Fußball

Wie geht's weiter mit Favre? Borussia Dortmund schämt sich

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BVB-Kapitän Marco Reus fand nach dem Spiel gegen den SC Paderborn sehr deutliche Worte - und verteidigte den Trainer.

(Foto: imago images/Kirchner-Media)

Das maximale Debakel verhindert Borussia Dortmund in der Nachspielzeit. Nach einer Leistung zum Schämen rettet Marco Reus dem BVB das späte Remis gegen Paderborn. Danach sind alle sauer. Ganz besonders die Fans. Und sie machen auch den Schuldigen aus.

Kapitän Marco Reus war stocksauer, als er vom Rasen kam und sich vor das Mikrofon des übertragenden Senders DAZN stellte. "Keine Ahnung, was wir da fabriziert haben. So dürfen wir nie wieder auftreten", wütete er, "wir müssen uns bei allen Leuten hier im Stadion entschuldigen." Was war geschehen, dass sich der "Fußballer des Jahres" dermaßen in Rage redete? Eine erneut herbe Packung wie zuletzt das peinliche 0:4 in der Bundesliga beim FC Bayern? Nein, so schlimm war es an diesem 12. Spieltag nicht gekommen, zumindest, wenn man nur das nüchterne Zahlenwerk betrachtet.

Ein 3:3 stand nach 90 arg turbulenten Minuten auf der Anzeigetafel des größten deutschen Stadions. Ein Remis vor mehr als 80.000 Besuchern? So etwas kann doch mal vorkommen. Oder doch nicht? Nun, die Umstände stimmen sehr bedenklich. Schließlich kam das Unentschieden nach einem 0:3-Rückstand zur Halbzeit nur mit viel Glück durch einen Kopfballtreffer von Reus in der Nachspielzeit zustande. Zuvor hatten Jadon Sancho (47.) und Axel Witsel (84.) die wilde Aufholjagd eingeleitet.

Und das gegen den SC Paderborn, den Aufsteiger aus der Provinz, der als abgeschlagener Tabellenletzter zum selbsternannten Titelanwärter gereist war. Dessen Kader auf dem Transfermarkt mit gerade einmal läppischen 28 Millionen Euro Marktwert taxiert wird, was in etwa "dem Wert des rechten Beins von Jadon Sancho entspricht", wie die Dortmunder "Ruhr Nachrichten" vor Spielbeginn süffisant anmerkten. Für den zunächst furiosen SCP hatten Streli Mamba (5./37.) sowie Gerrit Holtmann (43.) getroffen.

Borussia Dortmund - SC Paderborn 3:3 (0:3)

Dortmund: Bürki - Piszczek, Weigl, Hummels, Schulz (46. Hakimi) - Dahoud (46. Hazard), Witsel - Sancho, Reus, Guerreiro - Alcacer (45.+2 Brandt). - Trainer: Favre
Paderborn: Zingerle - Jans, Kilian, Schonlau, Collins - Pröger, Gjasula, Vasiliadis (40. Sabiri), Holtmann (62. Antwi-Adjej) - Zolinski (77. Michel), Mamba. - Trainer: Baumgart
Schiedsrichter: Christian Dingert (Lebecksmühle)
Tore: 0:1 Mamba (5.), 0:2 Mamba (37.), 0:3 Holtmann (43.), 1:3 Sancho (47.), 2:3 Witsel (84.), 3:3 Reus (90.+2)
Zuschauer: 81.365 (ausverkauft)
Gelbe Karten: Hummels (3), Weigl (4), Hakimi (3) - Collins (2)

Denn als der Ball rollte, war von diesem irrwitzigen Qualitätsunterschied gar nichts zu sehen. Im Gegenteil, die Gäste überrannten ihre hoffnungslos überforderten Widersacher in der ersten Halbzeit, und die sahen dabei wie Schüler aus, die sich mit echten Kerlen anlegen wollen. Die Nationalspieler Nico Schulz beim ersten und Julian Weigl beim zweiten und dritten Gegentreffer ließen sich von ihren Gegnern mit solch frappierender Leichtigkeit überlaufen, dass man Mitleid mit ihnen bekommen konnte. Das mutete an, als würde ein Trabi versuchen, es mit einem Porsche aufzunehmen.

So dürfen wir nie wieder auftreten

BVB-Trainer Lucien Favre sprach von einer "desaströsen ersten Halbzeit. Wir wollten es nach dem Spiel in München besser machen, doch das einzig Positive ist, dass wir zurückgekommen sind." Zumindest das kann die taumelnde Truppe für sich in Anspruch nehmen. Die Gastgeber hätten sich für ihre Moral loben können, doch davon mochte Reus nichts wissen. Noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen? Mitnichten, "da muss man sich schämen", fluchte der Nationalspieler. "Das war richtig scheiße."

Genau wie nach der peinlichen Schlappe in München herrscht bei der Borussia nun mal wieder erhöhter Gesprächsbedarf. Natürlich wird der Trainer dabei im Fokus stehen. Die Debatte, ob der ewige Zweifler Favre der richtige Mann ist, um eine kapriziöse Ansammlung von Edelkickern auf Kurs zu bringen, wird an Dringlichkeit zunehmen. Zumindest Reus nahm seinen sportlichen Vorgesetzten aus der Schusslinie und die Mannschaft in die Pflicht: "Der Trainer stellt uns super ein, wir sind dafür verantwortlich, auf dem Platz Leistung zu zeigen." Auch Abwehrchef Mats Hummels nahm Favre in Schutz. "Wir sind es auf dem Platz, die diese Fehler machen. Ich will ganz deutlich sagen, dass es nichts mit der Trainerposition zu tun hat, wenn wir ohne Druck die Bälle herschenken."

Dass sich vor allem Reus vor seinen Mentor stellt, unter dem er einst bei Borussia Mönchengladbach zum Klassespieler reifte, ist ehrenhaft, bildet den Ist-Zustand jedoch nicht umfassend ab. Dass Favre ein Teil des Problems ist, zeigte schon die Aufstellung. Wer im eigenen Stadion gegen das Schlusslicht mit Jadon Sancho, Reus und Paco Alcacer nur drei gelernte Offensivkräfte in seine Startformation beordert, handelt reichlich hasenfüßig. Das schlimme Auftreten der Dortmunder Profis in der ersten Halbzeit war auch das Abbild von Favres Taktik. Das stinkt auch den Fans. Erstmals gab es unüberhörbare "Trainer raus"-Rufe.

Sancho flaniert wie ein Diva

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Weltstar? Diva? Beides? Jadon Sancho macht den BVB derzeit nur manchmal glücklich.

(Foto: REUTERS)

Dazu kommt, und das erscheint weitaus gravierender, dass hochkarätige Stars weit von dem entfernt sind, was sie zu leisten imstande sind. Ein Beispiel ist Sancho: Abgehoben, arrogant, unpünktlich und außer Form: Auf das hochgelobte und europaweit begehrte Edeltalent prasselte die Kritik in letzter Zeit nur so hernieder. Die Auswechselung in München nach nur einer halben Stunde Spielzeit wegen einer Null-Leistung war die Höchststrafe. Gegen Paderborn bekam der Engländer die Chance zur Rehabilitation, doch anstatt zu rennen und seine üppigen Möglichkeiten in den Dienst der Mannschaft zu stellen, flanierte Sancho in der ersten Halbzeit wie eine Diva über den Rasen. Monatelang wurde über ihn erzählt, er sei ein kommender Weltstar. Das Problem ist, dass Sancho mittlerweile glaubt, er sei es bereits.

Doch der Brite war an diesem Abend nur ein Schwachpunkt unter vielen in einem Ensemble, das sich nicht als Einheit präsentiert. Wer gehässig sein wollte - und dazu gab es genug Anlass - durfte konstatieren, dass die mit Abstand beste Dortmunder Defensivkraft auf dem Rasen Luca Kilian war. Der 20 Jahre junge Mann begann beim Hombrucher SV, wo einst auch ein gewisser Mario Götze das Fußballspielen erlernte, wechselte mit zwölf zum BVB, wo er mit den A-Junioren Deutscher Meister wurde, aber nicht den Sprung in den Profikader schaffte. Nun kickt er in Paderborn und hinterließ einen wesentlich besseren Eindruck als die millionenschweren Kollegen, die für seinen Ex-Klub auflaufen.

Kilian hatte es allerdings über weite Strecken auch nicht schwer, sich zu behaupten. Man muss sich derzeit nicht allzu sehr strecken, um diese Dortmunder in Schach zu halten. Es klingt kaum glaublich, ist aber wahr: Die Paderborner absolvierten die Partie im Revier bis weit in die Schlussphase, ohne eine gelbe Karte zu sehen. Offenbar kann man wenig wehrhaften Borussen körperlos begegnen, ohne in die Bredouille zu geraten. Das alles klingt nicht nach schneller Besserung. Als nächstes wartet ein Gegner, gegen den es durchaus noch ein bisschen schwieriger werden könnte als gegen den SC Paderborn: Am Mittwoch trifft der BVB im Camp Nou auf Lionel Messi und den FC Barcelona.

Quelle: ntv.de