Fußball

Fußball-Zeitreise, 27. 10. 2008 Ein Trainer verweigert die Bayern-Spionage

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Mit dem Gewinn des Europapokals der Pokalsieger wird Heinz Krügel zur Legende. Seine Statue steht heute vor dem Stadion in Magdeburg.

(Foto: imago/Christian Schroedter)

Vor zehn Jahren starb Heinz Krügel. Die Trainer-Legende gewann 1974 mit dem 1. FC Magdeburg den Europapokal der Pokalsieger. Doch nur zwei Jahre später wurde er strafversetzt, obwohl er sich sportlich tadellos verhalten hatte.

Was würdest Du tun, wenn Du Fußballtrainer eines Europapokal-Teilnehmers bist und Dir angeboten wird, den FC Bayern mit einer Wanze zu belauschen? Das ist eine komische Frage? Nein, ganz und gar nicht. Genau das ist Heinz Krügel, dem Coach des 1. FC Magdeburg, im Jahr 1974 passiert. Und er musste damals nicht lange überlegen, was er zu diesem Angebot sagen sollte. Krügel ist eine Legende. Als Trainer gewann er mit seinem Klub, dem 1. FC Magdeburg, seit 1972 alles, was es in der DDR zu gewinnen gab.

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Was plant Udo Lattek? Heinz Krügel weigerte sich, den Trainer des FC Bayern auszuspionieren.

(Foto: imago sportfotodienst)

Den ersten Meistertitel holte er damals mit einer Truppe, deren Durchschnittsalter nur knapp über 22 Jahren lag. Niemals vorher und nie danach hat es ein jüngeres Team in der DDR geschafft, den Titel zu holen. Die Mannschaft bekam in diesen erfolgreichen Tagen Anfang der 70er-Jahre den wundervollen Beinamen "Krügels Kindergarten" verpasst.

Den größten Erfolg mit seinem Team errang Krügel aber am 8. Mai 1974. Nach einer fantastischen Saison gewann der 1. FC Magdeburg den Europapokal der Pokalsieger im Rotterdamer Stadion "De Kuip". Als einige Monate zuvor genau hier die Reise begann, weil der NAC Breda sein Heimspiel in einem größeren Stadion austragen wollte, hatte Krügel seiner Mannschaft als Motivation mit auf den Weg gegeben: "Männer, denkt daran: Hier findet das Finale statt!" Und seine Mannschaft, die fast ausschließlich aus Spielern bestand, die aus Magdeburg und der näheren Umgebung kamen, erinnerte sich von Runde zu Runde immer wieder an diesen Ausspruch ihres Trainers.

Nur "politisch tadellose" Fans

Als das Team schließlich im Mai, nachdem es in einem hart umkämpften Halbfinale Sporting Lissabon geschlagen hatte, im Endspiel auf den AC Mailand traf, galt der Klub aus der DDR als krasser Außenseiter. Die Mannschaft um den jungen Coach Giovanni Trapattoni wurde von Kapitän Gianni Rivera aufs Feld geführt. Doch den Italienern mit ihrem ehemaligen deutschen Nationalspieler Karl-Heinz Schnellinger gelang an diesem Tage nur wenig. Und so setzten sich die Magdeburger dank eines Eigentores von Enrico Lanzi und eines Treffers von Wolfgang Seguin mit 2:0 durch. Leider sahen die Partie in Rotterdam nur knapp 5.000 Zuschauer.

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Die geringe Besucherzahl lag auch daran, dass aus der DDR nur "ausgesuchte", "politisch tadellose" Anhänger mit in die Niederlande reisen durften. Und nicht immer waren diese Begleiter auch richtige Fußballfans. Krügel kritisierte, dass diese Leute häufiger erst fragen mussten, in welchen Farben denn ihr Team spiele. Doch der historische Sieg konnte auch durch diese Misstöne nicht getrübt werden.

Legendär sind die Bilder der Mannschaft, wie sie nach dem Erfolg auf dem Rotterdamer Rasen in weißen Malimo-Bademänteln aus Limbach-Oberfrohna bei Chemnitz mit dem Pokal eine Ehrenrunde lief. Jürgen Sparwasser, der ein paar Wochen später dem Team der BRD durch seinen Treffer in Hamburg bei der WM so viele Kopfschmerzen bereiten sollte, feierte den unvergesslichen Abend mit den Worten: "Das war heute der größte Tag des DDR-Fußballs!". Trainer Krügel genoss den Triumph in der Nacht still bei einigen Gläsern Bier. Seine Heldentat hatte er bereits am Morgen vollbracht, als er seinen Spielern die Ausgabe des "Kicker" vor Augen hielt. In dicken Lettern stand über dem Artikel zum Finale: "David gegen Goliath". Das reichte als Motivation. Der clevere Psychologe hatte seine Mannschaft mit wenigen Mitteln heiß gemacht.

Krügel trifft folgenschwere Entscheidung

Doch schon zwei Jahre später brach die heile Welt des Heinz Krügel von einem Tag auf den nächsten zusammen. Wenige Monate nach dem Triumph von Rotterdam traf sein Team in der zweiten Runde des Landesmeister-Wettbewerbs auf den westdeutschen Titelträger Bayern München - und schied knapp aus. Das alleine wäre noch kein Problem gewesen, doch Krügel hatte es abgelehnt, die per Wanze abgehörten Pausenworte seines Kollegen Udo Lattek auszuwerten. Er mochte nicht mit unfairen und unlauteren Mitteln kämpfen. Doch dieses sportlich so tadellose Verhalten kam bei der Politik gar nicht gut an.

Auch in der Folgezeit verscherzte es sich der Magdeburger Trainer immer wieder mit Mitgliedern der Partei - bis es diesen eines Tages reichte. Und so degradierten sie Krügel im Sommer 1976 auf den Posten des Sportstättenverwalters der BSG Motor Mitte. Erst viele Jahre später, nach der Wende, wurde der gebürtige Zwickauer rehabilitiert.

In Magdeburg jedoch hat man in all der Zeit die großen Verdienste ihrer Legende nie vergessen. Nach Krügels Tod am 27. Oktober 2008 wurde zuerst ein Platz vor dem Magdeburger Stadion nach ihm benannt und 2014 ein Denkmal errichtet. Die Kosten für die Statue haben ganz alleine die Fans getragen - durch eine Spende in Höhe von 19,74 Euro. Damit erinnerten sie an den größten Triumph in der Geschichte des 1. FC Magdeburg, den ein Mann prägte: Heinz Krügel.

Quelle: n-tv.de

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