Fußball

Sechs Lehren des DFB-Neuanfangs Kimmich wird zentral, Löw tüftelt endlich

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Joshua Kimmich, hier zwischen Frankreichs Olivier Giroud und Kylian Mbappé, reüssiert im DFB-Team auch als Sechser.

(Foto: REUTERS)

Es lässt sich gut an, das DFB-Team und Trainer Joachim Löw scheinen das WM-Trauma schnell zu verarbeiten. Gegen Frankreich verteidigen Müller und Maus, Kimmich hat einen neuen Job, es gibt ein neues Modewort und die Fans sind zufrieden. Nur Oliver Pocher stört.

1. Die Fans sind zufrieden, nur Pocher stört

Bei der Weltmeisterschaft in Russland war die deutsche Fußball-Nationalelf im Juni krachend und als erste Auswahl des DFB bereits in der Vorrunde gescheitert - und das als Titelverteidiger. Danach taten alle Beteiligten Buße, Bundestrainer Joachim Löw nahm, nach zwei langen Monaten des Schweigens, mannhaft die Schuld auf sich.

Deutschland - Frankreich 0:0

Deutschland: Neuer - Kimmich, Boateng, Hummels, Rüdiger - Ginter - Goretzka (66. Gündogan), Kroos - Müller, Reus (83. Sané) - Werner. - Trainer: Löw
Frankreich: Areola - Pavard, Varane, Umtiti, Hernandez - Pogba, Kante - Mbappe, Griezmann (80. Fekir), Matuidi (86. Tolisso) - Giroud (66. Dembélé). - Trainer: Deschamps
Gelbe Karten: Rüdiger (88.)
Schiedsrichter:
Daniele Orsato (Italien)
Zuschauer: 68.000 (ausverkauft)

Das war ehrenwert, nur von den "tiefgreifenden Veränderungen", die er und Verbandspräsident Reinhard Grindel direkt nach der Blamage angekündigt hatten, sprach auf einmal niemand mehr. Da stellte sich die Frage, wie wohl das Publikum die Mannschaft beim ersten Länderspiel nach der WM empfangen würde. Die Antwort nach der ordentlichen Nullnummer gegen Weltmeister Frankreich am Donnerstagabend in München lautet: sehr wohlwollend, sehr nachsichtig.

Und das nicht zu Unrecht. In der Tat zeigten die Spieler das, was ihr Trainer von ihnen gefordert hatte. Sie kämpften, rannten und verteidigten das eigene Tor. Ja, das hatte etwas von einem Neuanfang. Und hätten sie zum Schluss ein wenig mehr Schussglück gehabt, hätte der entthronte Weltmeister den neuen gar geschlagen. "Uns hat der Lucky Punch gefehlt", sagte Thomas Müller. Der Münchner Offensivspieler war zwar nicht einer der Besten, aber einer der Eifrigsten, wenn es darum ging, den Auftrag "Defensivarbeit für alle" mit Leidenschaft zu erfüllen. Auf dieses Zeichen hatten die Zuschauer gewartet. Und da sich offenbar niemand die Frage stellte, warum das nicht schon zehn Wochen früher bei diesem Turnier in Russland funktioniert hat, wurde es ein harmonischer Abend.

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Ein Herz für das DFB-Team: Die deutschen Fußballfans übten sich als Sozialarbeiter für die WM-traumatisierte Nationalmmanschaft.

(Foto: REUTERS)

Nur eines war unschön. Die Stadionregie spielte vor der Partie wie seit Jahren das Lied "Schwarz und Weiß" von Oliver Pocher. Der sogenannte Comedian war nach dem WM-Aus unangenehm mit einer Parodie auf Mesut Özil aufgefallen, die sich darauf beschränkte, dass Pocher sich Glubschaugen aufklebte und versuchte, dumm zu gucken und zu sprechen. Aber es war halt in, gegen Özil auszuteilen. Dass der nicht mehr für die DFB-Elf spielt, ist bekannt. Als einen Grund nannte er rassistische Anfeindungen. Wie auch immer Pocher seinen Auftritt gemeint hat - sein Lied zu spielen, das passte nicht zu einem Neuanfang.

2. Kimmich kann's auch im Mittelfeld

Die größte Überraschung, die der Bundestrainer für das Spiel gegen Frankreich parat hatte, war eine Umstellung. Statt seinen Musterschüler Joshua Kimmich wie stets als rechten Außenverteidiger spielen zu lassen, setzte er den Münchner auf der Sechserposition im defensiven Mittelfeld ein - vor der Ochsenabwehr mit den vier Innenverteidigern Matthias Ginter, Jérôme Boateng, Mats Hummels und Antonio Rüdiger. Zudem sicherte er Toni Kroos ab, der wie bei Real Madrid offensiver spielen durfte. Kimmich ist zwar als Außenverteidiger und Nachfolger Philipp Lahms unverzichtbar, eigentlich. Aber erstens kann er es auch im Mittelfeld, und zweitens ist er derjenige, der mal gesagt hat, dass es ihm im Grunde egal sei, wo er spiele. Die Hauptsache sei, dass er spiele. Und ein Anführertyp ist er schon mit seinen 23 Jahren.

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Dass Löw ihn von außen nach innen holt, ist auch ein Fingerzeig darauf, dass er langfristig mit ihm als zentralen Spieler plant. Ob Kimmich denn nun immer auf der Sechs spielen werde, wurde der Trainer gefragt. Seine Antwort lautete: "Das ist sicherlich eine gute Lösung." Vereinskollege Müller jedenfalls war sehr angetan: "Super hat er das gemacht." Was genau? "Er hat die Ruhe am Ball gehabt. Es war für einen Sechser vielleicht auch einfacher als in anderen Spielen, weil wir auch mit den Achtern und auch mit den Außenstürmern sehr eng gestaffelt verteidigt haben. Aber dafür, dass wir schon Druck auf dem Spiel hatten, hat er es wirklich sehr fehlerlos gelöst. Dass er die Fähigkeiten hat, da zu spielen, ist keine Neuheit."

3. Variabilität ist das neue Modewort

Raus aus alten Denkmustern und wieder ran an die Fußball-Weltspitze: Dieses Motto wurde Fußball-Deutschland bei der WM-Analyse des Bundestrainers als ein Erfolgsbaustein für den Neustart verkauft. Variabilität und Flexibilität gehören zum neuen Lieblingsvokabular des Bundestrainers, was DFB-Teammanager Oliver Bierhoff und seine Stakeholder freuen dürfte - was angesichts der beschränkten personellen Änderungen im DFB-Neustartkader aber auch im Worthülsenverdacht stand.

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Gegen Frankreich ließ Löw Worthülsen nun taktische Taten folgen. Er baute um und deutete an, dies künftig öfter tun zu wollen, ausgerichtet an den eigenen Stärken und am Gegner: "Variabilität ist sicherlich wichtig. Das haben wir auch schon vor der WM gehabt, wir haben Dreierkette gespielt, Viererkette gespielt." Heißt für die Zukunft: Löw tüftelt endlich wieder. Kimmich als Sechser? Gute Lösung, aber (noch) nicht in Stein gemeißelt. Vier Innenverteidiger als neues Abwehrmodell? Gegen die französischen Wuchtbrummen definitiv das probate Mittel, um Konter zu unterbinden, aber nicht des Bundestrainers bevorzugte Abwehrformation. Mehr "Powerfußball" (Müller) dank Kontern und Umschalten, dafür weniger Ballbesitz? Wäre schön, klappte gegen die Franzosen aber nur bedingt. "Ich glaube, man hat heute im Spiel gesehen, dass wir trotzdem sehr viel Ballbesitz hatten", sagte Löw, der Gegner wollte den Ball einfach nicht haben: "Heute mussten wir die richtige Mischung finden. Wir durften uns nicht einfach so entblößen, in Konter laufen. Das ist ein Prozess jetzt." Und beweist: Auch bei Modeworten ist der Bundestrainer variabel.

4. Die Zukunft heißt Havertz

Er ist der jüngste der drei Neulinge im DFB-Kader gegen Frankreich und Peru. Aber dieser Kai Havertz, 19 Jahre jung, Mittelfeldtalent von Bayer Leverkusen und wie Thilo Kehrer (21 Jahre) und Nico Schulz (25 Jahre) erstmals von Löw berufen, wird seine Chance beim Bundestrainer bekommen. In München gegen Weltmeister Frankreich durfte sich Havertz nur warmlaufen und blieb dabei zwischendrin immer wieder stehen, so gebannt schien er vom Spiel. Auf den Youngster angesprochen, schwärmte Löw später regelrecht. "Kai Havertz, der hat mich schon auch im Training wirklich überzeugt. Er hat schon eine unglaubliche Spielintelligenz, eine unglaubliche Technik und Ruhe. Er spielt einfach auch mit aller Ruhe auf engstem Raum saubere Pässe, alles technisch sehr hochstehend. Er hat für sein junges Alter auf dem Platz auch schon eine Präsenz. Er ist einer der talentiertesten Spieler, die wir im Moment haben." Und damit definitiv ein Mann für den Aufbruch in den Umbruch.

5. Zweikämpfe können Spaß machen

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Zweikämpfe können Spaß machen - sagt Müller, findet wohl auch Hummels.

(Foto: REUTERS)

Den Müllerthomas hatten wir schon erwähnt, aber es war wirklich beeindruckend, wie er sich für die Mannschaft einsetzte. "Wir waren wieder eine Mannschaft, die das eigene Tor mit Mann und Maus verteidigt", konstatierte er in der Mixed Zone zufrieden, also dort, wo sich nach der Partie die Spieler mit den Journalisten treffen. "Wichtig war, dass wir die Mentalität, die von uns gefordert wird und die wir auch von uns fordern, wieder auf den Platz gebracht haben." Wichtig aber war ihm, auf Geheiß des Bundestrainers versteht sich, eines: "Wir hatten unsere Defensivaufgaben und waren froh, dass wir die erledigt hatten. Die Offensive war heute zweitrangig." Auf die richtige Mischung komme es an. Grundsätzlich sei es so: "Es wurde ja viel diskutiert, wie stark muss der Umbruch sein. Der Jogi Löw hat natürlich die Spieler, die schon länger dabei sind, bewusst in die Verantwortung genommen. Dieser Verantwortung müssen wir uns stellen. Daher ist die Motivation hoch gewesen, zu zeigen - nicht nur sich selbst, sondern auch den Mitspielern - , dass wir um jeden Quadratmeter kämpfen müssen. Da nehme ich mich natürlich nicht aus." Und dann sagte er, und wirkte nicht nur dabei durchaus glaubwürdig, hatte er doch vor den Worten Taten sprechen lassen: "Es macht auch Spaß, diese Zweikämpfe zu führen." Wenn das kein Schritt in die richtige Richtung ist.

6. Nations League? Interessiert keinen

Das Interessante an der Pressekonferenz mit dem Bundestrainer war nicht unbedingt, dass Joachim Löw mit sich und seiner Mannschaft zufrieden war. Schließlich hatte er sein Team so eingestellt, dass dieselben Spieler, die es in Russland noch verbockt hatten, auf einmal als vor allem defensiv durchaus kompakte Einheit auftraten. Nein, das Interessante war, dass kein einziges Mal irgendjemand die Nations League erwähnte. Dabei war es das für beide Mannschaften erste Spiel in diesem neuen, von der Uefa erdachten Wettbewerb.

Zur Erinnerung: Frankreich und Deutschland spielen zusammen mit den Niederlanden in der Gruppe 1 der Liga A. Insgesamt gibt es vier Gruppen. Die Sieger spielen am Ende in einem Final-Four-Turnier den ersten Titelträger aus, die vier Gruppenletzten steigen in die Liga B ab. Das heißt für die DFB-Elf auch: Im Grunde ist ein Unentschieden in einem Heimspiel zu wenig. Nur war es so, dass darüber niemand sprechen wollte, weil es offensichtlich keine oder nur eine kleine Rolle spielte. Mats Hummels, der pfiffige Innenverteidiger vom FC Bayern, behauptete hinterher immerhin, er habe sich schon ein wenig mit dem Modus dieser Nationenliga befasst. Aber auch er hatte klare Prioritäten: "Unser Ziel ist es, dass wir wieder unsere Leistung bringen." Das hat ja erst einmal ganz gut geklappt. "Und dann schauen wir mal, was daraus wird." Gute Idee. Zur Sicherheit der Hinweis: Die DFB-Elf spielt in der Nations League am 13. Oktober in Amsterdam gegen die Niederlande, drei Tage später geht es nach St. Denis zum Rückspiel gegen Weltmeister Frankreich.

Quelle: n-tv.de

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