Kritik am BundestrainerKovac' Wut reißt Borussia Dortmund aus dem Verderben

Eine spektakuläre Aufholjagd beschert Borussia Dortmund einen knappen Sieg gegen den Hamburger SV. Ramy Bensebaini trifft zweimal vom Punkt. In der ersten Halbzeit verschießt Felix Nmecha kläglich.
45 Minuten lang taumeln die Fußballer von Borussia Dortmund einer Blamage entgegen. Gegen die Aufsteiger vom Hamburger SV liegen die Gelbschwarzen, die dieses Mal in einem ungewöhnlichen Sondertrikot zu Ehren ihres alten Stadions Rote Erde aufliefen, mit 0:2 hinten. Der BVB hatte sich im eigenen Stadion gnadenlos auskontern lassen. Und dann schoss Felix Nmecha in der 45. Minute auch noch einen Elfmeter am Tor vorbei. Das hatte man lange nicht gesehen. Von den Rängen hagelte es Pfiffe. Das Verderben war nah.
Und nach 90 Minuten wieder ganz weit weg. Der BVB hatte 3:2 gewonnen und wieder einen jener Abende erlebt, die das alte Westfalenstadion zu einem magischen Ort in der Bundesliga machen. Die Männer von Trainer Niko Kovac ließen nach der Pause ihren ganzen Frust über die chaotische erste Halbzeit an den Gästen aus. Nach gerade einmal vier Minuten scheiterte erneut Nmecha, dieses Mal aber nicht kläglich sondern spektakulär. Torwart Daniel Heuer Fernandes packte eine der besten Paraden der Saison aus.
Die Erlösung kommt spät aber wuchtig
Der Ton war gesetzt. Und die zuvor unzufriedene Südtribüne raffte ihre ganze Kraft zusammen. Das Stadion lud sich energetisch auf und machte das eigene Team rasend vor Freude. Es dauerte allerdings eine ganze Weile, ehe das erlösende Tor zum Anschluss fiel. Und es brauchte tatsächlich einen erneuten Elfmeter. Nicht den letzten an diesem Abend. In der 73. Minute trat aber nicht erneut Nmecha an. Ramy Bensebaini verwandelte mit der Lässigkeit eines Mate-Tee trinkenden Hipsters in der Abendsonne des Westparks.
Und er wiederholte das ganze noch einmal. Elf Minuten später. Dieses Mal hatte Miro Muheims Hand den Hamburger SV endgültig um den Lohn einer starken ersten Halbzeit gebracht, in der Philip Otele (19.) und Albert Sambi Lokonga (38.) durchaus spektuklär getroffen hatten. "Ich darf meine Hände da nicht so hoch ziehen", befand Muheim selbstkritisch. "Ein dummer Fehler von mir, wird nicht mehr passieren." Bensebaini pfiff drauf und schob wieder lässig ein. Weil Fabio Silva (78.) zuvor auf 2:2 gestellt hatte, rannte Borussia Dortmund nun dem Sieg entgegen.
"Das war ein total verdienter Sieg"
"Was wir in der zweiten Halbzeit gezeigt haben, war richtig, richtig stark. Das war ein total verdienter Sieg", lobte Sportdirektor Sebastian Kehl. Nach der Pause "haben wir Hamburg an die Wand gespielt", lobte der Sportdirektor: "Wir hätten noch mehr Tore schießen müssen. Das hat den Menschen eine Menge Spaß gemacht. Wir mussten eine Reaktion zeigen und haben sie gezeigt." 61 Punkte nach 27 Spielen hat der BVB nun. Das ist eine herausragende Bilanz. Es gibt nur ein Manko: Der FC Bayern München spielt eine Saison für die Geschichtsbücher und liegt mit 70 Zählern an der Spitze. "Wir haben einen Punkteschnitt von 2,3 pro Spiel, wir machen in der Liga einen richtig guten Job", lobte Kehl.
Und Kovac befand: "Das Einzige, was ein bisschen ärgerlich war, war wirklich Atalanta." In der Champions League flog der BVB trotz Hinspielsieg im Achtelfinale nach einer dramatischen zweiten Hälfte raus. "Das war unnötig, da waren wir selbst schuld. Ansonsten spielt die Mannschaft eine sehr konstante, sehr gute und sehr stabile Saison mit vielen guten Momenten."
Um das Spiel kippen zu lassen, geriet Trainer Kovac in der Pause aus der Balance. "Von Sternzeichen bin ich Waage und eigentlich sehr ausgeglichen. Nur wenn die Waage kippt, dann kippt sie." Was er damit sagen will: Er war in der Kabine offenbar sehr wütend gewesen. Es wurde sehr "deutlich", sagte er. "So wie wir es in der ersten Halbzeit gemacht haben, war es nicht gut, es war schlecht. Das hat jeder hier im Stadion gesehen und wir haben es auch gehört, als wir in die Kabine gegangen sind", sagte Kovac. "Was wir in der zweiten Halbzeit anders gemacht haben, war: Wir waren viel energischer, aggressiver, dynamischer und vertikaler. Deshalb haben wir in der zweiten Halbzeit das Gegenteil von dem gezeigt, was wir in der ersten gezeigt haben."
Einer der Matchwinner neben Doppeltorschütze Bensebaini war der von Bundestrainer Julian Nagelsmann für die anstehenden Länderspiele ignorierte Maximilian Beier. Der Offensivspieler hatte zwei von drei Elfmetern rausgeholt. Dass er nun nicht für den DFB nominiert wurde, konnte Coach Kovac nicht verstehen. "Ich hätte ihn mitgenommen, aber ich bin nicht der Bundestrainer. Ich denke, es gibt viele, viele Gründe. Sehr viel mehr Gründe als nicht. Aber der Bundestrainer entscheidet." Beier zählt seit Wochen zu den auffälligsten BVB-Spielern - und das wird sich noch auszahlen, glaubt Kovac. "Seine Leistung spricht für sich. Aber ich glaube daran, dass er zur WM fährt. Denn so etwas brauchen wir bei einer WM."