Fußball

Rückzug in Dortmunder Krise Klopp kapituliert vor BVB-Neuaufbau

Borussia Dortmund und Jürgen Klopp erleben zusammen sieben erfolgreiche Jahre. Doch nach der Saison ist Schluss. Ausgerechnet in diesem Sommer, in dem der BVB vor einem Neuaufbau steht. Dieser Rückzug wirkt feige.

Es ist vorbei, was nie hätte vorbeigehen sollen. Jürgen Klopp und Borussia Dortmund gehen im Sommer getrennte Wege. Damit geht eine der erfolgreichsten Trainer-Vereins-Beziehungen der jüngeren Bundesliga-Geschichte zu Ende. Sieben Jahre opferte sich Klopp für diesen, wie er sagt, "außergewöhnlichen Verein" auf. Aus einem Abstiegskandidaten formte er ein internationales Spitzenteam. Berauscht vom leidenschaftlichen Offensiv-Fußball gewann der BVB zwei Meisterschaften und holte sich einmal den DFB-Pokal. Noch maximal acht Spiele trägt Klopp die Verantwortung für die Borussia -  dann ist Schluss. Schluss, weil der 47-Jährige nicht mehr das Gefühl habe, der perfekte Trainer für diesen Verein zu sein.

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Innige Umarmung: Klub-Chef Aki Watzke herzt den scheidenden Klopp.

(Foto: imago/Moritz Müller)

Das sind starke Worte, für die Jürgen Klopp Respekt verdient. Was er für den Verein geleistet hat, ist für einen Außenstehenden nur schwer zu fühlen. Der Verein hat etwas Sinnstiftendes für die Stadt. Wenn die Borussia spielt, dann schmückt sich halb Dortmund in Gelb-Schwarz. Dann sind die Straßen voll mit glückseligen Menschen. Wenn die Borussia spielt, ist der Alltag vergessen. Beinahe jeder in der Stadt weiß, wann Anpfiff ist, wer geschlagen werden muss - und natürlich wissen sie auch immer, wie ihr Verein gespielt hat. Diesen Zusammenhalt gab es schon vor der Klopp-Ära, doch erst unter Klopp ist die "Echte Liebe" – entstanden.

Jürgen Klopp hat diese Liebesbeziehung aufgebaut. Er hat sie genossen. Sieben Jahre lang. Sieben Jahre in denen es mehr Erfolge als Niederlagen gab. Bis jetzt. In dieser Saison durchlebt der Verein eine Talsohle, mit dem zwischenzeitlichen Absturz auf Rang 18. Bis jetzt ist der Klassenerhalt noch nicht endgültig gesichert – auch wenn der Abstiegskrake seine Tentakel um den BVB-Torso spürbar gelockert hat. In dieser Saison ist es erstmals unter Klopp so richtig schwierig. Und jetzt gibt er seinen freiwilligen Rückzug zum Saisonende bekannt. Ausgerechnet Klopp, der nimmermüde Kämpfer. Das passt doch irgendwie nicht zusammen. Und das Klopp betont, dass sein Rückzug "nichts mit der aktuellen sportlichen Situation zu tun" hat, mögen ihm BVB-Romantiker gerne abnehmen. Doch ganz so leicht lässt sich das Gefühl einer Kapitulation vor dem dringend benötigten Neuaufbau nicht verdrängen.

Streitbare Gestalt

Jürgen Klopp ist ein extrovertierter Typ. Mit seinen launigen Sprüchen hat er sich viele Freunde gemacht. Mit seinen teils derben Kommentaren zu Niederlagen oder Schiedsrichter-Leistungen wurde er aber auch zu einer streitbaren Gestalt. Über was aber Konsens besteht, ist die Leidenschaft, mit der Klopp seiner täglichen Arbeit nachging. Mit seiner Fähigkeit zur Motivation hat er die Spieler zu seinen emotionalen Geiseln gemacht. Eine Gänsehaut haben seine Spieler gehabt, nachdem er sie auf ein Spiel einschwor. Gebrannt haben sie für ihn. Aufgeopfert haben sie sich, selbst wenn der Körper vor Schmerzen nicht mehr laufen wollte. So haben sie es in Europa bis fast ganz nach oben geschafft.

Doch in dieser Saison war all das nur noch sehr selten zu sehen. Der so markante und erfolgreiche Klopp-Stil wirkt überholt, die Spieler nicht mehr so begeistert, so leidenschaftlich, so hungrig wie noch in den Meisterjahren 2011 und 2012. Der Trainer hat an dieser Entwicklung natürlich einen großen Anteil. Und auch, wenn diese Wahrheit das BVB-Herz bluten lässt, sportlich hat der einst Unantastbare eine Reihe von Fehlentscheidungen mit zu verantworten. Die Transfers der Stürmer Ciro Immobile und Adrian Ramos sowie die Verpflichtung von Kevin Kampl in der Winterpause sind finanzielle Desaster. Keiner der drei genannten konnte die Erwartungen nur im Ansatz erfüllen.

Klopp, der eine klare Philosophie verfolgt, die auf Pressing, Tempo und Emotionen fußt, hat sich in dieser Saison selbst verloren. Klopp, der sonst so selbstbewusst, so souverän wirkte, traf häufig falsche Entscheidungen. Seine Stärke, Spieler besser zu machen, wurde zur Schwäche. Spieler wie Immobile wurden nach schlechten Leistungen in die Ecke gestellt. Ein Leistungsträger wie Shinji Kagawa hängt im Dauertief und die sonst so zuverlässigen Neven Subotic und Mats Hummels erlaubten sich gleich mehrfach schwere Patzer und wirkten seitdem emotional seltsam unbeteiligt. So wie Klopp zuletzt auch selbst den großen Kampfgeist seiner erfolgreichen Tage in Dortmund vermissen ließ.

Nach der verkorksten Saison ist beim BVB ein Schnitt notwendig. Der Kader muss an vielen Stellen verändert werden. Es braucht eine neue Spielidee, mehr taktische Variabilität, um den schwierigen Weg zurück an die nationale Spitze zu finden. Klopp hätte das Vertrauen der Chefs und der Fans für diese Aufgabe gehabt. Er selbst fühlt sich nicht mehr bereit dazu. Er gibt das auf, was ihn jahrelang stark gemacht hat. Der erfolgreiche Klopp-BVB braucht nach sieben Jahren eine Renovierung. Doch der Bauherr legt die Arbeit nieder. So etwas nennt man Kapitulation - oder vielleicht sogar feige.

Quelle: ntv.de