Fußball

Liga-Neustart ist fatales Signal Kommerz siegt über Vernunft

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Karl-Heinz Rummenigge und Uli Hoeneß vom FC Bayern freuen sich genau wie die Bosse der 35 weiteren Profiteams, dass die Bundesliga wieder losgeht.

(Foto: imago images/Schiffmann)

Dass die Fußball-Bundesliga wieder startet, ist ein Risiko und ein Spiel mit gefährlichen Unbekannten. Aber die Fußball-Lobby ist stärker als alle Zweifel - und so sendet die Politik besonders an Eltern, Kinder und Pflegekräfte ein fatales Signal.

Jetzt rollt er wieder, der heißgeliebte Fußball. Nach den Ministerpräsidenten der Länder nickt auch Angela Merkel das DFL-Konzept für den Neustart der Fußball-Bundesliga ab Mitte Mai ab. Aber Politik und DFL spielen ein Spiel mit vielen Unbekannten - und ob das Risiko wirklich gerechtfertigt ist, wird sich erst in ein paar Monaten zeigen. Vielleicht gibt es die Quittung auch erst in ein paar Jahren, denn die Langzeitgefahren von Covid-19 sind logischerweise noch nicht erforscht. Aber klar ist: Mit dem Neustart wird ein fatales Signal gesendet an die Gesellschaft.

Natürlich, jeder Fußballfan giert darauf, dass es wieder losgeht. Und auch so mancher, der mit Ballsport wenig am Hut hat, wird sich über ein wenig Ablenkung freuen. Aber ist die Ausübung eines Kontaktsports leichtsinnig in einer Phase, da die Abstandsregelung bis in den Juni hinein verlängert wird? Ein Bundesliga-Neustart in einer Zeit, in der ein noch wenig erforschtes Virus grassiert, scheint zumindest unvernünftig. Fakt ist: Niemand kann die Gefahren und Gesundheitsrisiken realistisch einschätzen. Weil sich die Bundesliga in unerforschtes Terrain wagt und sich mit etlichen Unbekannten konfrontiert sieht, könnte das Experiment Neustart aber zu einem Wagnis mit weitreichenden Folgen entpuppen.

1700 Tests hat die Bundesliga durchgeführt, zehn positive Ergebnisse kamen zurück. Was sich nicht nach sonderlich vielen Infizierten anhört, wären auf Gesamtdeutschland hochgerechnet etwa 500.000 Corona-Kranke anstatt der knapp 165.000, die es tatsächlich gibt. Die Gefahr der Ansteckung scheint schon jetzt vor dem Beginn der eigentlichen Spiele und Zweikämpfe für Fußballspieler höher zu sein als für Otto Normalbürger. Und nicht nur der Fall des französischen Erstligakickers Junior Samba zeigt, dass junge, fitte Fußballer aufgrund von Corona im Koma landen können. Experten wie Christian Drosten von der Berliner Charité warnten immer wieder vor der Gefahr für Leistungssportler.

Schlag ins Gesicht für Kitas

Der Fall Salomon Kalou zeigt darüber hinaus, dass nicht jeder Bundesligist es so ernst mit dem DFL-Konzept nimmt. Auf dem Papier mag es für die Politik gut aussehen, in der Praxis wird nicht jeder Kicker auf Handshakes verzichten und mit zwei Meter Abstand duschen und in der Kabine sitzen. Besonders, wenn wie bei Hertha BSC Vereinsinterne die Tests mit unzureichender Schutzkleidung verrichten, scheint die Gefahr groß zu sein, dass es hier zu vermehrten Ansteckungen kommen wird. Dass niemand wirklich prüft, ob die Tests korrekt durchgeführt werden, ist fahrlässig. Und so müssen sich die Beteiligten bewusst machen, dass sie ihrer aller Gesundheit aufs Spiel setzen.

Die DFL, die Vereine und die Politik wollen dieses Risiko in Kauf nehmen, um die Klubs vor der Insolvenz zu retten. Viel Geld - besonders die TV-Millionen - steht auf dem Spiel. Es ist ein Sieg des Kommerzes über die Vernunft. Die 56.000 Menschen, die im Gesamtkonstrukt Fußball-Bundesliga arbeiten, sollen natürlich nicht ihre Jobs verlieren. Aber die Vereine hätte man finanziell auch anders retten können. Und so riesig und wichtig ist die Fußball-Branche dann eben nicht, dass man ihr unbedingt eine Sonderbehandlung gestatten muss. Denn wenn Hotels nicht öffnen dürfen, für zehn Millionen Menschen Kurzarbeit angemeldet wird und Künstler und Kleinunternehmen vor dem Bankrott stehen, dafür aber der Fußball wieder rollen darf - dann hat die Politik eine Extrawurst verteilt. Die tatsächlichen Bedürfnisse eines Großteils der Bevölkerung sind andere, aber die Fußballfunktionäre setzen konsequent ihren Willen durch.

Dieses Signal ist dreist, fatal und unsolidarisch. Nicht umsonst hatten Virologen geraten, dass zunächst Lockerungen in Kraft treten sollten, die "wirklich relevant" seien. Dazu zählt, auch wenn mancher Bundesliga-Offizielle das anders sehen mag, eben nicht der Neustart der Bundesliga. Sondern zum Beispiel die Öffnung von Kindergärten. Dass die psychische und soziale Not von Eltern und Kindern dem Fußball untergeordnet wird, weil dessen Lobby stärker ist, kann gesellschaftliche Langzeitschäden bedeuten. Auch für Pflegekräfte ist der Liga-Neustart ein Schlag ins Gesicht. Denn selbst wenn genug Tests da sind für alle, das Zeichen ist ein fatales: Bundesligaspieler werden teils mehrmals in der Woche getestet, Pflegekräfte in Altenheimen können nur ihre selbst gekauften Gesichtsmasken überstreifen und das Beste hoffen. Am Abend aber dann bitte alle das Solidarität-Klatschen auf den Balkonen nicht vergessen.

Unvernünftig und unsozial

Die Bundesliga kämpft ab jetzt mit vielen Unbekannten. Vielleicht verliert sie an Attraktivität, weil Geisterspiele auf lange Sicht einfach gähnende Langeweile bedeuteten. Vielleicht geht mancher Profi, der diese Saison nichts mehr gewinnen oder verlieren kann, nicht mehr in jeden engen Zweikampf und die Debatte um Wettbewerbsverzerrung wird größer. Vielleicht wird der Betrieb schon nach ein paar Wochen wegen zu vieler positiver Fälle wieder eingestellt und das Chaos beginnt erneut.

Ob der Bundesliga-Neustart leichtsinnig ist, ob Fußballer ihre Gesundheit aufs Spiel setzen müssen und ob sich die Gesellschaft nach der Lockdown-Phase jetzt ein Beispiel an diesem Schritt der Lockerung nimmt und sich dadurch ebenfalls gefährdet, kann noch nicht beantwortet werden. Das Risiko jedoch ist real. Damit steht nur eines fest: Der Beschluss der Politik ist so unvernünftig wie unsozial und unsolidarisch. Denn dass Deutschlands knapp vier Millionen Kita-Kinder bald zu Hause mit ihren Sky-Abos Manuel Neuer oder Erling Haaland zujubeln, darf stark bezweifelt werden.

Quelle: ntv.de