Fußball

In München endlich unverzichtbar Klarsprecher Goretzka beißt sich jetzt fest

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Jubel vor den Fans des Ex-Klubs? Klar. Alles andere wäre für Leon Goretzka "scheinheilig".

(Foto: imago images/Plusphoto)

Für seine Meinung macht sich Leon Goretzka stark. Neben dem Platz ist der Fußball-Nationalspieler ein Mann der klaren Worte. Doch beim FC Bayern sind seine Leistungen zu oft zu mittelmäßig. Bis jetzt. Was hat sich geändert?

Die Welt ist schnelllebig geworden. Das betrifft nicht nur die Medien, sondern vor allem die sozialen Netzwerke. Wer sich auf Twitter rumtreibt, erlebt beinahe täglich einen Empörungs- und Aufregungszyklus innerhalb weniger Stunden. Ein Beispiel gefällig? Leon Goretzka und Jerome Boateng gerieten unter der Woche im Bayern-Training aneinander. Boateng habe seinen Mitspieler geschlagen, hieß es am Mittwochnachmittag. Aufregung, Hektik – auch unter vielen Bayern-Fans. Vorbei die Zeit der Ruhe? Nicht mit Leon Goretzka, der die Situation innerhalb weniger Stunden entschärfte. Auf Instagram teilte er ein Bild mit Boateng, das signalisiert: Alles gut bei uns! Dazu das Hashtag: #AlleMalEntspannen.

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Als Typ ist Goretzka längst beim FC Bayern angekommen. An der Säbener Straße dreht sich alles noch mal ein Stück schneller als es ohnehin schon der Fall ist. Umso besser, wenn es Menschen gibt, die sich davon nicht beirren lassen. Goretzka ist so jemand. Er kann den Zeitraffer der Welt anhalten und sich für den Moment aufs Wesentliche konzentrieren. Das wird gerade dann deutlich, wenn er neben dem Platz Haltung zeigt. Bei Klubs wie dem FC Bayern ist das selten geworden. Statt sich klar zu positionieren, wird häufig ausgewichen, um nicht in den Kreislauf der Empörung zu geraten. Lieber gar nichts sagen, als etwas Falsches zu sagen.

Goretzka hat eine andere Einstellung. Beim Ex-Bochumer weiß man immer, woran man ist. Erst im November des vergangenen Jahres stand eine Aussage von ihm zur Auswahl für den "Fußballspruch des Jahres", nominiert durch die Akademie für Fußballkultur: "Ich bin ein Kind des Ruhrgebiets. Da antwortet man auf die Frage nach der Nationalität mit Schalke, Dortmund oder Bochum."

Menschlich angekommen, aber sportlich auch?

Es ist aber nicht nur die klare Haltung gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, die den 24-Jährigen so besonders macht. Goretzka ist einer derjenigen, die man mit ruhigem Gewissen als authentisch bezeichnen kann. Als er gegen seinen Ex-Klub Schalke 04 am vergangenen Wochenende sehenswert per Seitfallzieher traf, jubelte er auf den Knien rutschend vor der Kurve der mitgereisten Schalker. Eine Provokation sollte das aber nicht sein, wie er später selbst sagte. Er sei lediglich seinem Impuls gefolgt. Denn nicht zu jubeln, wäre "scheinheilig". Ehrlich, geradeaus und klar – menschlich ist Goretzka bereits seit seiner Ankunft ein großer Gewinn für den FC Bayern München. Einer, bei dem Eltern beruhigt aufatmen können, wenn er das Vorbild der eigenen Kinder ist.

Sportlich hingegen gibt es auch Zweifler. In den sozialen Netzwerken lassen sich diese schnell finden. Auf Twitter teilt sich vor allem eine im Schnitt sehr junge Anhängerschaft des FC Bayern in ein Tolisso- und ein Goretzka-Lager. Beide sind ähnliche Spielertypen. Beide hatten es in den letzten Monaten nicht immer einfach in München. Und so stellt sich eben auch die Frage, ob es beide beim FC Bayern braucht. Was Goretzka betrifft, ist vor allem die Konstanz bisher ein Problem gewesen. Auf zwei gute Spiele folgten oft mehrere durchwachsene Auftritte. In einigen Partien konnte man den Eindruck gewinnen, dass er nicht richtig am Geschehen teilnahm. Das lag womöglich auch an der jeweiligen Mannschaftsleistung.

Mit Coutinho klappt es noch nicht

Zum Autor
  • Justin Kraft ist freier Autor und Blogger bei miasanrot.de.
  • Als Jahrgang 1993 durch die "Generation Kahn" mit dem FC Bayern in Kontakt gekommen.
  • Fußball-sozialisiert mit der "Generation Lahmsteiger", der er 2019 sogar ein nach ihr benanntes Buch widmete.

Meistens spielte Goretzka in dieser Saison eine höhere Achterposition, auf der er vor allem Offensivaufgaben zu erledigen hatte – gemeinsam mit einem weiteren Achter. Dort gelang es ihm aber nur selten, aktiv auf den Spielverlauf einzuwirken. In Berlin erreichten ihn beispielsweise in der ersten Halbzeit nur 19 Zuspiele, lediglich zwei davon im Angriffsdrittel. Solche Phasen sind es, die dann oft als Abtauchen gedeutet werden. Vielleicht ist Goretzka aber auch einfach nicht der Spielertyp, der sich gern zwischen den Verteidigungsketten des Gegners positioniert und dort auf Zuspiele lauert. Ein weiterer Erklärungsansatz ist die fehlende Harmonie mit Philippe Coutinho.

Coutinho ist ein sehr weiträumiger Spieler, der auf dem Platz überall zu finden ist. Für Goretzka wurde das mitunter zum Problem, wenn der Brasilianer ihm dadurch den Raum nahm. Gegen Schalke saß Coutinho zunächst auf der Bank und Goretzka war plötzlich deutlich aktiver. 27 Zuspiele erreichten ihn allein im ersten Durchgang, 11 davon im Angriffsdrittel, sogar vier in guter Abschlussposition im Strafraum. Fünf Abschlüsse hatte der Mittelfeldmann dann bis zu seiner Auswechslung in der 78. Minute, eine Torvorlage konnte er darüber hinaus beisteuern und das Seitfallziehertor krönte seine starke Leistung.

Hat Flick die richtige Rolle für Goretzka gefunden?

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Philippe Coutinho hat seine Rolle im Münchner Spiel noch nicht gefunden.

(Foto: imago images/Laci Perenyi)

Im Vergleich zur Vorwoche schien Goretzka deutlich besser eingebunden zu sein. Im Zehner-Raum gab es keinen Mitspieler, der ihm auf den Füßen stand und so seinen Raum verengte. Thiago und Joshua Kimmich positionierten sich als Doppelsechs tiefer auf dem Spielfeld und Goretzka agierte als freies Element davor. Eine Kombination, die Potenzial für die Zukunft hat. Hinten die spielstarken Taktgeber und vorn ein dynamischer und torgefährlicher Goretzka, der gleichzeitig aber auch ein gutes Gespür dafür zeigte, wann er in tieferen Spielfeldzonen gebraucht wird. Er wirkte befreit, lauf- und spielfreudig. Er war nicht mehr – wie schon so oft – einer von vielen auf dem Platz, sondern einer der Antreiber. Auch weil er seiner Mannschaft gegen den Ball Stabilität gab.

Es scheint, als hätte Hansi Flick endlich eine Rolle für den gebürtigen Bochumer gefunden, die perfekt zu ihm passt. Doch wo es Gewinner gibt, gibt es immer auch Verlierer. Zwei davon könnten Coutinho und Corentin Tolisso sein. Während der Brasilianer nicht so richtig in Tritt kommt, schiebt Tolisso bereits Extraschichten, um seinen Rückstand aufzuholen.

Beide wissen, dass es verdammt schwer wird, Goretzka zu verdrängen, sollte er seine Form über längere Zeit aufrechterhalten können. Und auch die Twitter-Community scheint das zu registrieren. Denn so schnelllebig und empörungsfreudig dieses soziale Netzwerk auch ist, so sehr werden die paar Zweifelnden dort im Moment ignoriert. Auch, weil sie ohnehin nur eine Randgruppe im großen Kosmos des Fußballs darstellen. Goretzka ist wohl endgültig angekommen in München. Als Mensch ist er das ohnehin schon längst. Doch jetzt scheint ihm auch sportlich ein entscheidender Schritt nach vorn zu gelingen.

Quelle: ntv.de