Fußball

Krachende Demütigung des BVB Fatales Fiasko für Favre

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Wieder deutlich angezählt: Lucien Favre.

(Foto: dpa)

Borussia Dortmund kassiert am elften Spieltag der Fußball-Bundesliga bereits die dritte Heimpleite der Saison. Doch diese ist besonders schmerzhaft, denn sie ist krachend und demütigend. Mit 1:5 geht der BVB gegen den VfB Stuttgart unter. Das befeuert eine ewige Diskussion.

Einszufünf. Klingt komisch, ist aber so. Einszufünf, so hoch hat Borussia Dortmund gegen den VfB Stuttgart am Samstagnachmittag verloren. Und dabei, Obacht, sogar noch Glück gehabt. Niemand beim BVB wollte hernach dann auch den Versuch unternehmen, dieses krachende Debakel in irgendeiner Form kleinzureden. So fanden sich in den emotionalen Analysen allerhand gute Überschriften für eine Klatsche historischer Dimension gegen den sehr starken Aufsteiger. Von der "Katastrophe" bis zu einem "Wir sind keine Mannschaft, die gut verteidigen kann" war so ziemlich alles dabei, was eine Top-Mannschaft verzwergt.

Und verzwergt worden, nichts anderes ist er, der BVB. Innerhalb von nur 14 Tagen. Aus den vergangenen drei Begegnungen in der Fußball-Bundesliga gab es lediglich einen Punkt und das bei einem Spielplan, der deutlich reichhaltigere Beute versprach: 1. FC Köln, Eintracht Frankfurt und nun eben Stuttgart. Es sei nun "nicht das Ende der Welt", befand Trainer Lucien Favre. Aber womöglich läutet es nun endgültig das Ende der Ära des Schweizers bei den Dortmundern ein. Zwar wird ihn dieses eine Debakel nicht unmittelbar den Job kosten (vermutlich auch, weil es keine Alternativen gibt), das hat er mit Bundestrainer Joachim Löw (vermutlich auch, weil es keine Alternativen gibt) gemeinsam. Ob er seine Vorgesetzten allerdings ebenso erfolgreich (wie öffentlich unklar) von seinem Weg überzeugen kann wie der DFB-Coach, daran gibt es berechtigte Zweifel.

Wieder einmal. In der vergangenen Saison erwuchs der berechtigte Zweifel nämlich bereits zum treuesten Begleiter des Dortmunder Trainers. Irgendwie überstand er die eigenartige Herbstkrise mit sportlichen Peinlichkeiten - unter anderem ein 3:3 nach 0:3-Rückstand gegen den Aufsteiger (und späteren Absteiger) SC Paderborn - und wütend ausufernden Mentalitätsdebatten. Aber auch eine starke Rückserie taugte nicht, um in Dortmund stabile Ruhe in die Personalie des Trainers zu bekommen. Jede Niederlage (außer gegen den FC Bayern) wurde öffentlich direkt an Favre festgemacht. Jede Niederlage nährte die Zweifel, ob er das Potenzial seiner Hochbegabten voll ausschöpfen würde.

Watzke weicht der Trainerfrage aus

Favre und der BVB hielten alle kritischen Stürme aus. Aber wie lange hält diese Trutzburg? Bis zum kommenden Sommer, wenn der Vertrag des 63-Jährigen beim BVB ausläuft. Oder sogar darüber hinaus? Gespräche wollte man laut "Ruhr Nachrichten" im Januar führen. Oder endet die Zusammenarbeit doch schon bald? Experten wie Dietmar Hamann oder Lothar Matthäus befeuern die Debatte nach diesem fatalen Fiasko jedenfalls bereits wieder fleißig. Im Klub mochte man sich am Samstag nicht zu diesem Thema äußern. Auf dem Weg aus dem Stadion erklärte Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke bloß: Noch habe es keine Besprechung der Lage gegeben. "Wir müssen das jetzt analysieren. Wenn du 1:5 zu Hause verlierst, dann ist das ein schwarzer Tag", meinte Watzke. "Es fühlt sich nicht gut an." Irgendwie ratlos.

Favre muss das analysieren. Er muss seinen Chefs und auch den wütenden Fans (in den sozialen Netzwerken) erklären, warum seine Mannschaft abermals einen eigentlich nicht herzuleitenden Kontrollverlust erlitten hat. Warum sie so einfache, dumme Fehler in Serie produziert, warum sie sich danach nicht wehrt. Warum sie sich in das fußballerische Schicksal ohne Aufbäumen fügt. Diesen Eindruck zumindest vermittelte sie. Favre muss erklären, wie es zu dieser "Katastrophe" (sein O-Ton) kam. Und wie weitere "Katastrophen" verhindert werden können. Vier Niederlagen nach elf Spielen, das ist für diese Mannschaft zu viel. Viel zu viel, zumal mit RB Leipzig und Bayer Leverkusen zwei der stärksten Teams in Deutschland noch warten.

Man könnte es sich mit der Erklärung nun sehr einfach machen. Man könnte sagen, Erling Haaland fehlt verletzt und damit der wichtigste Mann. In dieser Tatsache würde sehr viel Wahrheit stecken. Aber auch sehr viel Ausrede. Denn erstens: Wer sich gegen Stuttgart fünf Tore fängt, muss nicht über seinen fehlenden Stürmer sinnieren. Und zweitens: Wie man sich von einem Schlüsselspieler erfolgreich emanzipiert, zeigt Leverkusen in diesen Wochen. Trotz des Verlusts von Kai Havertz spielt das Team fantastisch und erfolgreich. Trainer Peter Bosz, einst beim BVB krachend gescheitert, hat das Team beeindruckend weiterentwickelt, hat seine Spieler besser gemacht. Eine Qualität, die man auch Favre in der Vergangenheit immer wieder nachgesagt hat - und die von ihm bestätigt wurde.

Aber welche Argumente hat Favre nun eigentlich noch auf seiner Seite? Es sind wenige. Die Abwehr, die in der Saison zunächst so stabil war, ist zum anfälligen Problem geworden. Ebenso der Angriff, der ohne Haaland keine nachhaltig durchschlagenden Lösungen findet. Die Mannschaft, im Sommer lediglich den spektakulären Außenverteidiger Achraf Hakimi verloren hatte, dafür aber mit Thomas Meunier (bislang enttäuschend), Jude Bellingham und Reinier gepimpt worden war, stagniert. Eine Weiterentwicklung ist kaum erkennbar. Spieler wie die Nationalspieler Julian Brandt, Nico Schulz und Mo Dahoud verharren in elementaren Formkrisen, ebenso Jadon Sancho, der bislang eher selten sein Spektakel-Spiel abruft. Das Argument der aberwitzig hohen Belastung in dieser brutal eng getakten Corona-Saison zieht auch nur bedingt, weil die Konkurrenz ebenfalls betroffen ist.

Tatsächlich geht es dieses Mal ganz konkret um sportliche Dinge und nicht um die ledige Ewigkeitsdebatte, ob Favre auch (große) Titel gewinnen kann. Freilich wird es sich am Ende aber wieder genau darauf verzwergen. Denn diese Mannschaft, die ihre Gegner bisweilen mit faszinierender Leichtigkeit herspielt, ist zusammengestellt, um Titel zu gewinnen. Und nicht um sich demütigen zu lassen. Nicht mit einszufünf. Nicht gegen den VfB Stuttgart.

Quelle: ntv.de

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