Fußball

Inspirationsverlust folgt Blitzstart FC Bayern überzeugt - für 109 Sekunden

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88 uninspirierte Minuten lieferten die Bayern ab.

(Foto: picture alliance / dpa)

Es hätte eine furiose Fußball-Party werden können: Kaum angepfiffen, gehen die Bayern im Champions-League-Duell mit Benfica Lissabon in Führung. Doch dann erleidet die Guardiola-Elf erneut einen gefährlichen Kontrollverlust.

Hätte Torjäger Robert Lewandowski kurz vor Spielende nicht diesen fürchterlich unkonzentrierten Pass gespielt, es wäre alles ganz anders gekommen. Der FC Bayern München hätte das Spiel gegen Benfica Lissabon mit 2:0 gewonnen. Er hätte sich eine sehr ordentliche Ausgangsposition für das Rückspiel im Viertelfinale der Fußball-Champions-League am kommenden Mittwoch (13. April) erarbeitet. Er hätte 88 überwiegend uninspiriert leidenschaftslose Minuten mit einem zweiten Tor vergessen lassen.

FC Bayern - Benfica Lissabon 1:0 (1:0)

Tor: 1:0 Vidal (2.)

München: Neuer - Lahm, Kimmich (60. Martinez),  Alaba, Bernat - Vidal - Thomas Müller (85. Götze), Thiago - Costa  (70. Coman), Ribery - Lewandowski
Benfica: Ederson - Almeida, Lindelöf, Jardel, Eliseu - Fejsa,  Renato Sanches - Pizzi (90.+1 Samaris), Gaitan - Jonas (83. Salvio),  Mitroglou (70. Jimenez)

Referee: Marciniak (Polen)  Zus: 70.000 (av)
Schüsse: 15:9  Ecken: 5:2  Ballbes: 65:35

Aber Robert Lewandowski hat eben diesen fürchterlich unkonzentrierten Pass gespielt. Er hat ihn so ungeschickt gespielt, dass der völlig frei vor dem Tor stehende Kapitän Philipp Lahm ihn selbst mit einigen Zentimetern mehr an Körpergröße niemals hätte erreichen können. So stand nach 90 und ein paar Fußball-Minuten ein mageres 1:0 auf der Leinwand der mit 70.000 Zuschauern ausverkauften Allianz-Arena in München. Ein 1:0, das mehr wie eine Drohung denn wie Mutmacher wirkt - trotz des elften Champions-League-Heimsiegs in Serie.

Gewohnt fleißiges Tikitaka

Der war, was natürlich niemand ahnen konnte, bereits nach 109 Sekunden perfekt. 109 Sekunden in denen die Bayern mal lässig zeigten, was sie können, wenn sie wollen. Schnelle Balleroberung, schneller Seitenwechsel, schnelles Kombinationsspiel, Flanke, Tor - Arturo Vidal, 1:0. Ein Treffer, der Eindruck machte. Bei ganz vielen im Stadion, den Fans, der Bayern-Bank, den Bayern-Spielern, dem Bayern-Trainer. Nur nicht, und das war aus Bayern-Sicht ziemlich blöd, bei den elf aufgebotenen Fußballern von Benfica Lissabon. Die brauchten zwar einen kleinen Moment um den orkanartigen Wirbel vor dem Tor richtig einzusortieren, zogen dann aber die richtigen Schlüsse.

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Spricht anders, als er schaut: Josep Guardiola erklärte nach dem uninspirierten Spiel etwas überraschend: "Ich bin sehr zufrieden, weil ich das Niveau unseres Gegners kenne."

(Foto: imago/MIS)

Erste Erkenntnis: die defensiven Außenpositionen verstärken. Vor allem diesen wild entschlossenen Franck Ribéry bremsen. Als das nach gut 20 Minuten immer besser funktionierte, folgte die zweite Korrektur: das Tempo verschleppen. Das gelang ohne Aufwärmphase und legte das bayrische Offensivspiel in stramme Ketten. Die Mannschaft von Trainer Josep Guardiola verlor die Kontrolle über das Spiel, nicht so hemmungslos und offenkundig, wie noch in der vergangenen Runde bei Juventus Turin, sondern eher schleichend und optisch unscheinbar. Sie verloren die Kontrolle ohne das so richtig wahrzunehmen. Klingt paradox? Ist aber so.

Bis auf eine ziemlich schläfrige Auszeit Mitte der ersten Halbzeit waren es die Bayern, die das Spielgerät, vom einmal mehr überzeugenden Arturo Vidal immer wieder angetrieben, gewohnt fleißig durch die eigenen Reihen tikitakerten. Mehr als doppelt so viele Pässe wie der Gegner weist eine Statistik zugunsten der Gastgeber aus (632:301) aus, mehr als zwei Drittel Zeit am Ball als Lissabon, sagt eine andere Datenauswertung. Macht in der Summe eigentlich ein ziemlich normales Bayern-Spiel. Allerdings an diesem Dienstagabend mit einem eklatanten Makel, der vor allem dem allzu nachlässigen Spielmacher Thiago Alcantara anzulasten ist: der fehlenden Inspiration. Denn die schluckten die taktisch cleveren Gäste mit hoher Verteidigungskunst und offensiv sinnvoll gezündeten Störfeuern.

Nächstes Mal "mehr Geilheit", bitte

Mindestens zwei herausragend gute Gelegenheiten vergaben die Gastgeber nach der Pause. Sie taten das, weil der sonst so treffsichere Jonas (57./66) - der sich unmittelbar nach seinem ersten Fehlschuss eine Gelbe Karte einhandelte, die ihn im Rückspiel zum Zuschauen zwingt - jeweils Fracksausen bekam und den Bayern ihren zarten Vorsprung offenbar nicht nehmen wollte. Ein Tor, es hätte das bayrische Kontrollverlust-Dilemma auf die Spitze getrieben.

An der insgesamt sehr positiven Bewertung von Benfica-Trainer Rui Vitória über das Auftreten in München änderte die ungewohnte Stürmerblockade freilich wenig."Die Spieler haben unsere Strategie sehr gut umgesetzt, ich bin sehr stolz, weil wir hier eine sehr große Leistung abgerufen haben", erklärte er nach dem Spiel seelenruhig. Schob dann allerdings, ohne große Emotionen nach: "Ich bin sehr, sehr glücklich mit der Art, wie wir gespielt haben."

So ähnlich urteilte überraschenderweise auch Josep Guardiola, der übrigens sein 150. Spiel als Bayern-Trainer feiern durfte. Über die Leistung seiner Mannschaft sagte er gewohnt versöhnlich: "Ich bin sehr zufrieden, weil ich das Niveau unseres Gegners kenne. Großes Kompliment an mein Team." Etwas kritischer und vielleicht auch mit breiterer Zustimmung fiel dagegen die Spielanalyse von Thomas Müller aus: "Wir hatten nicht so viele Torchancen, wie wir uns gewünscht hätten. Und die wenigen haben wir nicht genutzt. Für das Rückspiel benötigen wir mehr Geilheit und Esprit."

Es hätte für die Bayern doch alles so viel einfacher sein können. Hätte, ja hätte Lewandowski, diese 88 uninspiriert leidenschaftslosen Minuten seiner Kollegen kurz vor Schluss mit ein bisschen mehr Konzentration doch einfach weggepasst ...

Quelle: ntv.de