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Vermuteter Rückzug im Herbst Hoeneß' Abgang ist gut für den FC Bayern

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Mit der legendären Pressekonferenz im Oktober 2018 hat sich Uli Hoeneß viele Sympathien verspielt.

(Foto: imago/Sven Simon)

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Womöglich muss der FC Bayern ab November auf Uli Hoeneß verzichten. Für den Klub wäre das eine gute Entscheidung. Denn die Kraft, mit der der Patriarch den Klub fast 40 Jahre geführt hat, lässt augenscheinlich zunehmend nach.

Ich bin mal auf einer Auslandsreise von einem Amerikaner nach dem Gesicht der Bundesliga gefragt worden. Wer ist das? Wie sieht es aus? Gibt es eine Person, die für die Bundesliga steht? Mal abgesehen davon, dass diese Frage etwas seltsam ist, hatte ich direkt das  schelmische Grinsen von Uli Hoeneß vor Augen. Irgendwie steht dieser so schnell rot werdende Kopf für so viele Meisterschaften, Triumphe, Skandale, aber auch Niederlagen und Auseinandersetzungen. Hoeneß ist zweifelsfrei seit Jahren ein Gesicht der Liga. Ganz sicher aber das Gesicht des FC Bayern.

Geliebt und vergöttert in München, gehasst und zum Teil verspottet nördlich des Weißwurst-Äquators. Ganz sicher aber respektiert von allen in dieser Branche landauf, landab. Irgendwie ist eine Bundesliga-Saison ohne Hoeneß gar nicht denkbar. Nun ist es noch nicht an der Zeit, ein Denkmal für Hoeneß in Zeilen zu pressen, immerhin ist er noch bis mindestens Ende des Jahres in Amt und Würden. Eine "Stand-jetzt-" und "Ist-Zustand-Analyse" ist aber angebracht angesichts des "Bayern-Bebens", wie die "Bild"-Zeitung den möglichen Rückzug des Alphatiers nennt.

Ganz ehrlich: Wirklich überraschend ist er nicht. Das Klima an der Säbener Straße ist eher winterlich und zwar seit Wochen und Monaten. Es fröstelt intern bei den Bayern, vorsichtig formuliert. Nicht erst seit gestern und nicht erst seit der legendären Pressekonferenz vor neun Monaten. Die Stimmung ist schlecht wie seit Jahren nicht. Das weiß jeder, der ein Ohr an den Türen der Bayern-Geschäftsstelle hat. Und draußen ist die große weite Fußball-Welt eh nicht mehr die von Hoeneß. Da sind die zum Teil aberwitzigen Hundert-Millionen-Transfers der europäischen Mitstreiter aus Manchester, Madrid und Barcelona. Er will da nicht mehr mitmachen - einerseits.

Nur noch Passagier und nicht mehr Lokführer

Andererseits wurmt es ihn, zu sehen, wie seine Bayern europaweit immer mehr abgehängt werden. International sind die Bayern nicht mehr erste Adresse. Auch in dieser Transferperiode einmal mehr eher Passagier als Lokführer. "Mia san mia" war gestern und reicht bestenfalls noch, um Borussia Dortmund in Schach zu halten. In der großen Fußballwelt sind die Bayern nicht mehr Tonangeber, wirken seltsam gelähmt. Auch ein Ergebnis der ständigen Konfliktlinien zwischen Hoeneß und dem Klubchef Karl-Heinz Rummenigge?

Die Jahreshauptversammlung Ende 2018, als Hoeneß zum ersten Mal von den eigenen Mitgliedern zum Teil scharf kritisiert wurde, hat den Präsidenten kurzfristig irritiert. Das aber haut einen konfliktfähigen Mann wie ihn nicht um. Die Atmosphäre bei den Bayern setzt ihm schon eher zu. Die kleinen Scharmützel, der tägliche Wahnsinn an der Säbener Straße, die regelmäßigen kräftezehrenden Auseinandersetzungen mit Rummenigge, die nicht endende Diskussion um Nico Kovac. Das alles braucht und will Uli Hoeneß offenbar nicht mehr. Immer mehr Bayern-Fans stellen sich auch die Frage: Wofür stehen die Bayern eigentlich im Jahr 2019?  Wie und was schmettern sie den Millionenausgaben der Konkurrenz entgegen? Wirklich klar ist das nicht. Die Antworten darauf müssen nun andere finden.

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Timo Latsch findet die Entscheidung von Uli Hoeneß gut.

Und so ist die Entscheidung von Hoeneß richtig und gut. Wenn er im November geht, dann hinterlässt er einen Verein, der alle Möglichkeiten hat, im Konzert der Großen zu spielen. National eh, international aber auch. Es braucht aber mehr mutige Entscheidungen, eine klare neue Philosophie. Für beides stand Hoeneß zuletzt aber immer weniger. Gut, dass jetzt andere ran müssen, um die Bayern für die Zukunft fit zu machen. Der Klub braucht dringend eine neue Philosophie. Mit Ex-Adidas-Boss Herbert Hainer und Ex-Torwart Oliver Kahn stehen zwei bereit. Und gerade Kahn könnte den Branchenkrösus in eine neue Ära führen und das neues Gesicht des Rekordmeisters werden.

Uli Hoeneß bezeichnete ihn auf der wohl legendärsten FC-Bayern-Pressekonferenz aller Zeiten als "fast ahnungslos". Timo Latsch ist verantwortlich für den Sport beim Fernsehsender n-tv und einer vom "Trio Infernale".

Quelle: n-tv.de

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