Fußball

Favres großer Irrtum Julian Brandt dreht beim BVB auf

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Gut gemacht: Julian Brandt mit Trainer Lucien Favre.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Im Sommer gilt er als kleiner Transfercoup, doch Julian Brandt hat bei Borussia Dortmund so seine Probleme. Nun lässt Trainer Lucien Favre ihn endlich auf seiner Lieblingsposition ran. Und prompt gilt der Nationalspieler vor dem Gruppenfinale in der Champions League als unverzichtbar.

Nachdem Julian Brandt am Wochenende beim 5:0 gegen Fortuna Düsseldorf am 14. Spieltag der Fußball-Bundesliga just sein bislang bestes Spiel für den BVB absolviert hatte, war der deutsche Nationalspieler ein gefragter Gesprächspartner. Er ist trotz seiner erst 23 Jahre ein Medienprofi und präsentierte sich den Journalisten selbstbewusst. "Ich zweifle nie an mir. Das ist wirklich so", sagte er. "Ich glaube, dass viele gute Dinge in mir stecken."

BVB hofft auf Barça

Borussia Dortmund und Inter Mailand haben vor dem letzten Gruppenspiel jeweils sieben Punkte. Bleiben beide Teams gleichauf, wären die Italiener aufgrund des gewonnenen direkten Vergleichs (2:0/2:3) im Achtelfinale. Um das zu verhindern, muss der BVB gegen Slavia Prag mehr Punkte holen als Inter im Parallelspiel gegen den FC Barcelona.

 

Viel wird also davon abhängen, wie ernst der bereits für die K.o.-Runde qualifizierte spanische Meister die Partie in Mailand nimmt. Dass Barcelonas Trainer Ernesto Valverde nicht nur auf Superstar Lionel Messi, sondern auch auf Gerard Piqué, Nélson Semedo, Arthur, Jordi Alba und Sergi Roberto verzichtet, spricht eher dagegen.

Er sei "auf dem Weg dahin, dass es bei Borussia Dortmund so ist, wie viele es schon von mir kennen". Damit dürfte er die Rückrunde der vergangenen Saison bei Bayer 04 Leverkusen gemeint haben, das bisher beste Halbjahr seiner Karriere. Er gehörte zu den herausragenden Mittelfeldspielern der Liga, war maßgeblich beteiligt am Einzug Bayers in die Champions League. Sieben Tore und zwölf Vorlagen standen am Ende zu Buche - persönlicher Rekord.

Dass der BVB auf dem überhitzten Transfermarkt im Sommer dank einer Klausel in Brandts Vertrag nur 25 Millionen Euro nach Leverkusen überweisen musste, darf getrost als Schnäppchen gewertet werden. Und nach großen Anlaufschwierigkeiten kommt Brandt nun langsam in Fahrt. Vor dem Gruppenfinale in der Champions League gegen Slavia Prag an diesem Dienstag (ab 21 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) ist er nahezu unverzichtbar. Vor allem, weil Trainer Lucien Favre ihn endlich auf der richtigen Position einsetzt.

Favres womöglich größter Irrtum

Denn der WM-Teilnehmer von 2018 war ein Gesicht des durchwachsenen, in Teilen bitter enttäuschenden Saisonstarts der Borussia. Kleinere Lichtblicke wie seine Leistung als Joker beim 3:1 beim 1. FC Köln am zweiten Spieltag, die Champions-League-Spiele in Prag und gegen Inter Mailand oder der Doppelpack im DFB-Pokal gegen Borussia Mönchengladbach wechselten sich ab mit unauffälligen, teils schwachen Leistungen.

Dortmund - Prag, 21 Uhr

Borussia Dortmund: Bürki - Akanji, Hummels, Zagadou - Hakimi, Brandt, Weigl, Guerreiro - Hazard, Reus, Sancho. - Trainer: Favre
Slavia Prag: Skoda - Olayinka, Sevcik, Stanciu - Traore, Soucek - Boril, Koudela, Takacs, Coufal - Kolar. - Trainer: Trpisovsky
Schiedsrichter: Sergej Karasew (Russland)

Beim 0:4-Debakel in München gegen den FC Bayern Anfang November bekam er wie fast alle Teamkollegen kein Bein auf die Erde. Beim 3:3 gegen den SC Paderborn im Anschluss wurde Brandt beim Stand von 0:3 zur Pause eingewechselt, hatte an der Aufholjagd des BVB in der zweiten Hälfte aber keinen entscheidenden Anteil. Das Problem: Favre fand für Brandt in seinem wochenlang in Stein gemeißelten 4-2-3-1-System keine adäquate Position.

In Leverkusen hatte der Rechtsfuß zuletzt besonders deswegen geglänzt, weil ihn Trainer Peter Bosz weg von der offensiven Außenbahn in eine deutlich zentralere Rolle beorderte - die als kreativer Freigeist zwischen Sechs, Acht und Zehn. Unter Favre war Brandt mal Außenstürmer, mal Ersatz für Kapitän Marco Reus hinter der Spitze, teilweise sogar ein - falscher - Neuner. Das taktische Korsett des in Dortmund zwischenzeitlich heftig umstrittenen Schweizer Fußballlehrers beraubte den jungen Profi seiner Stärken. Brandts suboptimale Positionierung war womöglich Favres größter Irrtum.

Umdenken nach Debakel beim FC Bayern

Erst die Tiefpunkte gegen den FC Bayern und Paderborn sowie das 1:3 beim FC Barcelona in der Champions League bewegten den 62-Jährigen zum Umdenken. Beim 2:1 am 13. Spieltag gegen Hertha BSC verzichtete Favre in Berlin erstmals in dieser Saison auf einen zweiten Sechser neben Chef-Stratege Axel Witsel. Brandt durfte in seine Leverkusen-Rolle schlüpfen. Das Rezept ging auf, auch wenn der BVB nach dem Platzverweis für Mats Hummels mehr als eine Halbzeit lang in Unterzahl agierte. Das Spiel gegen Düsseldorf schließlich wurde zum Triumphzug der neuen taktischen Grundordnung - und Brandts.

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Mittendrin statt nur dabei.

(Foto: imago images/Team 2)

Bei nahezu jeder gefährlichen Aktion hatte er seine Füße im Spiel, auch wenn Brandt ohne direkte Torbeteiligung blieb. 119 Ballkontakte, die meisten aller Akteure, 90 Prozent angekommene Pässe, 91 Prozent Zweikampfquote - seine Performance auf seiner neuen alten Position beeindruckte bis zu seiner Auswechslung in der 78. Minute. "Es macht sehr viel Spaß auf dieser Position zu spielen. Ich glaube, wenn man aus dem Zentrum aktiv ist, dann kann das ein Spiel beleben", sagte er. Auch Favre freute sich über seinen späten, aber gelungenen Schachzug: "Wir haben festgestellt, dass die Taktik gut funktioniert, deshalb haben wir es über 90 Minuten so gespielt."

Umso bitterer ist es, dass Favre mit dem entscheidenden Gruppenspiel in der Königsklasse gegen Slavia Prag die neue Marschroute schon wieder über den Haufen werfen oder zumindest weitreichend modifizieren muss. Witsel, mit seiner Souveränität und Passsicherheit Brandts kongenialer Partner in der Schaltzentrale, fällt nach seinem Treppensturz bis zum Ende des Jahres aus. Anstelle des Belgiers wird wohl der zuletzt formschwache Julian Weigl auf der Sechs auflaufen. Brandt als verbliebene Konstante im Zentrum wird angesichts dieses erzwungenen Umbaus noch wichtiger für Favre und den BVB - und muss nun beweisen, dass sein Aufschwung nachhaltig ist.

Dieser Text des Kollegen Tobias Knoop ist unter der Überschrift "Glänzende Leistungen in neuer alter Position. Julian Brandt dreht beim BVB auf: Favres großer Irrtum" an diesem Dienstag zuerst auf unserem Schwesterportal sport.de erschienen.

Quelle: ntv.de