Fußball

BVB spürt "nur Enttäuschung" Furiose Schalker feiern irren Schlussakkord

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Und, wie ging's aus?

(Foto: imago/Thomas Bielefeld)

Erst spielt sich Dortmund, dann Schalke in einen Rausch - ein verrücktes Fußballspiel. Während die Gäste sich als Gewinner fühlen, wirken sie beim BVB wie traumatisiert. Am Ende brennen bei einigen die Sicherungen durch.

Am Ende ging es nochmal richtig zur Sache: Nach dem Abpfiff feierte Schalkes Torhüter Ralf Fährmann ausgerechnet vor der Dortmunder Südtribüne und provozierte damit die Gelbe Wand. Und dann brannten alle Sicherungen durch. Nuri Sahin nahm sich den Gegner zur Brust, die Folge war eine Rudelbildung der heftigen Art. Irgendwie passte es zu all dem, was zuvor in 90 irren Minuten passiert war. Ein solch verrücktes Spiel - so die naheliegende Dramaturgie - kann doch einfach nicht konventionell zu Ende gehen.

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Nach dem Abpfiff: Schalkes Torwart Ralf Fährmann und Dortmunds Nuri Sahin.

(Foto: imago/Claus Bergmann)

Es war ein krachender Schlussakkord an diesem Samstagnachmittag, als sich der BVB und der ewige Rivale aus Schalke zu einem völlig durchgedrehten Fußballspiel in der Bundesliga trafen, das niemand vergessen wird, der dabei war. Eine Achterbahnfahrt auf dem Rummel mutet im Vergleich zu diesem Spektakel wie eine beschauliche Landpartie an: Zwei völlig unterschiedliche Halbzeiten, in der sich erst Schwarz-Gelb und dann Blau-Weiß in einen Rausch spielten, acht Tore, Videoschiedsrichter, eine gelb-rote Karte, Rudelbildung nach dem Abpfiff - mehr geht nun wirklich nicht in 90 Minuten.

Am Ende gab es nach einem unglaublich intensiven Revierderby vor 80.179 Besuchern im ausverkauften Dortmunder Stadion ein fulminantes 4:4 (4:0). Wer gedacht hatte, das legendäre WM-Qualifikationsspiel, als Schweden in Berlin gegen Deutschland einen 0:4-Rückstand noch egalisierte, sei nicht reproduzierbar, wurde eines Besseren belehrt. Nationalspieler Leon Goretzka fasste die Gefühle aller Schalker in einem verbalen Lapsus zusammen, der angesichts all der Turbulenzen durchaus verzeihbar war: "Wir haben gewonnen", sagte der 22-Jährige, um sich dann flugs zu korrigieren: "Äh, unentschieden gespielt."

"Du spürst im Körper nur Enttäuschung"

Unfreiwillig fand Goretzka exakt die richtigen Worte, denn dieses Remis fühlte sich tatsächlich an wie ein Sieg. Entsprechend schlichen die Dortmunder wie geprügelten Hunde vom Rasen, sie hatten eine traumatische zweite Halbzeit erlebt, die sie weit über den Tag hinaus beschäftigen wird. Entsprechend angefasst wirkte Trainer Peter Bosz, der zu Protokoll gab, das soeben Erlebte sei "schwer zu analysieren und zu verkraften. Du spürst im Körper nur Enttäuschung, das darf nicht passieren."

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"Das ist ehrlich gesagt die Hölle": Domenico Tedesco.

(Foto: imago/DeFodi)

Die Eindrücke des Komplettausfalls aller Systeme im zweiten Durchgang überdeckte alle Eindrücke einer mitreißenden ersten Hälfte, als sich die Borussia nach dem Niedergang der letzten Wochen zu einer kaum glaublichen Leistungssteigerung aufraffte und sich in einen wahren Rausch spielte. Vier blitzsaubere Tore durch Pierre-Emerick Aubameyang, Mario Götze, Raphaël Guerreiro bei einem Eigentor von Benjamin Stambouli - die Schalker wussten angesichts dieses offensiven Feuerwerks gar nicht, wie ihnen geschah.

Die vielgerühmte Abwehr der Gelsenkirchener kassierte drei Tore innerhalb von nur acht Minuten und damit so viele Gegentreffer wie zuvor in zwei Monaten. "Jeder Schuss ein Treffer", stöhnte Trainer Domenico Tedesco: "Die Dortmunder haben uns überrannt." Schalke lag 0:4 hinten und hatte darüber hinaus noch Glück, dass der gelbbelastete Thilo Kehrer nach einer rüden Attacke gegen Andrij Jarmolenko nicht vom Platz gestellt wurde. Für den gebeutelten Gast ging es eigentlich nur noch darum, sich in die Pause zu retten und das Debakel in Grenzen zu halten. So stellte es Tedesco dar: "Es war enorm, wie wir mit dem Rücken zur Wand standen. Das ist ehrlich gesagt die Hölle." Was er erlebte, konnten die Dortmunder 45 Minuten später bestens nachvollziehen. Eigentlich war Schalke nur noch zurück auf den Rasen gekehrt, "um die zweite Halbzeit zu gewinnen und Charakter zu zeigen", sagte Tedesco.

Und dann das: Schalke bäumte sich auf und berannte das Dortmunder Tor, der BVB ging komplett unter, die Ereignisse überschlugen sich. Das erste Tor durch Naldo wurde nicht anerkannt, weil der Video-Schiedsrichter eine Abseitsstellung erkannte, doch dann brach es über die Borussia herein: Guido Burgstaller, Amine Harid, Daniel Caligiuri und schließlich Naldo in der Nachspielzeit - es war unglaublich, wie wenig Mittel der Gastgeber hatte, den Niedergang aufzuhalten.

"Wir haben kein Fußball mehr gespielt und waren den Ball viel zu schnell los", analysierte Bosz, dem die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben stand. Die Diskussionen um den Trainer aus den Niederlanden werden an Dringlichkeit zunehmen nach zwei turbulenten Halbzeiten, die aus Dortmunder Sicht mehr Fragen aufwerfen als beantworten.

Irgendwann ist das Adrenalin im Dortmunder Tollhaus dann doch noch auf normale Werte gesunken. Als sich die Gemüter beruhigt hatten, zeigte sich Schalkes Torhüter einsichtig: "Ich habe mich von meinen Emotionen leiten lassen", sagte Ralf Fährmann, als er sich in den Katakomben des Dortmunder Stadions den Journalisten stellte: "Das darf mir nicht passieren." Es waren wohltuend faire Worte, die Schalkes Kapitän am Ende eines unvergesslichen Nachmittags fand.

Quelle: n-tv.de

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