Fußball

Covid-19 "kann Karriere beenden" Bundesliga ignoriert Gefahr für Fußballprofis

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Wenn sich Profis (hier Bayerns Joshua Zirkzee) verletzen, ist meist schnell klar, welche Folgen das hat. Beim Coronavirus fehlt diese Gewissheit.

(Foto: imago images/Passion2Press)

Endlich wieder Bundesliga: Der Profifußball hat die Erlaubnis, neu zu starten. Dabei mahnen Mediziner, dass das Coronavirus bei Leistungssportlern schwerwiegende Lungenschäden verursachen kann. Eine Infektion könnte das Karriereende bedeuten. Die Argumentation ist einleuchtend.

Die Deutsche Fußball-Liga hat ihr Ziel erreicht. Sie darf, nach intensiven Bemühungen und eindrücklicher Lobbyarbeit, ihr Produkt "Profifußball" wieder herstellen. Dabei fehlt noch immer eine Antwort auf die entscheidende Frage: Was passiert, wenn die regelmäßigen Corona-Tests positiv ausfallen? Dass für diesen Fall eine einheitliche Maßgabe fehlt, zeigen die vergangenen Tage. Während Erstligist 1. FC Köln nur die Betroffenen in die Quarantäne schickt, isoliert Zweitligist Erzgebirge Aue die komplette Mannschaft inklusive Trainern und Betreuer-Team. Allerdings zunächst nur von Dienstag bis Donnerstag, obwohl 14 Tage empfohlen werden. "Ich wundere mich, dass Spieler das mit sich machen lassen", twitterte SPD-Politiker Karl Lauterbach, nachdem die Kölner ihre Testergebnisse bekannt gemacht hatten.

Damit meinte der Mediziner und Gesundheitsexperte jedoch nicht die für Profis offenbar weniger strengen Quarantäne-Auflagen. Sondern vor allem die Gefahr, der sich die Fußballer der 36 Klubs aus den ersten beiden Ligen aussetzen. "Wer mit Covid-19 trainiert, riskiert Schäden an Lunge, Herz und Nieren", schrieb Lauterbach. Noch deutlicher wurde Wilhelm Bloch, Professor an der Deutschen Sporthochschule Köln - er sagte der Sportschau: "Ein Sportler sollte sich schon Gedanken darüber machen, dass eine Infektion das Karriereende sein kann."

Vernarbungen der Lunge entdeckt

Bloch bezog sich damit auf Beobachtungen aus Österreich. Dort stellte ein Arzt bei Tauchern, die von einer Covid-19-Infektion genesen waren, Vernarbungen der Lunge fest. Ähnliche Schädigungen entdeckten Mediziner auch bei verstorbenen Coronavirus-Patienten. "Wenn solche Veränderungen da sind, ist die Frage, ob sie nach Monaten wieder weggehen oder ob sie bleiben. Und dann habe ich ein paar Prozent weniger Lungenkapazität - für einen Hochleistungssportler ist das schon eine relativ kritische Sache."

In den Gedankenspielen der DFL und der Bundesliga-Klubs scheint dieses Szenario bislang keine große Rolle zu spielen, zumindest in der Kommunikation nach außen. Dort geht es vor allem darum, dass Ansteckungen vermieden werden sollen, bisweilen auch mit Verweis darauf, dass junge und sportliche Menschen vorrangig mit milden Krankheitsverläufen zu rechnen hätten. Das mag für die bisher infizierten Profis gelten, die nach dem Abklingen der Symptome wieder auf dem Platz stehen. Von nachhaltigen Beeinträchtigungen scheint dort niemand betroffen zu sein.

"Würde das Risiko als Spieler nie auf mich nehmen"

Doch statt sich mit den Folgen positiver Corona-Tests auseinanderzusetzen, verdonnerte die DFL ihre Klubs zum Schweigen. In einer dem "Kicker" vorliegenden Mail empfahl sie den Vereinen, die Laborergebnisse nicht auf eigene Faust nach außen zu geben. Viel mehr sollte eine "zentrale öffentliche Kommunikation" vorgenommen werden, zumindest für die erste Runde des Tests. Zurückhaltung stand als Maßgabe auch im Neustart-Konzept der DFL. Obwohl es sonst durchaus üblich ist im Fußball, Verletzungen offen zu kommunizieren. Fallen Spieler aus, heißt es selten einfach nur "verletzt", in vielen Fällen wird die Art der Verletzung gleich mitgenannt, ob Muskelfaserriss, Bänderdehnung oder grippaler Infekt.

Anders als bei diesen Ausfallgründen ist das Langzeitrisiko bei einer Coronavirus-Infektion jedoch noch völlig offen. Bleibende Schäden "können wir zum jetzigen Zeitpunkt zumindest nicht ausschließen. Es gibt auch durchaus Gründe das anzunehmen, daher würde ich selbst das Risiko als Spieler nie auf mich nehmen", sagte Lauterbach dem RBB. Das deckt sich mit Erkenntnissen von Virologen.

Christian Drosten von der Berliner Charité erläuterte bereits im März im NDR-Podcast, warum dieses Risiko für Leistungssportler im Besonderen gilt. Seinen Worten nach setzt sich das Virus für gewöhnlich zunächst im Rachen fest, vermehre sich dort und befalle erst danach die Lunge. So ließe sich erklären, dass aufgrund der Immunreaktion ein milderer Verlauf möglich ist. Allerdings sei eben auch "denkbar, dass jemand [...] eine hohe Dosis Virus aus der Luft einatmet [...] und dass die Infektion gleich in der Lunge losgeht."

Die Spieler halten sich zurück

Also genau dort, wo sowohl bei Genesenen als auch bei Verstorbenen nachhaltige Schäden festgestellt wurden. Ob diese Lungenschäden sich mit der Zeit vollständig zurückbilden, ist noch offen, für Langzeitbeobachtungen ist das Virus schlicht zu jung. Sportmediziner Bloch erläutert im Gespräch mit der Sportschau, warum dies für Leistungssportler umso mehr gelten könnte: "Wenn man richtig am Schnaufen ist, erhöht sich der Gasaustausch um den Faktor 15 bis 20 - über die Atemfrequenz und dadurch, dass man 3,5 Liter Atemvolumen hat, Profisportler noch mehr. Das bedeutet, man atmet richtig tief in die Lunge hinein."

Doch dieses Szenario taucht in den DFL-Plänen nicht auf. Dort ist zwar aufgeführt, dass Türen möglichst offenstehen sollen, damit niemand die Türgriffe anfassen muss. Auch, dass Startelf und Auswechselspieler verschiedene Kabinen nutzen und idealerweise zu Hause oder im Hotel duschen statt am Trainingsgelände oder im Stadion. Dass Grätschen und eng geführte Zweikämpfe erlaubt sind, aber kein Abklatschen vor dem Anpfiff oder nach dem Abpfiff. Aber eben nicht, was passiert, wenn sich ein Spieler infiziert, womöglich sogar schwer erkrankt.

Aus den Reihen der Spieler hat sich dazu bislang kaum jemand öffentlich geäußert. Nachdem der 1. FC Köln den nachvollziehbar besorgten Birger Verstraete umgehend zurückgepfiffen hat, ist das auch nicht gerade wahrscheinlicher geworden. Dabei ist es grundsätzlich zwar in jedem Spiel so, dass die Profis ihre Gesundheit riskieren und eine Verletzung im schlimmsten Fall das Ende der Fußballlaufbahn nach sich zieht. Doch bei Kreuzbandrissen, Knochenbrüchen und Muskelverletzungen sind sowohl die Behandlung als auch die Heilungschancen und Langzeitfolgen erforscht und bekannt. Beim Coronavirus ist das nicht so. Genau darin liegt die Gefahr.

Quelle: ntv.de