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CL-Wahnsinn gegen Barça Liverpools Profis verblüffen sogar Klopp

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Jürgen Klopp und Xherdan Shaqiri können den Sieg gegen Barcelona selbst kaum fassen.

(Foto: imago images / Action Plus)

Der FC Liverpool schafft gegen den FC Barcelona das wahrscheinlich größte Comeback der Champions-League-Geschichte. Er hat nun im Finale die Chance, eine Schwachstelle in der Biografie von Trainer Jürgen Klopp auszubessern.

Es war 22.04 Uhr Ortszeit, als diese unfassbare, diese monumentale Fußball-Nacht endgültig abdriftete ins Kitschige. Die Spieler des FC Liverpool, ihre Betreuer und ihr Trainer Jürgen Klopp, die gerade noch Arm in Arm vor der Kop-Tribüne gestanden und mit den Fans "You'll never walk alone" gesungen hatten, waren in den Katakomben von Anfield verschwunden. Die Zuschauer schoben sich den Ausgängen entgegen wie in Trance, unfähig, das gerade Erlebte zu verarbeiten.

Die Stadionregie spielte ein letztes Lied, kein Fußball-Lied. Es war ein Lied, in dem es um die großen Dinge des Lebens geht, um die Menschen, um Träume, um Frieden, und das doch kein bisschen übertrieben wirkte in diesem Moment. Sie spielte "Imagine" von John Lennon, dem vielleicht berühmtesten Sohn der Stadt. Auf den Rängen applaudierten die verbliebenen Heimfans den Fans des FC Barcelona, die im Gästeblock noch immer ihre Katalonien-Banner schwenkten und die Gästefans applaudierten dem Liverpool-Anhang. Es war der große Friedensgipfel zum Ende einer Nacht für die Ewigkeit.

0:3 hatte der FC Liverpool das Halbfinal-Hinspiel in der Champions League im Camp Nou verloren, eine Woche zuvor. 4:0 lautete jetzt das Ergebnis des zweiten Treffens. Damit war eingetreten, womit nicht einmal streng gläubige Liverpool-Fans und überzeugte Anhänger des Anfield-Kults gerechnet hatten. Klopps Mannschaft hat eines der erstaunlichsten Comebacks in der Geschichte der Champions League geschafft und sich einen Platz im Finale von Madrid am 1. Juni gegen Tottenham Hotspur oder Ajax Amsterdam gesichert.

Eines der erstaunlichsten Comebacks deshalb, weil es gegen Barça stattgefunden hatte. Gegen Barça und vor allem: gegen Lionel Messi. Eines der erstaunlichsten Comebacks deshalb, weil Liverpool ohne "zwei der besten Stürmer der Welt" (Klopp) auskommen musste, nämlich ohne Mohamed Salah und Roberto Firmino. Eines der erstaunlichsten Comebacks deshalb, weil in ihrer Abwesenheit der Mittelfeldspieler Georginio Wijnaldum und der Ersatz-Angreifer Divock Origi zu Helden wurden mit jeweils zwei Treffern.

Wijnaldum hatte vorher erst ein Tor überhaupt in der Champions League geschossen, Origi hatte vor nicht einmal einem Jahr noch in der Bundesliga-Relegation mit dem VfL Wolfsburg gegen Holstein Kiel gespielt. Und eines der erstaunlichsten Comebacks deshalb, weil es wie selten zuvor gezeigt hat, was möglich ist, wenn Mannschaft und Fans zusammenhalten und ein Fußballstadion, das doch eigentlich nur eine seelenlose Konstruktion aus Stahl und Beton ist, seine Magie entfaltet.

"Weil ihr es seid, haben wir eine Chance"

Klopp sprach leise, fast andächtig, als er hinterher das Unfassbare zu fassen versuchte. "Was meine Spieler heute geschafft haben, ist so etwas Besonderes. Ich weiß nicht, ob es vorher schon mal passiert ist und jemals wieder passieren kann", sagte er. Sein Optimismus ist normalerweise grenzenlos, doch vor der Partie hatte selbst er ungewohnt pessimistisch gewirkt, wegen des Hinspiel-Ergebnisses und der Krankmeldungen von Salah und Firmino. Pessimistisch oder eher: realistisch. Hinterher gestand er: "Ich habe zu den Jungs gesagt: Ich glaube nicht, dass es möglich ist, aber weil ihr es seid, haben wir eine Chance. Sie sind Mentalitäts-Giganten."

Seine Mannschaft zeigte ihm, dass sie zu irrationalen Leistungen imstande ist. Irrational übrigens auch deshalb, weil das Spiel eigentlich kein 4:0-Spiel war. Auch Barça hatte Chancen, auch Barça hätte treffen können. Es war eher ein 3:1-Spiel oder ein 5:2-Spiel oder ein 4:3-Spiel. Bei all diesen Konstellationen wäre Liverpool raus gewesen nach dem 0:3 im ersten Treffen, das allerdings auch kein 0:3-Spiel gewesen war. Trotz allen Wahnsinns gibt es keinen Zweifel daran, dass die Mannschaft am Ende leistungsgerecht weitergekommen ist.

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Lionel Messi erzielte im Hinspiel noch zwei Tore, an der Anfield Road kreierte der Argentinier aber zu wenige außergewöhnliche Momente.

(Foto: imago images / Colorsport)

Im Finale kann sie eine herausragende Saison noch mit einem Titel krönen, nachdem die Premier-League-Krone am Sonntag wohl an Manchester City gehen wird. Sie kann Wiedergutmachung betreiben für die Niederlage im vergangenen Jahr gegen Real Madrid unter unglücklichen Umständen – und sie kann ihrem Trainer helfen, eine Schwachstelle in seiner Biografie auszubessern. "Ich weiß, was die Leute über mich und Niederlagen in Finals sagen. Das ist in Ordnung", gestand Klopp.

Zur Erinnerung: Die Leute sagen, dass er so langsam zum Dauer-Verlierer in Endspielen wird. 2013 scheiterte er in der Champions League mit Borussia Dortmund am FC Bayern, 2016 in der Europa League mit Liverpool am FC Sevilla und im Vorjahr eben an Real. Doch egal, gegen wen es in der diesjährigen Ausgabe geht, ob gegen Tottenham oder Ajax: Wer zu einem unfassbaren, monumentalen Comeback gegen den FC Barcelona im Stande ist – der ist gegen jeden Gegner Favorit.

Quelle: n-tv.de

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