Fußball

Die U-20-WM und ihre Lichtgestalten "Es gibt keinen neuen Messi"

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Die derzeitige Lichtgestalt des Weltfußballs: Lionel Messi.

(Foto: picture alliance / dpa)

Deutschland ist Fußball-Weltmeister. Aber was kommt nach Miroslav Klose, Philipp Lahm und Per Mertesacker? Bei der U-20-WM spielte die nächste Generation deutscher Fußballstars. Im Viertelfinale war allerdings Endstation. Torhüter Lutz Pfannenstiel sagt n-tv.de, woran es gelegen hat, wer das Turnier jetzt gewinnt und welche Namen man sich merken sollte.

n-tv.de: Herr Pfannenstiel, bei der U20-WM steht das Endspiel am Wochenende an - ohne deutsche Beteiligung, denn im Viertelfinale war bereits Endstation für einen der Turnier-Favoriten. Ist das Abschneiden mit dem frühen Aus eine Enttäuschung?

Der Welttorhüter

Lutz Pfannenstiel ist der erste Fußballer, der in seiner aktiven Karrieren auf allen sechs Kontinenten gespielt hat: 25 Vereine in 13 Ländern - nachzulesen in "Unhaltbar - Meine Abenteuer als Welttorhüter". Seit seinem Karriereende ist Pfannenstiel als TV-Experte für verschiedene nationale und internationale Sender wie ZDF, SRF, BBC und DAZN tätig gewesen. Er war Auslandsexperte beim DFB und Trainerausbilder bei der Fifa. Für Fußball-Bundesligist 1899 Hoffenheim verantwortete er mehrere Jahre den Bereich International Relations. Seit Dezember 2018 ist er Sportvorstand beim Traditionsverein und Fußball-Bundesligisten Fortuna Düsseldorf. Pfannenstiel ist Gründer von Global United FC. Er ist bei Twitter, Facebook und Instagram aktiv.

 

Lutz Pfannenstiel: Nein, absolut nicht! Die Deutschen haben im Turnier eindrucksvolle Spiele abgeliefert. Sie haben ihre Tore geschossen auch gegen die vermeintlich Kleinen, die sich nur hinten reinstellen: 8:1 gegen Fidschi, 3:0 gegen Usbekistan, 5:1 gegen Honduras. Das kann sich sehen lassen. Danach im Achtelfinale das sehr überzeugende 1:0 gegen den Geheimfavoriten und die stärkste Mannschaft Afrikas, Nigeria. Gegen Mali fehlte dann einfach das Glück. Im Spiel 1:0 geführt, die Chance per Elfmeter auf 2:0 zu erhöhen, dann vergeben, kurz darauf fällt der Ausgleich nach einer Standardsituation. Danach hat sich die Mannschaft noch Chancen erarbeitet, aber kein Tor mehr erzielt. Im Elfmeterschießen hatte Mali dann das Glück auf seiner Seite. Alles in allem hat das Team von Frank Wormuth ein gutes Turnier gespielt - und mit etwas mehr Glück hätte sie durchaus das Zeug gehabt, das Turnier zu gewinnen.

Das ausgegebene Ziel hieß "Halbfinale". War der Druck für  den amtierenden U19-Europameister zu groß, es den "großen" Weltmeistern gleichzutun?

Das glaube ich nicht. Die Stimmung in der Mannschaft war hervorragend. Das Team hat funktioniert und gute Leistungen abgeliefert. Und wenn man das Halbfinale als Ziel ausgibt und dann im Viertelfinale im Elfmeterschießen unglücklich rausfliegt, kann man eigentlich nicht wirklich davon sprechen, das Ziel verfehlt zu haben.

Das Aus kam vom Elfmeterpunkt - gegen Mali. In zwei weiteren Viertelfinal-Partien gab es diese Entscheidung ebenfalls. Zeugt das von der hohen Ausgeglichenheit bei dieser WM?

Ohne Frage. Man muss klar sagen, dass auch bei der U20 gilt: Die vermeintlich Kleinen gibt es nicht mehr. Klar, Myanmar, Panama und Fidschi, das klingt erst einmal nach Fußballzwergen. Aber Fidschi hat Honduras mit 3:0 geschlagen, Panama gegen den großen Turnierfavoriten Argentinien 2:2 gespielt. Gleichzeitig gibt es auch kein Team mehr, das alle anderen dominiert, wegputzt und durch das Turnier spaziert. Fast jeder konnte jeden schlagen.

24 Mannschaften bei dieser U20- WM: Ist das Turnier zu groß, zu "aufgebläht" gewesen?

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Kolumbien - Portugal in Dunedin: Dunedin war auch eine von Pfannenstiels Stationen.

(Foto: Lutz Pfannenstiel)

Nein, das kann man so nicht sagen. Die Anzahl der Teams ist nicht das Problem. Aber am Modus sollte man etwas ändern. Bei Vierergruppen sollten nicht noch die vier besten Gruppendritten auch noch weiterkommen. In der Gruppenphase kann schon ein Sieg zum Weiterkommen reichen. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass ein Team, das mit zwei Niederlagen aus den Gruppenspielen kommt, noch Weltmeister werden kann. Das darf es nicht geben! Entweder machst du mehr Gruppen mit mehr Teams als bei der normalen WM oder weniger Teams. Wie man es macht, ist egal, aber es dürfen nur die beiden Gruppenbesten weiterkommen.

Die Nationalteams werden immer jünger. Viele U-Spieler dürfen bereits früh in den Mannschaften der "Großen" mitkicken. Wozu braucht man eigentlich noch eine U-20-WM?

Das ist eine gute Frage - und eigentlich auch vollkommen richtig. Das Beispiel Bundesliga zeigt ja bereits, dass man mit 19 oder 20 Jahren schon Stammspieler sein kann, wie auch in der A-Nationalmannschaft. Andererseits bieten die U-Turniere natürlich auch die Möglichkeit, sich auf internationalem Niveau zu vergleichen, Erfahrungen zu sammeln. Das kann dann auch noch einmal für einen Leistungsschub bei dem einen oder anderen Spieler sorgen und ihn so voranbringen.

Dennoch gab es eine namhafte Absage vor dem Turnier: Bremens Stürmer Davie Selke, der aus der Bundesliga in die 2. Liga zu RB Leipzig wechselt und sich dort voll auf die Vorbereitung konzentrieren wollte. Wie passt das zusammen?

Die U20-WM ist kein Fifa-Abstellungsturnier. Das heißt, die Vereine müssen ihre Spieler - im Gegensatz zur A-WM - nicht für das Turnier abstellen. Wenn ein Verein oder ein Spieler nicht will, gibt es keine Verpflichtung. Und Davie Selke hat sich dagegen entschieden, wohl auch, weil er in der kommenden Saison mit seinem Verein voll angreifen will. Am Ende muss das jeder für sich selbst entscheiden. Auch deshalb, weil für die Jungs ja wie bei den Großen nach der WM in Brasilien, der Urlaub und die Erholungsphase komplett ins Wasser fallen. Das darf man nicht unterschätzen, wie die abgelaufene Bundesligasaison gezeigt hat.

Apropos Bundesliga: Sie waren als Scout in Neuseeland. Haben Sie interessante Spieler entdeckt, die auch eine Bereicherung für die Bundesliga wären?

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U-20-WM-Maskottchen Whooliam und Lutz Pfannenstiel

(Foto: Lutz Pfannenstiel)

(lacht) Bei solchen Turnieren sind natürlich sehr viele Scouts unterwegs, nicht nur aus der Bundesliga oder der Primera Division, sondern auch aus der Serie A und der Premier League und so weiter. Die Chance bei so einem Turnier ein Juwel zu entdecken, von dem noch keiner etwas gehört hat, ist deshalb gleich null. Alle Spieler einer U-20-WM sind den Vereinen bereits bekannt und keine Nobodys mehr.

Im deutschen Team waren mit Stammtorwart Marvin Schwäbe und den beiden Abwehrspielern Grischa Prömel und Kevin Akpoguma drei Hoffenheimer Spieler dabei. Sie spielten alle fünf Partien durch. Wen werden wir in der kommenden Bundesliga-Saison wiedersehen?

Kevin Akpoguma, U20-Kapitän, spielt in der kommenden Saison auf Leihbasis für Fortuna Düsseldorf. Prömel und Schwäbe spielen weiter für Hoffenheim. Aber allein die Tatsache, dass mit Akpoguma, Prömel und Schwäbe gleich drei Hoffenheimer Stammspieler bei einer WM sind, zeigt, dass wir in Hoffenheim viel Wert auf gute Nachwuchsarbeit legen.

Wer war für Sie der stärkste Spieler des Turniers?

Den klassischen Überflieger gab es nicht. Aber das ist bei den U-Turnieren auch keine Seltenheit. Klar, es gab beispielsweise den Argentinier Angel Correa - da hat man gesehen, dass er was drauf hat. Aber er wird auch nicht der neue Messi. Und für Argentinien war ja auch nach der Vorrunde Schluss.

Also hieß das Motto: Der Star ist die Mannschaft?

Das kann man so stehen lassen. Gute Mannschaftsleistungen standen bei dieser U20-WM klar im Vordergrund.

Sie haben ja selbst sechs Jahre in der neuseeländischen Profiliga gespielt. Wie kam das Turnier bei den Neuseeländern an? Schließlich sind Rugby und Krickett populärer dort als Fußball.

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Lutz Pfannenstiel war in Neuseeland bei der U20-WM unterwegs.

(Foto: Lutz Pfannenstiel)

Ich war positiv überrascht. Das Turnier ist sehr gut angekommen in der Öffentlichkeit. Das Eröffnungsspiel Neuseeland gegen Ukraine war beispielsweise ausverkauft mit rund 25.000 Zuschauern. Das kommt sonst weder bei Spielen der A-Nationalmannschaft noch bei Ligapartien vor. Auch als Neuseeland draußen war, kamen 6000, 8000 oder sogar 11.000 Zuschauer zu den Spielen. Das ist für neuseeländische Verhältnisse wirklich sensationell. Aber man muss auch klar sagen: Fußball wird es wohl nie schaffen, populärer als Rugby oder Krickett zu sein.

Im Finale trifft der fünfmalige Titelträger Brasilien nach einem klaren 5:0 über den Senegal auf Serbien, das sich erst in der Verlängerung gegen Mali durchsetzen konnte. Brasilien ist die torgefährlichste Mannschaft des Turniers, Serbien hat mit Pedrag Rajkovic einen der besten Torhüter in seinen Reihen. Wer ist der Titelfavorit und warum?

Titelfavorit rein vom Papier her ist für mich Brasilien. Wenn man sich die einzelnen Turnierleistungen anschaut, haben sich die Brasilianer in der Vorrunde nicht mit Ruhm bekleckert, auch wenn sie klar weitergekommen sind. Gegen Uruguay folgte dann eine sehr durchschnittliche Leistung mit einem glücklichen Ende im Elfmeterschießen. Das gleiche Bild noch einmal im Viertelfinale gegen Portugal. Erst 0:0, dann weiter im Elfmeterschießen. Absolut glücklich, Portugal war die klar bessere Mannschaft. Das bisher absolut beste Spiel kam dann beim 5:0 im Halbfinale gegen Senegal. Das zeigt, dass die Mannschaft sich nun eingespielt hat, dass Automatismen greifen. Brasilien ist jetzt auf Betriebstemperatur.

Und Serbien?

Serbien verfügt über eine sehr gute Grundordnung, eine Struktur im Spiel. Taktisch sind sie zudem schon sehr weit. Sie sind körperlich robust und verfolgen in der Partie einen Plan. Ihre große Stärke sind die Standardsituationen, wie das Halbfinale gegen Mali gezeigt hat. Dazu der ausgezeichnete Torwart, der auch schon Luft in der A-Nationalmannschaft schnuppern durfte; und Andrija Zivkovic im Mittelfeld, der jüngste serbische A-Nationalspieler aller Zeiten - das verspricht ein spannendes Endspiel zu werden mit Brasilien als Favorit.

Favorit hin oder her, wer wird Weltmeister?

Da will ich mich nicht festnageln lassen. Ich denke, das wird eine ganz enge Kiste und am Ende gewinnt die Mannschaft, die ein Tor mehr schießt (lacht).

Mit Lutz Pfannenstiel sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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