Ich erinnere da nur die Pressekonferenz im Herbst 2018 und seine Grundgesetz-Rede. Aber wenn ich jetzt mal nur seine Arbeit betrachte, dann denke ich, dass er mit seinem Netzwerk und seinen Kompetenzen noch zu wichtig für den FC Bayern ist. Und natürlich auch als Gegenpol zu Uli Hoeneß. Oft wurde ja nur der Streit zwischen den beiden betont. Aber ich glaube, dass diese Gegensätzlichkeit auch gut für den Verein war. Und zwar deswegen, weil es immer auch eine Reibung braucht, um erfolgreich zu sein. Allerdings war es zuletzt wohl ein bisschen zu viel Reibung. Zum Beispiel beim Umgang mit dem Trainer Niko Kovac. Aber grundsätzlich glaube ich, dass Rummenigge mit seinem Netzwerk und seinen Kompetenzen in den vergangenen Jahren noch etwas wichtiger war, als Uli Hoeneß in seiner Spätphase.

Mit Oliver Kahn steht der Nachfolger von Rummenigge nun auch offiziell fest. Zum 1. Januar 2022 soll er ihn beerben. Eine sinnvolle Entscheidung?

Ja, das ist für mich ein sehr smarter Prozess. Vor allem, wenn man als Gegenbeispiel Hasan Salihamidzic nimmt, der ja ohne größere Erfahrungen völlig überraschend in das Amt des Sportdirektors gekommen ist. Der Plan mit Kahn ist da deutlich durchdachter. Kahn hat sehr viele Erfahrungen gesammelt, er hat Unternehmen mitbegründet und er hat nun ausreichend Vorlaufzeit, um sich einzuarbeiten. Außerdem, und das finde ich persönlich ganz wichtig, hat er Abstand zum Verein gewonnen und kann diese externe Expertise nun sinnvoll einbringen.

Was wird nun nötig sein, um Kahn auf seine neue Aufgabe vorzubereiten?

Das von mir bereits angesprochene Netzwerk von Rummenigge mit den vielen so wichtigen Kontakten im europäischen Fußball muss auf Kahn übertragen werden.

Mit welchen Baustellen wird Kahn beim FC Bayern konfrontiert?

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Hasan Salihamidzic ist Sportdirektor des FC Bayern. Justin Kraft glaubt aber, dass sich seine Zeit schon bald dem Ende entgegen neigen könnte.

(Foto: imago images / eu-images)

Es geht vor allem darum, dass der Verein wieder eine Strategie im sportlichen Bereich bekommt. Und da komme ich auch gerne noch einmal auf den Sportdirektor zu sprechen. Ich glaube, dass die Zeit von Hasan Salihamidzic mit dem Einstieg von Kahn ablaufen könnte. Mit dem Rückzug von Hoeneß verliert er einen großen Fürsprecher und ich glaube, dass sowohl Kahn als auch Rummenigge seine Arbeit sehr kritisch bewerten könnten. Und beide sind ja nun auch in der Pflicht, den Verein in den kommenden beiden Jahren gemeinsam für eine erfolgreiche Zukunft auszurichten. Das ist eine hohe Verantwortung.

Ist Kahn die derzeit beste Lösung für eine erfolgreiche Zukunft des FC Bayern?

Es ist ja auch immer eine Frage der Alternativen. Und da sehe ich keine. Aber ich bin absolut der Meinung, dass Kahn eine sehr gute Lösung ist. Dazu muss er aber seine eigenen Fußstapfen setzen, Entscheidungen treffen, die er dann als starker Mann durchsetzt. Er darf nicht zu einem Spielball der Bosse werden, wie ich es bei Salihamidzic sehe. Er muss sich im Verein völlig unabhängig etablieren und darf nicht nur auf den Rückhalt von Rummenigge und Hoeneß hoffen.

Zu den Alternativen: Was ist mit Philipp Lahm, dessen Name ja auch immer mal wieder im Bayern-Kosmos auftaucht, wenn es um starke Männer geht …

Die Bayern haben sich ja bereits einmal bewusst gegen ihn entschieden, weil eine starke Position im Klub direkt nach der Spielerkarriere zu früh käme. Ich kann das nachvollziehen. Ich glaube, dass der Weg von Kahn der richtige ist. Erstmal raus aus dem Verein und neue Erfahrungen sammeln. Aber das macht Lahm ja gerade auch, sowohl unternehmerisch, als auch als Organisationschef beim DFB für die Heim-Europameisterschaft 2024. Ich bin mir aber sicher, dass Lahm in Zukunft ein wichtiger Mann für den FC Bayern werden kann. Aktuell aber ist Kahn die bessere, weil erfahrenere Lösung.

Mit Justin Kraft sprach Tobias Nordmann

Quelle: n-tv.de

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