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BVB gegen wackelnden Riesen Ist Barça doch nur ein ganz normaler Klub?

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So schlecht sind sie nun auch wieder nicht: Antoine Griezmann und Anssumane Fati jubeln gegen Valencia.

(Foto: dpa)

Der FC Barcelona brüstet sich gerne damit, dass für ihn die Gesetze des Fußballgeschäfts nicht gelten. Doch vor der Partie in der Champions League beim BVB regiert auch bei Barça das Chaos mit geplatzten Megatransfers, verletzten Egos und sportlichen Tiefschlägen.

Antoine Griezmann ist kein einfacher Charakter. Der französische Top-Stürmer hat immer wieder mit fragwürdigen PR-Stunts, kleinen Marotten und nicht zuletzt seinem erzwungenen Wechsel zum FC Barcelona in diesem Sommer für Schlagzeilen gesorgt. Der Transfer von Atlético Madrid in die katalanische Metropole stand lange auf der Kippe. Angeblich soll sich die Barça-Kabine gegen Griezmann ob seines Verhaltens gegenüber seinem damaligen Arbeitgeber ausgesprochen haben. Am Ende wechselte der 28-Jährige doch für 120 Millionen Euro nach Barcelona und wurde direkt ins kalte Wasser geworfen.

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Abbildung ähnlich: In diesen Formationen könnten der BVB und Barça an diesem Dienstag im ersten Gruppenspiel der Champions League in Dortmund spielen.

Barça gastiert an diesem Dienstag zum Saisonauftakt in der Champions League (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) beim Bundesligisten Borussia Dortmund. Weitere Gegner in dieser Gruppe F sind Inter Mailand und Slavia Prag. Und auch wenn die Katalanen nich nur für die Partie als favorisiert gelten, dürften die die Dortmunder registriert haben, dass beim FC Barcelona seit Saisonbeginn die Verletzungsseuche in der Offensive herrscht. Tore schießen sie allerdings immer noch. Beim 5:2 (2:1) gegen den FC Valencia am Wochenende in der spanischen Primera División wurde Griezmann vom 21 Jahre alten Carles Pérez und dem 16 Jahre alten Anssumane Fati flankiert, der sein Debüt in der Startelf feierte.

Plötzlich war der Franzose in Abwesenheit des angeschlagenen Lionel Messi derjenige, der seine Kollegen führen musste. Diese Angriffsreihe mit Griezmann, Pérez und Fati verkörperte sehr gut den Zustand des FC Barcelona. In der Mitte der hochbezahlte und nicht selten divenhafte Weltklasseangreifer. Auf dem rechten Flügel ein 21 Jahre alter Pérez, der die vergangenen beiden Jahre in der B-Mannschaft verbrachte und bei dem schon drohte, dass er sich in die wachsende Gruppe an gescheiterten La-Masia-Absolventen einreiht. Und auf dem linken Flügel das Wunderkind Fati, der ein Versprechen an die Zukunft darstellt.

La Masia produziert keine Leistungsträger

Eigentlich hat sich Barcelona stets damit gerühmt, wie viele hervorragende Talente in La Masia, der berühmten Jugendakademie des Klubs, ausgebildet werden. Die einstmals übermächtige Mannschaft unter Trainer Josep Guardiola bestand zu großen Teilen aus eigenen Talenten. Das Rückgrat bildeten Messi, Sergio Busquets, Andrés Iniesta, Xavi und Gerard Piqué, allesamt in La Masia gereift. Doch in den vergangenen Jahren kam wenig nach. Und so musste Barça immer häufiger zukaufen, wie etwa im Fall von Griezmann oder auch den Mittelfeldspielern Frenkie de Jong und Arthur.

Während der Klub zuvor allenfalls punktuell Top-Verstärkungen für große Millionenbeträge nach Barcelona holte, gehört das in diesen Tagen zum Alltag dazu. De Jong, der in die Fußstapfen von Xavi und Iniesta treten soll, ist beispielsweise von seiner Spielweise her ein klassischer Barcelona-Spieler. Er ist technisch versiert und mit unvergleichlichem Spielverständnis unter Druck und auf engstem Raum ausgestattet. Zudem kann er von der Innenverteidigung bis zur Zehnerposition eine Vielzahl an Rollen begleiten.

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Vielseitig einsetzbar: Frenkie de Jong.

(Foto: imago images / AFLOSPORT)

Auf diese Polyvalenz wurde seit den Tagen von Johan Cruyff als Trainer in den 1990er Jahren Wert gelegt. Aber de Jong kam eben nicht aus La Masia, sondern für 75 Millionen Euro von Cruyffs Heimatklub Ajax Amsterdam. Aufgrund der zunehmenden Zahl teurerTransfers leidet aber allem Anschein nach die Kultur in der Mannschaft. Denn den Zugezogenen wurde nun einmal die Barça-Mentalität nicht seit ihrem zehnten oder zwölften Lebensjahr eingetrichtert, sondern sie kommen mit großen Egos und Eigeninteressen. Griezmann ist ein Paradebeispiel dafür. Vielleicht klopft sich der Franzose nach einem Torjubel mal auf das Vereinslogo auf dem Trikot, aber eigentlich ist Barça für ihn vor allem eine Gelegenheit, seine eigene Marke zu bewerben und seinen Trophäenschrank zu füllen. Eine Chance, die er eventuell beim etwas kleineren Atlético nicht mehr sah.

Transferposse schadet dem Ansehen

Zugleich katapultiert sich Barcelona nun in den europäischen Transferwahnsinn. Im Sommer folgten auf die Transfer-Saga rund um Griezmann langwierige Verhandlungen mit Paris Saint-Germain und Neymar um eine Rückkehr des Brasilianers. 2017 war er in die französische Hauptstadt gewechselt und hatte Barça zu einem größeren Umbau des Kaders gezwungen. Damals kamen Ousmane Dembélé und Philippe Coutinho als mögliche Nachfolger Neymars. Doch während Coutinho schon wieder das Weite gesucht hat und nun beim FC Bayern in München spielt, kämpft Dembélé nicht nur mit ständigen Verletzungen, sondern auch mit dem Vorwurf der mangelnden Professionalität.

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Sehnsucht nach Neymar: Lionel Messi.

(Foto: imago images / Agencia EFE)

Erst kürzlich zählte Messi den ehemaligen Dortmunder an und forderte ihn auf "professioneller aufzutreten". Der Megastar des FC Barcelona wünschte sich auch sehnlichst eine Rückkehr von Kumpel Neymar, die jedoch nicht zustande kam. Ob Barças Vorstand überhaupt ernsthaftes Interesse an Neymar hegte, darf unterdessen bezweifelt werden. Von Beginn an machte Barcelona die Verhandlungen mit dem Brasilianer öffentlich. Die spanische Presse wusste von konkreten Treffen zwischen Barça, PSG und Neymars Team - oftmals sogar von Uhrzeit und dem Hotel, in dem die Parteien verhandelten.

Nach dem kostspieligen Griezmann-Transfer dürften die Katalanen eigentlich nicht mehr das notwendige Budget für Neymar zur Verfügung gehabt haben. Vielleicht wollte Präsident Josep Maria Bartomeu seinem einstigen Spieler nur eine auswischen. Vielleicht wollte er auch einen spekulierten Transfer zu Real Madrid verhindern. Vielleicht wollte er seinem Kapitän Messi nur zeigen, dass er sich redlich um die Verpflichtung von Neymar bemüht. Am Ende verlief die ganze Sache im Sand und Barças Ansehen hatte Schaden genommen.

Ansu Fati - der neue Messi?

Der Slogan "Més que un club" ("Mehr als ein Klub") ziert den Innenraum des Stadions Camp Nou und ist seit jeher ein Anspruch des FC Barcelona. Dort sollen nicht die klassischen Gesetze des modernen Fußballs gelten. Aber vielleicht tun sie es doch. Der Verein hat viele Grabenkämpfe rund um die Präsidentschaft sowie sportliche Rückschläge erlebt und nicht mehr diesen mit Eigengewächsen besetzten Kader. Womöglich ist der FC Barcelona eben doch nur ein typischer Spitzenklub, einer wie etwa das immerzu chaotische Real Madrid. Aber insgeheim wünschen sich gewiss nicht wenige im Umfeld und wohl auch im Verein selbst, dass Barça bald nicht mehr vorrangig mit Griezmann oder anderen hochbezahlten Zugezogenen, sondern mit Talenten wie Fati in Verbindung gebracht wird.

Als der 16-Jährige am Wochenende gegen Valencia direkt nach wenigen Minuten den Führungstreffer erzielte, erinnerte die ganze Szenerie doch ein wenig an die Anfangstage von Messi in den Jahren 2004 und 2005. Damals wurde der schmächtige, langhaarige und hochtalentierte Argentinier ins kalte Wasser geworfen und wusste direkt zu gefallen. Nun war es Fati, der übrigens aufgrund des späten Anstoßes um 21 Uhr die Erlaubnis seiner Eltern benötigte, andernfalls hätte er nicht auflaufen dürfen.

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Erst die Eltern fragen: Anssumane Fati.

(Foto: REUTERS)

Die Erlaubnis erhielt er und gab den Anhängern von Barcelona die Hoffnung, dass eventuell doch eine neue La-Masia-Generation heranreifen könnte. Fati, der gebürtig aus Guinea-Bissau stammt, kam vom linken Flügel und kombinierte sich zusammen mit Jordi Alba, de Jong und Griezmann vielfach durch die konsternierte Abwehrreihe von Valencia. Bei den vielen Ablagen, Doppel- und Schnittstellenpässen braucht es dynamische Spieler wie Fati, die von der Außenbahn beständig den Weg nach innen suchen. Davon lebt das Offensivspiel Barcelonas und diese Spielweise hat Fati verinnerlicht.

Der alte Messi gegen den BVB dabei

Bei aller Kritik an Barcelona und auch dem wenig charismatischen Cheftrainer Ernesto Valverde wird doch immer wieder deutlich, wie schnell sich die meisten Barça-Spieler in das System einfügen und zu einem gemeinsamen Spiel finden. Das gilt für Griezmann und de Jong wie auch für Fati oder Peréz. Das macht den spanischen Meister auch wieder zu einem Favoriten in der heimischen Liga, auch wenn er nach vier Spieltagen nur auf Platz fünf der Tabelle steht, allerdings mit nur drei Punkten Rückstand auf Spitzenreiter FC Sevilla. Und auch in der Champions League gilt die Mannschaft als Titelanwärter.

Fati wird auch für den späten Anstoß in Dortmund um 21 Uhr wieder die Erlaubnis seiner Eltern einholen. Und der immer noch unangefochtene Kapitän Messi könnte zumindest als Einwechselspieler zu einigen Einsatzminuten kommen. Eigentlich bietet sich für die Dortmunder im Westfalenstadion eine große Gelegenheit, den etwas wackligen katalanischen Riesen zu Fall zu bringen. Aber wenn das flüssige Kombinations- und Positionsspiel im Barça-typischen 4-3-3 erst einmal ins Rollen kommt, dann muss der Bundesligist so kompakt wie möglich verteidigen. Ansonsten wird Barcelona zu Torchancen und Toren kommen, ob nun durch Griezmann, Fati oder den omnipräsenten Messi.

Quelle: n-tv.de

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