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Neuer Trainer, alter Erfolg FC Bayern profitiert von Flicks Faktoren

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Hansi Flick hat dem FC Bayern nicht nur den Erfolg zurückgebracht.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

In der Fußball-Bundesliga keimte Hoffnung auf. 18 Punkte holte der FC Bayern München aus den ersten zehn Partien – schlechtester Saisonstart seit neun Jahren. Hansi Flick scheint das alles sehr genau beobachtet zu haben. Denn in kürzester Zeit drehte er an drei Stellschrauben, was das Spiel des Rekordmeisters komplett verändert hat - zu beobachten als Nächstes im Champions-League-Spiel des FC Bayern am Abend bei Roter Stern Belgrad (ab 21 Uhr im Liveticker auf n-tv.de).

1. Trainer und Spieler bilden wieder eine Einheit

Was während der neuerlichen Herbstkrise unter Flicks Vorgänger Niko Kovac besonders auffiel, war die große Diskrepanz zwischen dem, was der Trainer wollte und dem, was die Spieler letztendlich auf dem Platz zeigten. Selbst die Analysen nach den Spielen unterschieden sich voneinander. Mit Flick scheint dieses Thema vom Tisch zu sein. In seiner Auftaktwoche als Cheftrainer sprach der 54-Jährige immer wieder von taktischen Anpassungen wie höherem Anlaufen, mehr Geduld im eigenen Ballbesitzspiel und dem Ziel, der Mannschaft so wieder Sicherheit und Stabilität zu verleihen. Gegen Piräus und Dortmund setzten die Spieler seine Worte nicht nur in die Tat um, es wurde auch in den Nachgesprächen deutlich, dass sie sich mit ihrem Trainer auf einer Wellenlänge befinden.

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Flick holte Thomas Müller erfolgreich aus der Schmollecke.

(Foto: imago images/Jan Huebner)

Flick ist jemand, der gerade im zwischenmenschlichen Bereich viel mit den Spielern arbeitet. Er sucht ständig den Dialog mit ihnen und erklärt seine Entscheidungen. Noch ist die Stichprobe mit nur drei Spielen nicht groß genug, doch er scheint damit bisher ausnahmslos gut anzukommen. Von der Mannschaft ist jedenfalls nur Gutes zu hören. Nach dem 4:0-Erfolg bei Fortuna Düsseldorf argumentierte ein Journalist gegenüber Serge Gnabry, dass es ja derzeit eigentlich gar keinen Grund geben würde, den Trainer zu wechseln. Der Angreifer antwortete mit einem breiten Lächeln im Gesicht: "Dem ist nichts mehr hinzuzufügen." Auf die Nachfrage, ob das bedeute, dass er gern länger mit Flick weiterarbeiten würde, schob er ein deutliches "korrekt" hinterher.

Statt auszuweichen, gab Gnabry hier einen Einblick, der vielleicht doch mehr zu bedeuten hat, als auf den ersten Blick deutlich wird. Dass die Stimmung bei den Bayern nur drei Wochen nach der bitteren 1:5-Niederlage in Frankfurt bereits so gelassen und locker ist, liegt jedenfalls hauptsächlich an Flick. Weil er ein angenehmer Typ ist, der seinen Stars auf Augenhöhe begegnet, gleichzeitig aber das Profil mitzubringen scheint, um ihre Egos zu bändigen. Über Niko Kovac wurde in seiner Anfangszeit beim FC Bayern ähnlich geredet. Deshalb wird es erst dann so richtig spannend, wenn bei Flick mal die Ergebnisse ausbleiben.

2. Aggressives, aber organisiertes Anlaufen

Doch ein Unterschied zu Kovac scheint Flick bei den Spielern ganz besonders beliebt zu machen: Er legt mehr Wert auf Details. Der Trainer hat eine viel offensivere Vorstellung von Fußball als sein Vorgänger. Die Arbeit gegen den Ball sieht er nicht vorrangig als Defensivakt, sondern viel mehr als Mittel, um den Gegner zu kontrollieren und ihn gleichzeitig auf dem falschen Fuß zu erwischen. Gegenpressing als Spielmacher - ein Motto, das Jürgen Klopp in der Bundesliga prägte.

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Gegen den BVB begeisterte der FC Bayern in Flicks erstem Bundesligaspiel als Cheftrainer.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Entscheidend für den Erfolg ist hier die Kompaktheit der Mannschaft. Obwohl die Bayern viel aggressiver und höher anlaufen als noch unter Kovac, sind sie insgesamt sortierter und organisierter, weil alle Spieler mitarbeiten und jeder genau weiß, was die Mitspieler machen und was zu tun ist. Es gibt weniger Löcher in der Formation und insgesamt wirkt das Verhalten der Mannschaft stimmiger. Alle schieben nach und üben so einen Druck aus, dem Piräus, Dortmund und Düsseldorf nicht standhalten konnten.

Flick und sein Trainerteam analysieren jeden Gegner und passen die Bewegungsabläufe und Muster im Pressing darauf an. Dass die Bayern in drei Spielen nur einen einzigen Schuss auf das Tor von Manuel Neuer zugelassen haben, liegt maßgeblich daran, dass sie den Gegner früh zu unkontrollierten Pässen zwingen. Flick scheint der Mannschaft einen taktischen Rahmen zu geben, der ihnen als Orientierung und Gerüst sehr hilft. Damit gelingt es ihnen bisher, die gegnerische Mannschaft auch ohne Ball zu lenken und zu kontrollieren.

3. Strukturierteres Ballbesitzspiel

Haben die Bayern dann den Ball, stehen sie ebenfalls kompakter als zuvor. In der Nähe des ballführenden Spielers befinden sich immer ausreichend Anspieloptionen. Dabei sind die Mitspieler nicht so weit weg, dass der Pass ein zu hohes Risiko darstellt, aber auch nicht so nah dran, dass es keinen Raumgewinn mehr gibt.

Vor Flicks Übernahme war es ein großes Problem, dass die Achter nicht gut ins eigene Spiel integriert waren. Sie standen zu hoch und zu breit. Außerdem war der Sechser oft zu tief positioniert. Deshalb gab es zu weite Passwege und viele einfache Ballverluste. In den letzten drei Spielen hielten die Bayern ihre Positionen besser. Joshua Kimmich kippte als Sechser nur selten zwischen die Innenverteidiger und blieb damit eine stabile Verbindung zwischen Offensive und Defensive. Die beiden Achter wiederum wurden von den Außenspielern, Stürmer Robert Lewandowski und eben Kimmich unterstützt. So entstanden viele sehenswerte Kombinationen. Aber auch bei Ballverlusten hat die höhere Kompaktheit ihre Vorteile: Da mehr Spieler in Ballnähe positioniert sind, kommen die Bayern besser ins Gegenpressing.

Zum Autor

  • Justin Kraft ist freier Autor und Blogger bei miasanrot.de.
  • Als Jahrgang 1993 durch die "Generation Kahn" mit dem FC Bayern in Kontakt gekommen.
  • Fußball-sozialisiert mit der "Generation Lahmsteiger", der er 2019 sogar ein nach ihr benanntes Buch widmete.

Flick hat es bereits jetzt geschafft, die Mannschaft weniger abhängig von ihren individuellen Künstlern zu machen. Stattdessen nimmt er deren verschiedene Qualitäten und formt daraus ein Kollektiv, das einzelne Fehler verzeiht. Wie die zweite Halbzeit gegen Düsseldorf zeigte, ist noch nicht alles perfekt bei den Bayern. Doch dass Hermann Gerland sich bei Flick an Jupp Heynckes erinnert fühlt, ist kein Zufall. Der Interimstrainer verbindet seine empathische, aufgeschlossene Art, die bei den Spielern sehr gut anzukommen scheint, mit fachlichen Kompetenzen insbesondere im taktischen Bereich.

Einerseits ist es ihm so in nur drei Spielen gelungen, die aufkeimende Hoffnung der Bundesliga-Konkurrenz zu zerstreuen. Auf der anderen Seite verschafft er seinem Arbeitgeber damit Ruhe und Zeit in der Trainerfrage. Denn eigentlich gibt es ja derzeit gar keinen Grund dafür, irgendetwas zu verändern. Und so könnte der grinsende Gnabry, der sich klar und deutlich für seinen Trainer aussprach, noch zum Indiz für eine ganz besondere Geschichte werden. Doch dafür muss es Flick jetzt gegen Belgrad, Leverkusen, Gladbach und Tottenham gelingen, die Euphorie in Nachhaltigkeit umzuwandeln.

Quelle: n-tv.de

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