Fußball

Tanz auf Reals Vulkan FC Bayern verschenkt das Finale

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Enttäuschung pur bei den unterlegenen Münchnern.

(Foto: picture alliance / Francisco Sec)

Es ist ein Fußballspiel wild wie ein Western. Der FC Bayern wächst fast ein wenig über sich hinaus. Doch am Ende steht Real Madrid im Finale der Champions League. Thomas Müller weiß, warum. Und Sven Ulreich mutmaßlich auch.

Fünf Minuten Nachspielzeit hatte der türkische Schiedsrichter Cüneyt Çakır dem FC Bayern gewährt. Und auch die waren fast vorbei, als Joshua Kimmich den Ball hoch und weit in den Strafraum der Madrilenen schlug. Ein wenig zu hoch, ein bisschen zu weit. Thomas Müller, der Kapitän, hatte eigentlich keine Chance, ihn noch zu erreichen; geschweige denn, ihn ins Tor zu befördern. Dennoch sprang er, wider besseres Wissen, aber immer noch besser, als es nicht versucht zu haben. Vielleicht würde er noch die Fußspitze an den Ball bekommen. Doch es reichte nicht. Und Müller? Blieb rücklings auf dem Rasen liegen. Abpfiff. Es war vorbei.

Real Madrid - FC Bayern 2:2 / Hin: 2:1

Tore: 0:1 Kimmich (3.), 1:1 Benzema (11.), 2:1 Benzema (46.), 2:2 James (63.)

Madrid: Navas - Lucas Vazquez, Varane, Ramos,  Marcelo - Kovacic (73. Casemiro), Kroos - Modric, Asensio (88.  Nacho) - Benzema (72. Bale), Ronaldo

München: Ulreich - Kimmich, Hummels, Süle, Alaba - Tolisso (74.  Wagner), Thiago - Thomas Müller, James (83. Martinez), Ribery - Lewandowski

Schiedsrichter: Cakir (Türkei)
Zuschauer: 77.459

Torschüsse: 9:21
Ecken: 6:11
Ballbesitz: 43:57 Prozent
Zweikämpfe: 100:99

Es war, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ein packendes Fußballspiel, das am Mittwochabend vor 77.459 Zuschauern im Estadio Santiago Bernabéu stattfand. Am Ende hieß der Sieger dieser Vorschlussrunde Real Madrid, wieder einmal, obwohl die Partie doch 2:2 (1:1) endete. Da aber der seit zwei Jahren amtierende Sieger der Champions League aus Spaniens Hauptstadt das Hinspiel vor einer knappen Woche in München mit 2:1 gewonnen hatte, steht Real nun zum vierten Mal in den vergangenen fünf Jahren im Endspiel der Königsklasse. Die Fans der Königlichen hatten es schon vor dem Anpfiff plakatiert: "Hasta el final, vamos Real!" Ob der Gegner dann am 26. Mai in Kiew nun der FC Liverpool oder die AS Roma sein wird, dass stellt sich heute (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) im Rückspiel heraus. Das Ziel aber ist klar, auch das hatten die Madridistas in einer groß angelegten Choreographie ihrem Team mit auf den Weg gegeben: "Defendamos el trono. Conquistemos la gloria." - "Lasst uns den Thron verteidigen und den Ruhm erobern."

Dem FC Bayern bleibt die Erkenntnis, dass er nach dem Triple 2013 nun auch im fünften Jahr gegen eine spanische Mannschaft ausgeschieden ist - zum dritten Mal gegen Real. Nur Pech ist das nicht. Im Grunde ist die Geschichte schnell erzählt: Die Münchner haben ein großes, ein wildes Spiel geliefert, das keinen kalt lassen konnte, der sich auch nur ein wenig für diesen Sport interessiert - auch wenn es für die Anhänger der Roten eine Qual gewesen sein muss. Sie haben nie aufgegeben, sie waren - trotz aller Fehler, trotz aller Unzulänglichkeiten - ganz nahe dran. Und ja, sie hätten es ins Finale schaffen können. Wer aber in zwei Spielen dem Gegner das Toreschießen so leicht macht, der muss damit leben, dass es am Ende nicht reicht. Für die Bundesliga mag das reichen, in der Champions League wird das bestraft.

"Wir schenken ein Tor einfach weg"

Der nicht nur auf dem Rasen unermüdliche Müller fasste das Geschehen, nachdem er doch irgendwann aufgestanden war, treffend zusammen: "Wir schenken wie im Hinspiel ein Tor einfach weg, das darf dir in so einem Halbfinale nicht zweimal passieren." Dieses Mal war es Torhüter Sven Ulreich, der einen Fehler machte. Trainer Jupp Heynckes sprach von "einem Missgeschick", um dann zu präzisieren: "Man kann sagen, er hat einen Blackout gehabt." Kurz nach der Pause, es stand noch 1:1 nach Toren von Joshua Kimmich in der dritten und Karim Benzema in der elften Minute, hatte Kollege Corentin Tolisso den Ball zugespielt, und Ulreich vergegenwärtigte wohl zu spät, dass der ihn nicht mit der Hand aufnehmen durfte. In seiner Verwirrung rutschte der Vertreter des verletzten Manuel Neuer aus und am Ball vorbei, den Benzema, der im Hinspiel noch auf der Bank saß, ins leere Tor schob. Und wieder tönte es, vier Mal, über die Lautsprecher im Stadion: "Goool de Kari-i-m! Benzema!"

Um mit Heynckes zu sprechen: "Auf dem hohen Niveau darf man nicht die Fehler machen, die wir gemacht haben." Der Trainer sagte aber auch, Tolissos Pass sein unnötig gewesen. Und er verwies darauf, dass seine Mannschaft ja auch danach noch einige Chancen gehabt habe. Aber nur James Rodríguez, die Leihgabe von Real, nutzte eine im zweiten Versuch nach 63 Minuten zum 2:2. Und das war, bei allem Kampf, einfach zu wenig. Daran konnte auch Sandro Wagner nichts ändern, der in der letzten Viertelstunde für eben jenen Tolisso in die Partie kam und sein Glück als zweiter Angreifer neben Robert Lewandowski versuchen durfte, aber ebenso erfolglos blieb. Und am Ende erfuhren die Münchner, was die Madrider Sporttageszeitung "Marca" gemeint hatte, als sie am Tag des Spiels eine Luftaufnahme des Bernabéu auf die erste Seite hob und titelte: "Macht es zum Vulkan!"

"Der Trainer hat schöne Worte gefunden"

Dabei hätten die Bayern fast auf ihm getanzt. So hatten sie 22 Mal aufs Tor geschossen, Real nur neun Mal. So blieb ihnen nur, sich zu ärgern und ihr Schicksal zu beklagen. Müller sagte: "Wir müssen uns nicht schämen, aber es tut sehr weh, dass wir diese super Möglichkeit verpasst haben. Es war so viel mehr drin." Niklas Süle, der für den verletzten Jérôme Boateng spielte und Cristiano Ronaldo durchaus im Griff hatte, befand: ""Wir haben wieder ein gutes Spiel gemacht. Es ist sehr, sehr ärgerlich, dass wir rausgeflogen sind. Nach dem Ausgleich gab es eine Euphorie-Welle. Jetzt sind wir alle sehr enttäuscht."

Sein Innenverteidigerkollege Mats Hummels, der Ronaldo ebenfalls nichts gestattete, klagte: "Es tut extrem weh. Gefühlt waren wir die gefährlichere Mannschaft, aber Real hat weniger Fehler gemacht." Und David Alaba, der nach überstandener Verletzung für Rafinha den Posten des linken Außenverteidigers übernommen hatte, wo er zwar prima mit Franck Ribéry harmonierte, aber mit Benzema so seine Probleme hatte, sagte: "Das ist sehr bitter. Die Enttäuschung ist natürlich riesig. Wir hätten es verdient gehabt. Dass unser Traum nicht in Erfüllung gegangen ist, ist sehr schade." In der Kabine, so berichtete er, sei es nach dem Ausscheiden sehr ruhig gewesen. "Aber der Trainer hat schöne Worte gefunden. Er ist, glaube ich, sehr, sehr stolz auf uns."

So war es an Jupp Heynckes nach seinem mutmaßlich allerletzten Spiel in der Champions League, den Kampf um die Deutungshoheit zumindest vorläufig zugunsten der Münchner zu entscheiden: "Das war ein Spiel auf Weltklasseniveau, größtenteils von uns diktiert." Seine Mannschaft müsse er loben, was er dann auch tat, und das offensichtlich gerne: "Das war Fußball vom Feinsten, Fußball den man selten sieht auf unseren Plätzen, auch in Europa." Er habe, sagte der Trainer, der mit seinen 72 Jahren im Sommer endgültig in Rente geht, "den FC Bayern in dieser Form schon viele Jahre nicht gesehen". Das Ausscheiden könne er verschmerzen, aber die Spieler täten ihm leid. Denn gewonnen hat ja am Ende Real Madrid.

Quelle: n-tv.de

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