Fußball

DFB-Aus ja, International nein Grindel hat ein bizarres Ämter-Verständnis

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Am Ende bleibt Reinhard Grindel nach Ansicht der Experten nur ein Weg: Richtung Abschied.

(Foto: REUTERS)

Vom Amt des DFB-Präsidenten ist Reinhard Grindel zurückgetreten, seine Posten in den internationalen Verbänden Uefa und Fifa will er aber behalten. Auslöser ist offenbar vor allem Gier, sagen Experten. Und auch für den DFB ist das Chaos längst noch nicht ausgestanden.

Es ist ein Abschied auf Raten, ein Abschied, der den Geschassten möglichst wenig schmerzt. Seit zwei Tagen ist Reinhard Grindel nicht mehr Präsident des Deutschen-Fußball-Bundes. Seine Ämter bei den internationalen Verbänden Fifa und Uefa will er hingegen nicht aufgeben. "Dass Grindel meint, er könne hier zurücktreten und hat dann noch die Legitimation in den internationalen Gremien weiterzumachen, das beweist seine fehlende Sensibilität", sagt Mark Pieth, Professor für Strafrecht an der Universität Basel, im Gespräch mit n-tv.de. Zumal Grindel für diese Posten zusammen rund eine halbe Million Euro im Jahr erhält. "Das geht ja gar nicht", findet auch Gunter Gebauer, Philosoph und Sportwissenschaftler und früherer Professor an der Freien Universität Berlin. Der Ex-Präsident pflegt augenscheinlich ein sehr bizarres Ämter-Verständnis.

Zur Person

Mark Pieth, geboren 1953, ist Professor für Strafrecht an der Universität in Basel. In seiner Karriere beschäftigte er sich u.a. für die Schweizer Regierung und die OECD mit Korruption, Geldwäsche und Organisierter Kriminalität. Seit November 2011 saß er der IGC vor, der unabhängigen Governance-Kommission der Fifa. Sie sollte Vorschläge zur Verbesserung der Führung und der Transparenz in der Fifa erarbeiten. Für ihre Arbeit im IGC wurden die Mitglieder von der Fifa bezahlt. Im Dezember 2013 beendete das IGC seine Arbeit.

Und so wird es dann doch nicht so einfach: Der DFB ist gefangen im Skandal um seinen früheren Präsidenten. Die Ethikkommission will sich in der kommenden Woche mit dem "Fall Grindel" beschäftigen, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Die Kommission wird dann entscheiden, ob und wenn ja wie sie in der Sache weiter vorgehen wird", sagt der kommissarische Ethik-Chef Nikolaus Schneider. Außerdem könnte Grindel belangt werden: Der DFB prüfe, ob Grindel die 78.000 Euro, die er als Aufsichtsratsvorsitzender der DFB-Medien GmbH erhalten hat, zurückzahlen müsse, heißt es von der "FAZ".

Fifa-Mitglieder könnten Grindel legitimieren

"Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich nicht geldgierig bin", hatte Grindel in seiner Rücktrittserklärung betont. "Dann soll er es beweisen!", fordert Pieth bei n-tv.de. Der frühere Vorsitzende der IGC, der unabhängigen Governance-Kommission der Fifa, betont, dass "die Geschichte mit der Uhr nur das Tüpfelchen auf dem i" war. Dieser Meinung ist auch Gebauer: Grindel lüge sich etwas in die Tasche, er versuche, sich "als hilfloses und ahnungsloses Opfer" zu stilisieren: "Er ist auf gar keinen Fall der Ahnungslose, als der er sich jetzt darstellt. Das wäre ja auch unfassbar, denn er ist angetreten, um im DFB aufzuräumen nach der Niersbach-Ära, die ja auch von dem Wunsch geprägt war, sich zu bereichern."

Ob Grindel tatsächlich so weitermachen kann, wird sich bald entscheiden. Die internationalen Fußballverbände wollen klären, ob sie Ethik-Ermittlungen einleiten. Die "Süddeutsche Zeitung" berichtet, dass die Uefa ihrem Vizepräsidenten den Rücktritt nahelegen wolle. Gut möglich, dass die Fifa nicht so weit gehen wird, schätzt Pieth ein. Seiner Erfahrung nach fehlt vielen Mitgliedern der moralische Sinn für solch ein Vergehen. "In Europa und vor allem auch in Deutschland ist man relativ sensibel gegenüber solchen Machtmissbräuchen. Der Rest der Welt hat auch im politischen Leben mit Korruption zu kämpfen, warum sollte es im Sport anders sein? Die begreifen gar nicht, was wir eigentlich wollen", so seine Erfahrung aus seiner Zeit bei der Fifa.

Rechtlich wird man Grindel zudem nicht rauswerfen können, meint Pieth. Da sei der DFB gefordert: "Bei der Uefa etwa müssen sie sagen: 'Das ist nun ein Privatier, der ist in Rente gegangen, der hat mit uns nichts zu tun, von dem fühlen wir uns nicht vertreten. Und er hat nichts zu sagen.'" Dass Grindel das selbst nicht merke, verdeutliche, "dass die Einschätzung richtig ist, dass die Leute total betriebsblind sind und diese Ämter als Basis zum Geldscheffeln betrachten", so der Strafrechtsprofessor.

Spitzensport ist "ein gefährliches Milieu"

Zur Person

Gunter Gebauer, geboren 1944, war Professor für Philosophie an der Freien Universität Berlin. Er studierte Philosophie, Sportwissenschaft, Linguistik sowie Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft. 2018 wurde er mit dem Ethikpreis des Deutschen Olympischen Sportbundes ausgezeichnet.

Doch wie kommt es dazu, dass so mächtige Personen über ihre Gier stolpern? Gebauer sagt, dass die Umgebung des Spitzensports Mitschuld trägt: "Es ist ein gefährliches Milieu. Man ist umgeben von jungen Leuten, die alle Millionäre sind." Leute kassierten für kleinste Handreichungen unglaubliche Gelder. "Wer da nicht besonders moralisch gefestigt ist, lässt sich vielleicht anstecken."

Grindel selbst schweigt seit dem 2. April - auch auf Twitter. Vor zwei Tagen hatte er dort seine Rücktrittserklärung gepostet. Der Nutzername @DFB_Praesident existiert mit dem Namen und dem Bild Grindels weiter. Das Amt an sich aber ist vakant beim größten Fußball-Nationalverband der Welt. Gebauer hat einen Reformvorschlag: "Ich glaube man könnte diesen Skandal nutzen, um klare Verhältnisse zu schaffen. Der DFB mit dieser merkwürdigen Konstellation mit Amateuren und Großverdienern unter einem Dach, geleitet von einem Präsidenten, das geht ja nicht gut."

Gebauer präferiert eine klare Trennung des Amateur- und des Profisports. "Der Profibereich könnte von jemandem geführt werden, der ein wirklicher Geschäftsmann ist, etwa wie in den USA in der NFL oder NBA, die von einem Commissioner geführt werden. Das sind Rechtsanwälte und selbst auch Geschäftsleute", erklärt Gebauer. "Die haben wirklich Ahnung von allem und sind über alle Zweifel erhaben, weil es eben erstklassige Juristen sind, die auch Führungsqualitäten haben."

Schenk bringt sich in Position

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Rainer Koch zufolge wird ein Kandidat außerhalb des DFB-Präsidiums gesucht.

(Foto: imago/Jan Huebner)

Unklar ist, welche Veränderungen der DFB selbst anstrebt. Bei der Präsidentenfunktion könnte sich der Verband vom Ehrenamt verabschieden, um die Vergütungskonstrukte zu vereinfachen, heißt es. Die "SZ" berichtet, dass der eigentliche Wirtschaftsbetrieb klarer von den sieben Millionen Vereinsmitgliedern getrennt werden soll. So oder so bleibt es bei der Suche nach einem Nachfolger für Grindel. Sylvia Schenk etwa hat sich bereits in Stellung gebracht: Ich will nicht kandidieren, aber zutrauen würde ich es mir, wenn die Leute es wollen und reif für eine Frau sind", sagte die Leiterin Arbeitsgruppe Sport bei Transparency International Deutschland der "Bild"-Zeitung. Aus dem internen Zirkel des DFB-Präsidiums soll der Grindel-Nachfolger jedenfalls nicht stammen, sagt Vizepräsident Rainer Koch: "Unser Ziel ist es jetzt, einen gemeinsamen Kandidaten von DFB und DFL außerhalb des Präsidiums zu finden, der die Anliegen des Amateurfußballs ebenso im Blick hat wie den Spitzenfußball."

Ob Personen wie die kolportierten ehemaligen Nationalspieler Philipp Lahm und Christoph Metzelder genügend Erfahrung haben für so einen anspruchsvollen Posten, wagt Gebauer zu bezweifeln. "Das kann man sich immer schwer vorstellen, dass so jemand - und sei er noch so intelligent und integer - eine solche Maschine bewegen kann."

Quelle: n-tv.de