Fußball

Menschenrechte & Glaubwürdigkeit Ein Video, das dem DFB massiv schadet

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Kimmich und Co verteidigten das Image-Video.

(Foto: imago images/Horstmüller)

Die deutschen Fußballer nutzen ihre Reichweite und senden politische Signale. Auch beim zweiten Spiel auf dem Weg zur WM in Katar setzt das Team ein Statement für Menschenrechte. Dabei begeht der Verband einen Fehler - mit gravierenden Folgen.

"Die Idee kam aus der Mannschaft", sagte Manuel Neuer am späten Sonntagabend. Man möchte diesen Satz wirklich sehr gerne glauben. Man möchte wirklich sehr gerne glauben, dass Deutschlands beste Fußballer ihre Reichweite erkennen und nutzen, um sich politisch klar zu positionieren. Zum Beispiel eben wie nun in Bukarest erneut für die Einhaltung der Menschenrechte. In Katar. Dort, wo Deutschlands beste Fußballer im kommenden Jahr um den WM-Titel spielen möchten. Dort, wo Menschenrechte regelmäßig ignoriert werden. Dort, wo diese ignoranten Verstöße unzählige Leben gekostet haben. Und kosten werden.

Besonders die Bedingungen für Gastarbeiter werden seit Jahren von Menschenrechtsorganisationen, die sich für Menschenrechte einsetzen, kritisch bewertet. Einem Bericht der englischen Zeitung "Guardian" zufolge sollen im Zuge der WM-Bauarbeiten mindestens 6500 Menschen gestorben sein. Katars Regierungspressestelle erklärte als Reaktion darauf, dass die Sterberate in einem Bereich liege, der für diese Größe und diese demografische Zusammensetzung zu erwarten sei. Die FIFA, die diesen "Sündenfall des Weltfußballs", wie es der "Spiegel" gerade erst nannte, vor zehn Jahren möglich gemacht hatte - und seither uneinsichtig auf jede Kritik reagiert - relativiert die Zahlen sogar vehement. Auf Baustellen mit direktem WM-Bezug habe es seit 2014 drei Todesfälle gegeben und 34 weitere, die nicht direkt mit der Arbeit erklärt werden könnten. Trotz einiger Verbesserungen in Bezug auf die Menschenrechtslage gibt es immer noch (zu) viele Verfehlungen und Verletzungen.

Zu wenig Realtalk

Am Sonntagabend hat die Nationalmannschaft im zweiten Spiel auf dem Weg zu diesem höchst umstrittenen Turnier in diesem Unrechtsstaat eine zweite Botschaft gesetzt. Dieses Mal brauchte sie indes eine etwas umfangreiche Erläuterung (siehe unten), nicht wie noch gegen Island, als unmissverständlich klar wurde, um was es dem deutschen Team (offenbar) geht. "HUMAN RIGHTS" stand auf selbst designten Shirts - so viel klare Haltung hatte man vom Verband nicht erwartet. Und auch nicht von den Spielern, von denen sich die meisten bisher vor klaren Botschaften versteckt hatten oder ausgewichen waren.

Doch der Glaube in die Haltung der Spieler, in den Wunsch, sich klar zu positionieren, so wie es zuvor die Norweger um Erling Haaland gemacht hatten und dafür viel Zuspruch bekamen, wurde nach der "HUMAN RIGHTS"-Aktion massiv erschüttert. Und das auf eine Weise, die von einer unglaublichen Naivität oder (und) aber einem fast unerträglichen Geltungsbedürfnis zeugt. Denn über die Social-Media-Accounts "Der Mannschaft" wurde ein inszeniertes Video veröffentlicht, das eher nach Marketingaktion denn nach Meinungswunsch aussah. Es ist ein Video, das den Glauben an den eigeninitiativen Charakter der Spieler zu der Aktion zerstört. Einfach ein wenig Realtalk zu dem Thema, mehr hätten die Fußballfans von den Kickern gar nicht erwartet. Etwa ein einfaches Handyvideo einiger DFB-Profis, die ohne viel Brimborium erklären, dass sie keine Politik-Experten sind, aber sich natürlich mit dem Thema auseinandersetzen und Menschenrechtsverletzungen sehr kritisch sehen. Fertig. Nun aber wirkte es wieder einmal so, als sei dem DFB das Image wichtiger als die Idee.

Die Kritik an dem Video war folglich immens, die Reaktion von Bundestrainer Joachim Löw ebenfalls. "Nicht alles, was beim DFB passiert, ist negativ zu bewerten", schimpfte er. Das mag sein. Aber so lange jede (gute) Aktion von einer Imagekampagne begleitet wird, bildet sich kein stabiles Fundament einer neuen Glaubwürdigkeit. So wurde auch die zweite Aktion am Sonntagabend im Empörungstempel Twitter bisweilen gnadenlos und mit reichlich Ironie zerrupft. Und das nicht nur wegen der (zu) kompliziert gedachten Botschaft. Die Fußballer hatten ihre Trikots mit den Nummern und Namen nach vorne gedreht - es sollte ein Hinweis auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen sein.

DFB muss mehr Druck ausüben

Nun, so bitter und verdient das Echo der Inszenierung für den DFB auch war, so sehr bietet sich aus diesem Echo die Chance, einem ehrlichen Anliegen Nachdruck zu verleihen, denn schließlich ist das Thema nun gesetzt. Wenn auch auf eine Art, die dem Verband zunächst geschadet hat. Nur über eine lange Strecke kann dieser Verlust an Glaubwürdigkeit gekittet werden. Beweist der DFB diese Kondition, lässt er dabei auch unangenehme Debatten zu - wie jene eines möglichen Boykotts - bekommt er womöglich auch die Anerkennung für seine Aktionen, die sich andere Nationen wie Norwegen und die Niederlande erarbeitet haben, die Katar direkt für die Verfehlungen angreifen. So sagte Norwegens Nationaltrainer Stale Solbakken, dass es darum gehe, "Druck auf die FIFA auszuüben, noch direkter, noch strenger mit den Behörden in Katar umzugehen, um strengere Auflagen zu machen".

Zwar zeigt sich der Weltverband bislang ungerührt von den Aktionen. Aber mit massivem Druck vom größten Einzelsportverband der Welt, das ist der DFB nämlich, verbunden auch mit einem Boykottszenario, würde das Kraftpotenzial steigen. Auch wenn man sich mal nichts vormachen muss: Die FIFA und ihr Boss Gianni Infantino sind seit jeher absolut immun gegen die öffentliche Meinung. Erst wenn es an die Sponsoren geht, an die Gelder, entsteht eine Macht, die auch den Weltverband alarmiert. Diesen Hebel gilt es zu greifen, zu bedienen. Von den Funktionären, nicht von den Spielern. Die täten bei ihren Aktionen gut daran, Kamerateams zu verscheuchen. Oder einfach selbst mal das Handy zu zücken und eine verwackelte Aufnahme ins Netz zu stellen. Das wäre zumindest authentischer.

Quelle: ntv.de

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