Fußball

"Wie eine Flasche leer" Klopps Pressingwut überfordert die Spieler

3db299ee4747ff28240248953e03a4fc.jpg

Platt: Emre Can wird von Jürgen Klopp getröstet.

(Foto: imago/ActionPictures)

45 Minuten lang spielt der FC Liverpool im Europa-League-Finale leidenschaftlichen Klopp-Fußball – und dann? Dann kommt plötzlich nichts mehr. Gar nichts. Denn die Klopp'sche Spielidee stößt bei den "Reds" an ihre physischen Grenzen.

Jürgen Klopp war gerade erst ein paar Tage auf der Insel, da gab Kevin Großkreutz der "Daily Mail" ein Interview. Die englischen Journalisten wollten wissen, mit was für einem Typen sie es da künftig zu tun haben werden. Vieles hatte sich ja bereits rumgesprochen: Dieser Klopp liebt und lebt seinen Klub. Dieser Verrückte an der Seitenlinie bringt Feuer und Leidenschaft. Dieser Typ sei ein wahrer Motivationsmagier. Genau der Richtige also, um die zunehmend lethargischer gewordene "Reds"-Bande kräftig aufzurütteln.

Großkreutz erzählte also – und schwärmte. Davon, wie Klopp die Kabine vor jedem Spiel emotional auflädt, wie er jeden einzelnen Spieler hochpusht. Bis ans Limit. Bereit, alles für ihn und den Klub zu geben. So etwas kommt an, ganz besonders an vom Malochergeist erfüllten Wirkungsstätten wie Dortmund oder Liverpool. Aber so beeindruckend spektakulär das mitunter anzusehen ist, so gefährlich anfällig ist die Klopp'sche Spielidee. Spätestens seit dem späten Mittwochabend, seit dem verlorenen Europa-League-Finale gegen den FC Sevilla (1:3), wissen das auch die Fans der "Reds".

45 Minuten spektakulär, aber dann...

45 Minuten erdrückte die Klopp-Elf den spanischen späteren Triple-Triumphator. Die erste Halbzeit war ein Musterbeispiel dafür, wie sich der deutsche Trainer das Spiel seiner Mannschaft vorstellt. Laufintensiv, extrem aggressiv, von einer bedingungslosen Pressingwut geprägt. In vorderster Linie attackierten Daniel Sturridge, Roberto Firmino, Philippe Coutinho und Adam Lallana den ballführenden Spanier. Das war nicht nur spektakulär schön anzuschauen, sondern auch verdammt effektiv. Hätte das auch für den Abschluss gegolten, hätte sich Klopp frühzeitig von seinem Endspiel-Fluch befreien können.

f8dcd10df385ccc354384c6b4e26aa25.jpg

Weiter, weiter, immer weiter - aber irgendwie ist der Akku halt leer.

(Foto: REUTERS)

Aber der Konjunktiv ist und bleibt der größte Feind des Fußballers. Und so legte die zweite Halbzeit schonungslos offen, wie sehr Jürgen Klopp seine Mannschaft mit dem wütenden Attacke-Fußball überfordert: Müde, platt wie die Trapattoni'schen "Flaschen leer" schlichen die "Reds" gegen die mit ihren Kräften gut haushaltenden Spanier fast 45 Minuten lang dem Schlusspfiff entgegen. Emotional und physisch völlig ausgelaugt - nicht zum ersten Mal in dieser Saison. Auch in der Liga verspielte das Team noch mehrmals einen Vorsprung in Halbzeit zwei.

Beim BVB wurde das so zehrende Klopp-Spiel lange Zeit gut kompensiert, weil der Kader gerade in den Meisterjahren 2011 und 2012 qualitativ sehr breit aufgestellt war – erst zum Ende seiner Zeit, als die Mannschaft immer mehr Topspieler verloren hatte, die nicht auf Anhieb gleichwertig ersetzt werden konnten, wurden die Verschleißerscheinungen sichtbar. In Liverpool nun geht das mit dem Verschleiß alles sehr viel schneller, was mehrere Gründe hat.

Keine Zeit zur Regeneration gegönnt

Der Banalste: Die Saison in England hat nicht nur mehr Ligapartien, sondern auch zwei Pokalwettbewerbe plus (je nach Qualifikation) noch die Auftritte im Europapokal - das Finale war das 63. Saisonspiel der "Reds". Es fehlt zudem die Winterpause, um die so arg beanspruchten Akkus aufzuladen. Um also die irre Intensität der Klopp'schen Spielidee auf höchstem Niveau konstant zu halten, muss der Kader qualitativ extrem breit aufgestellt sein, um den einzelnen Kräften immer wieder ausreichende Regenerationspausen zu gönnen. Doch diese Qualität fehlt in Liverpool (noch). Hinzu kommt, dass der Coach die Mannschaft mitten in der Saison (im Oktober) übernehmen, seine Idee als im laufenden Wettbewerb der Mannschaft einimpfen musste.

Klopp hat seine Spieler in dieser Saison mit der bedingungslosen Pressingwut überfordert. Emotional und physisch so extrem beeindruckende Schlachten wie das Viertelfinal-Rückspiel in der Europa League gegen den BVB lassen sich nicht beliebig wiederholen – im vollgepackten englischen Spielplan noch weniger als in Deutschland.

Zieht Klopp die richtigen Schlüsse aus dieser Saison, richtet der Verein seine Transferpolitik auf die Philosophie seines Trainer aus, die "Reds" können wieder zu einer ganz großen Nummer in Europa werden – denn eigentlich passen sie doch wirklich ganz gut zusammen, dieser leidenschaftliche Klopp und die so leidenschaftlichen Liverpudlians.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema