Fußball

Hector trat im September zurück Elfer-Held verlässt das DFB-Team heimlich

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Sein größter Moment.

(Foto: imago/Sebastian Wells)

Jonas Hector ist aus der deutschen Nationalmannschaft zurückgetreten. Der 30-Jährige soll den Bundestrainer laut "Kicker" bereits vor den Länderspielen im September über seinen Entschluss informiert haben. Von seinen 43 Spielen für Deutschland bleibt eins besonders in Erinnerung.

Manuel Neuer hatte den Weg zum Helden gelegt, Jonas Hector musste ihn jetzt nur noch gehen. Doch was heißt das schon in einem EM-Viertelfinale, in dem sich vor dem Kölner bereits 17 Schützen aus elf Metern versucht hatten. Mal waren sie kläglich gescheitert (Sie erinnern sich womöglich noch an Zazas ebenso bizarren wie legendären Trippelanlauf?), mal hatten sie höchst souverän verwandelt. Nun, bevor sich Hector auf den so langen Weg von der Mittellinie zum Punkt machte, bevor er in das Duell mit dem legendären Gianluigi Buffon ging, hatte Neuer seinen zweiten Elfmeter wegtitanisiert. Wobei der Schuss von Matteo Darmian nun auch nicht zu den schwierigsten Aufgaben in der Karriere des Torwarts gehört hatte. Aber gut, einen Elfmeter, noch dazu in einem EM-Knockoutspiel, den muss man erstmal halten.

Es war ein Spiel wie aus einer anderen Zeit. Mesut Özil, auch damals sportlich immer mal wieder heftiger in der Kritik, orchestrierte das Spiel der Nationalmannschaft. Mit Biss, mit Willen, mit seiner Klasse. Dass er im Elfermeterschießen patzte - eine bittere Randnotiz. In der Liste der Fehlschützen steht auch Thomas Müller. Der Mann, der heute beim FC Bayern so wichtig ist wie selten zuvor, durchlebte damals eine sehr schwere Zeit als Fußballer. Gegen Italien hatte er zwar gespielt, aber eben nicht gut. Er war mehr durch dieses Spiel gestolpert, auch vor dem Tor, als so für ihn typisch und oft gewinnbringend geschlendert.

Hector ging entschlossen und schnellen Schrittes zu jenem Punkt, der Fußballer zu Helden macht - oder zu tragischen Figuren. Den Blick, das ist angesichts der mächtigen Aura von Buffon kein Selbstverständnis, hielt der Fußballer des 1. FC Köln immer oben, immer nach vorne gerichtet. Immer dorthin, wo Buffon sich die Stollenschuhe nochmal am Pfosten freiklopfte. Hector schnappte sich den Ball, legte ihn sich zurecht, nahm wenige Schritte Anlauf, schoss mit seinem linken Fuß hart in die rechte Ecke. Nicht wirklich platziert, aber egal. Auch egal: Buffon war noch dran, der Ball trotzdem drin. Hector hatte die Nationalmannschaft ins Halbfinale der Europameisterschaft geschossen. Der Abend des 2. Juli 2016 in Bordeaux, er war sein größter für Deutschland, sein 20. von 43. Und dabei bleibt es auch. Denn Hectors Zeit ist vorbei.

Gegen Gibraltar für Durm eingewechselt

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Wie beim Elfmeter, immer voll konzentriert, dieser Jonas Hector.

(Foto: imago/DeFodi)

Wie der "Kicker" nun berichtet, hat sich der 30-Jährige ganz heimlich aus der Nationalmannschaft verabschiedet. Bereits vor den Länderspielen im September soll der Linksverteidiger Bundestrainer Joachim Löw über seinen Rücktrittsentschluss informiert haben. Was den Fußballer dazu bewogen hat, das schrieb der "Kicker" indes nicht. Später erklärte der DFB in seiner offiziellen Bestätigung, dass Hector aus "privaten Gründen" zurückgetreten sei. Damit endet für ihn eine fast genau sechsjährige Zeit in Deutschlands immer noch wichtigster Fußballmannschaft, trotz aller Diskussionen über Probleme mit der Identifikation und einem zunehmenden Desinteresse der Zuschauer.

Sein Debüt gab Hector am 14. November 2014 beim 4:0 in der EM-Qualifikation gegen Gibraltar, als er in der 72. Minute für Erik Durm eingewechselt wurde. Es sollte sein einziges Länderspiel bleiben, das er als Joker bestritt. Letztmals spielte er am 19. November 2019 gegen Nordirland für die Nationalelf. Drei Tore hat er für das Team erzielt. Dazu kommen zwölf Vorlagen. Eine erstaunliche Bilanz, eine, die immer unter dem Radar der Öffentlichkeitblieb. So wie Hector eben auch.

"Außergewöhnlicher Spieler und Mensch"

So heimlich der Rücktritt offenbar verkündet worden war, so wenig überraschend kommt er indes. Denn Hector war längst nicht mehr gesetzt. Mit seiner zuverlässigen, unaufgeregten und effektiven Spielweise war er über die Jahre eine absolute Konstante auf der linken Abwehrseite. Allerdings auch, weil es Löw an hochklassigen Alternativen mangelte. Als sich indes Marcel Halstenberg bei RB Leipzig immer mehr aufdrängte, Nico Schulz seine beste Zeit hatte (bei der TSG Hoffenheim) und Robin Gosens bei Atalanta Bergamo spektakulär aufspielte, da musste Hector um seinen Platz hart kämpfen. Allzu oft war er ohne Einsatz im Kader. Zudem entschied er sich, seinem "Effzeh" trotz des Abstiegs in Liga zwei im Jahr 2018 die Treue zu halten. Als Kapitän führte er das Team zum Wiederaufstieg, spielte dabei immer häufiger im defensiven Mittelfeld - auch ein Grund, warum er bei Löw weniger Einsatzzeit bekam.

"Es wäre problemlos möglich gewesen, nach dieser Saison zu einem anderen Verein zu wechseln, aber für mich fühlte sich das nicht richtig an", sagte Hector damals nach seinem sportlichen Treueschwur. "Ich gehöre zum FC." Die Deutsche Presseagentur nannte ihn damals den letzten Romantiker der Liga. Und auch in Köln wussten sie, was sie da für einen besonderen Fußballer in ihren Reihen hatten - und haben. "Jonas ist ein außergewöhnlicher Spieler und ein außergewöhnlicher Mensch, wie es sie im heutigen Profifußball selten gibt", sagte der damalige Sport-Geschäftsführer Armin Veh. Tatsächlich ist Hector außergewöhnlich. Er ist einer von wenigen Profifußballern, die nicht aktiv in den sozialen Netzwerken sind und weitgehend auf Werbetätigkeiten verzichten. Jonas Hector ist eben ein zurückhaltender Typ, ein leiser Held, auch wenn er seinem verwandelten Elfmeter am 2. Juli in Bordeaux ganz schön laut geschrien hatte. Sei's drum, auch deswegen passt dieser heimliche Rückzug perfekt zu ihm.

Quelle: ntv.de