Fußball

Klimawandel im Fußball Kimmich, Katar und andere Katastrophen

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Plötzlich kein Vorbild mehr.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

"Die Pandemie hat wie ein Katalysator gewirkt", sagt Fanforscher Harald Lange im Gespräch mit ntv.de. Die Pandemie aber ist noch lange nicht vorbei. Wie nicht zuletzt der Fall Joshua Kimmich und neue Geisterspiele zeigen. Die Gleichzeitigkeit der Dinge beschäftigt den Fußball dieser Tage massiv.

Mit voller Wucht pflügt die vierte Welle der Corona-Pandemie durch Deutschland. 100.000 Tote seit dem Ausbruch vor beinahe zwei Jahren, täglich steigende Infektionszahlen, die sich kaum jemand hätte ausdenken können. Neue Lockdowns in einigen Bundesländern. Für Ungeimpfte, für alle, für keinen. Es ist kompliziert.

Natürlich ist auch der Fußball von den steigenden Infektionszahlen betroffen. Kaum mehr ist nachzuvollziehen, welcher Spieler bei welchem Verein gerade infiziert und wer von ihnen geimpft oder ungeimpft ist - Impfdurchbrüche, Impfskepsis. Am Ende ist es erst einmal eins: eine Infektion. Täglich vermelden die Klubs neue Fälle, neue Quarantäne-Anordnungen. Beinahe täglich sorgen veränderte Coronaschutzverordnungen für neue Vorgaben für den Stadionbesuch. Und beinahe täglich gab es zuletzt ein Update in Sachen Joshua Kimmich, dem berühmtesten Ungeimpften des Landes. Der wurde im Laufe der Woche während seiner bereits zweiten Quarantäne als Kontaktperson positiv auf das Coronavirus getestet.

"Wohl verdient", krakeelen manche, "denkt an Enke", warnen andere, das Ausmaß einer Depression nicht annähernd umfassend und mit Sicherheit haben auch die, die den Nationalspieler zum Symbol ihres Widerstands gemacht hatten, eine wilde Theorie zur Infektion des Mittelfeldstars von Bayern München, der binnen weniger Wochen vom Vorbild zu einer heftig umstrittenen Person geworden ist. Sportlich reißt seine Abwesenheit ein Loch in den Kader des Rekordmeisters, dessen Führung mit dem plötzlich auftretenden Impfthema sichtlich überfordert wirkt und die Kommunikation der Meilensteine - Bekanntwerden der Nicht-Impfung, kein Gehalt bei Quarantäne und auch der positive Test - den Boulevard-Medien überlassen hat.

Vertrauen nachhaltig zerstört

Der Bundesligaklub wirkt auf die Impfdebatte wenig vorbereitet, er hat das Thema offenbar immer wieder unter den Teppich gekehrt und gehofft, dass es irgendwie schon gut gehen werde. Eine trügerische Annahme und so handlungsschnell wie weite Teile der deutschen Politik auf die langsam anrollenden Infektionswellen der Pandemie. Nichts ging gut. Der Rekordmeister, das internationale Aushängeschild des deutschen Fußballs, wird von der Welle mitgerissen und befindet sich in einem der Epizentren einer eskalierenden Debatte um eine mögliche Impfpflicht. Es geht auch um die Frage, wie man mit Menschen umgeht, die sich aus welchen Gründen auch immer gegen eine Impfung, und somit, so die Argumentation einiger, auch gegen die Allgemeinheit stellen.

Ungewollt, aber gewiss nicht unschuldig befindet sich der Fußball erneut in der Rolle eines populistischen Blitzableiters in unsicheren, angstbringenden Zeiten. Im Laufe der Pandemie ist er schon öfter in diese Rolle geschlüpft, hat versucht, diese mit Hygienepapieren, der Einführung einer generellen Testpflicht bereits im Mai 2020 und vielen Initiativen abzulegen. So richtig gelingen will das dem Fußball nicht. Eben weil Fälle wie die Causa Kimmich, der mit seiner "We Kick Corona"-Initiative zu den Aushängeschildern gehörte, das Vertrauen nachhaltig zerstören. Der Einzelfall wirkt größer als die große Masse. Es ist kompliziert. Kaum jemand gibt ein gutes Bild ab.

Weil der ehemalige Trainer von Zweitligist Werder Bremen, Markus Anfang, mutmaßlich mit einem gefälschten Impfnachweis unterwegs war, mit seinem Verhalten die Absurdität, aber auch das Misstrauen gegen die Akteure im Fußball auf neue Gipfel treibt, bleibt nicht einmal Kimmichs positiver PCR-Test ohne Verdacht. Unter die Häme mischen sich hinter vorgehaltener Hand nur halb im Scherz gemeinte Sprüche. Der Test sei gefälscht, ist da zu hören, denn so umgehe der Nationalspieler eine Impfung und falle nach dem Ende seiner Isolation unter die 2G-Regel. Ein perfider Plan. Offensichtlich falsche, abwegige Anschuldigungen. Aber was ist schon abwegig in diesen Wochen?

Impfpflicht durch die Hintertür?

In diesen Wochen, in denen auch die Politik den Fußball als Spielwiese für ihren Populismus nutzt. Der neue Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Hendrik Wüst, sonnt sich in der vergangenen Woche gerne in seinem Vorschlag zur Einführung einer Impfpflicht für Fußball-Profis. Es passt in die Zeit, ist ein gelungener Aufschlag in den Medien. Ein paar Tage später taucht diese Impfpflicht dann in der in dieser Woche in Kraft getretenen Version der NRW-Coronaschutzverordnung auf. Sie wird durch die Hintertür eingeführt. Nach einer Übergangsfrist mit PCR-Tests sollen zukünftig die Akteure auf dem Platz nur unter 2G-Bedingungen antreten dürfen.

Doch die Dauer der Übergangsfrist ist in der Verordnung nicht näher definiert. Auf ntv.de-Nachfrage teilt das Gesundheitsministerium des Landes mit: "Das Ende der Übergangsfrist soll möglichst bundesweit einheitlich und sehr kurzfristig festgesetzt werden", schränkt aber zuvor bereits ein: "Um diesen Sportlern die Erlangung eines vollständigen Impfschutzes zu ermöglichen, ohne zwingend von für sie oder ihre Mannschaft wichtigen Wettbewerben, Ligaspielen etc. ausgeschlossen zu sein, können sie Training und Wettkampf übergangsweise auch mit einem PCR-Test fortsetzen." NRW strebe dazu auf jeden Fall "eine Verständigung an". Heiße Luft also.

Wie auch die höchst populäre und kuriose Vermischung einiger Vorurteile gegen den Fußball. "Das nicht ausgezahlte Gehalt einer Kimmich-Quarantäne sind umgerechnet übrigens circa 23 Jahre in der Krankenpflege", twitterte der "Heute Show"-Autor Thomas Poppe in dieser Woche und räumte damit mächtig ab. Über 31.000 Likes, mehr als 4000 Retweets. Corona, absurd hohe Gehälter, der Pflegenotstand, die Impfdebatte in wenigen Worten verdichtet. Zusammenhangslos. Doch mehrheitsfähig. Dass die Gehälter, so hoch sie auch sein mögen, nicht ursächlich für Kimmichs Impfskepsis sind, dass der Fußball überhaupt nichts für den Pflegenotstand kann, all das ist nicht relevant. Es ist Populismus. Aber auch ein Zeichen dafür, wie viel Kredit der Sport in den letzten Jahren verloren hat.

"Die Situation wird schwieriger"

Dies zeigt sich auch überdeutlich in der mühseligen Rückkehr der Zuschauer in die Stadien, die auch vor dem Einsetzen der vierten Welle nicht mehr von ihrem Sport überzeugt waren. Zu sehr hatten bereits die Jahre vor der Pandemie dem Stadion-Erlebnis die Seele geraubt, zu groß war die Unzufriedenheit.

"Wenn aus einem Wald ständig Bäume verschwinden, merkt man das nicht. Aber irgendwann ist der halbe Wald weg. Und dann ist das nicht mehr so schön", sagt der Filmemacher Marc Quambusch im Gespräch mit ntv.de: "Man kann einem System nicht immer nur etwas entnehmen." Quambusch, der gemeinsam mit einigen Mitstreitern Mitte der 10er-Jahre Borussia Dortmund und auch dem Fußball mit dem Doku-Drama "Am Borsigplatz geboren - Franz Jacobi und die Wiege des BVBs" ein Denkmal errichtete hat, ist genervt vom VAR, vom fehlenden Wettbewerb in der Bundesliga, der Gängelung der Fans und ein wenig auch vom Stillstand seines Lieblingsvereins. "Die Vereine haben Kunden herangezüchtet und die sagen jetzt: Ich picke mir die Highlights raus. Doch das Produkt, denn das ist die Sprache, die jetzt benutzt wird, ist nicht mehr gut genug."

Diese Sicht bestätigt auch der Fanforscher Harald Lange von der Uni Würzburg. "Die Situation wird wieder schwieriger", sagt er im Gespräch mit ntv.de auf einen neuerlichen Zuschauerausschluss angesprochen. Von dem will man bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL) noch nichts hören, doch die Wucht der vierten Welle sorgt in einigen Bundesländern längst wieder für reduzierte Zuschauerkapazitäten, in Sachsen sogar für neue Geisterspiele. Lange spricht über die seit über einer Dekade existierende Protestkultur innerhalb der Fanszenen. Die Ultras hatten gegen alles protestiert: gegen zu hohe Eintrittspreise, gegen Sicherheitspapiere der Innenbehörden, gegen Investoren, gegen den ausufernden Kommerz und die zunehmende Gewissenlosigkeit der handelnden Akteure im Boom-Sektor Fußball. "Diese Protestbewegung hat Resonanz in der Mitte der Gesellschaft gefunden. Der Fußball ist spätestens 2006 dort angekommen, mit Verzögerung jetzt auch die Proteste", sagt der Fanforscher. "Die Pandemie hat wie ein Katalysator gewirkt."

Der Fall Katar

Aber in der Krise des Spiels sieht Lange auch eine Chance. "Diejenigen Akteure bekommen jetzt Rückenwind, die für Reformen waren, die das Produkt wieder mit anderen Werten aufladen, es in der Gesellschaft verankern wollen." Wie kompliziert das aber sein wird, zeigt der Blick zum Rekordmeister, der nicht nur wegen Joshua Kimmich vor einer komplizierten Jahreshauptversammlung steht. Das Thema Katar steht auf der Tagesordnung. Oder eben nicht.

Seit Wochen schon versucht eine Initiative von Bayern-Fans, durch einen Antrag auf der Jahreshauptversammlung des Vereins das Auslaufen des umstrittenen Werbevertrags der FC Bayern AG mit Qatar Airways zu erzwingen. Doch erst dauerte die Prüfung des Antrags beim Rekordmeister zu lang, dann lehnte das Amtsgericht München eine einstweilige Verfügung des Antragsstellers ab und kurz vor der Versammlung wies auch das Landgericht am frühen Donnerstag eine Beschwerde zurück. Das Thema könnte trotzdem noch auf der Jahreshauptversammlung zur Sprache kommen, auch in Form eines Spontanantrags, aber die gröbste Gefahr scheint erst einmal gebannt. Katar wird jedoch für mindestens die nächsten zwölf Monate ein weiterer großer Streitpunkt im Fußball bleiben. Dann wird die Weltmeisterschaft im Wüstenstaat ausgetragen werden.

Bis dahin wird noch viel passieren. In der Pandemie, in der Politik und vielleicht sogar wieder in den Stadien. Kimmich wird nach seiner hoffentlich bald überstandenen Infektion auf den Platz zurückkehren. Und irgendwann wird die vierte Welle enden. Dann wird es darum gehen, dass der Sport seine unzähligen Imagekampagnen endlich wieder mit Leben füllt. Unruhige Zeiten. Überall.

Quelle: ntv.de

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