Fußball

Warum erst jetzt? Löw gewinnt im Stade de France

Selten wirkt ein Trainer so zufrieden wie Joachim Löw nach der Niederlage mit der DFB-Elf beim Weltmeister in Frankreich. In der Nations League droht zwar der Abstieg, aber mit einer mutigen Aufstellung kontert er seine Kritiker.

Er hat das so nicht gesagt, aber Joachim Löw wirkte wie ein Mann, der alles richtig gemacht und es seinen Kritikern gezeigt hat. Das waren in den vergangenen Tagen fast alle, die sich in Deutschland mit Fußball beschäftigen. Da saß er am späten Dienstagabend im Pressekonferenzraum des Stade de France, der einem Hörsaal einer Universität nicht unähnlich ist, und referierte darüber, wie es so zugeht im Leben. "Es gibt richtige und falsche Entscheidungen in einer Trainerkarriere." Seine Wahl der Spieler für die Startelf am Samstag beim 0:3 in Amsterdam gegen die Niederlande zum Beispiel war nicht so gut, das räumte der Bundestrainer fast nonchalant ein. "So ist das halt."

Er treffe seine Entscheidungen aber aus Überzeugung. "Hinterher muss man sagen, okay, das ist nicht aufgegangen. Dann muss man den Schalter umlegen, neue Lösungen finden, andere Reize setzen, andere Impulse geben." Und genau das, wollte Löw damit sagen, hat er getan. Nur dass die deutsche Nationalmannschaft vor 75.000 Zuschauern in Saint-Denis gegen Weltmeister Frankreich verloren hat. Zwar nur mit 1:2 (0:1), aber Niederlage bleibt Niederlage. Es war die sechste seit Ende März, so oft hat eine Auswahl in der seit 1908 währenden Länderspielgeschichte des DFB noch nie innerhalb eines Jahres verloren. Nach diesem dritten Spiel in der neuen Nationenliga sieht es nicht gut aus. Vor der letzten Partie am 19. November in Gelsenkirchen gegen die Voetbalelftal droht der Abstieg aus der Eliteklasse dieses Wettbewerbs. Wenn es dann nicht schon zu spät ist. Gewinnen die Niederländer drei Tage zuvor gegen Frankreich, können die Deutschen machen, was sie wollen.

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Das aber war nicht das Thema der Löw'schen Kurz-Vorlesung, die nur unterbrochen wurde, wenn der Dolmetscher das Gesagte ins Französische übersetzte. Dann saß Löw auf dem Podium und lächelte zufrieden in die Runde. Seine Mannschaft hatte zwar verloren, er aber gewonnen. Seinen Rücktritt, so scheint es, fordert vorerst niemand mehr. DFB-Präsident Reinhard Grindel ist der Mann, der ihn entlassen könnte. Er ist aber auch der Mann, der vor dem peinlichen Vorrundenaus bei der WM in Russland den Vertrag mit seinem obersten Trainer ohne Not bis 2022 verlängert hatte. Nach der Niederlage, bei der Toni Kroos das deutsche Team nach 14 Minuten per Elfmeter in Führung gebracht hatte, ehe Antoine Griezmann mit seinen Toren in der 62. und 80. Minute drehte, klang Grindel nicht so, als sei eine Trennung ein Thema: " Ich finde, dass wir ein Stück Umbruch gesehen haben, der Mut macht für die Zukunft. Was diese junge Mannschaft heute gezeigt hat, darauf lässt sich aufbauen."

Ein bisschen spät, oder?

Das ist in der Tat nicht völlig falsch. Innenverteidiger Niklas Süle vom FC Bayern, 23 Jahre alt, der für seinen angeschlagen abgereisten Vereinskollegen Jérôme Boateng spielte, der noch ein Jahr jüngere Rechtsverteidiger Thilo Kehrer von Paris St. Germain, der 25 Jahre alte Hoffenheimer Linksverteidiger Nico Schulz sowie die Angreifer Leroy Sané von Manchester City, 22 Jahre alt und Serge Gnabry vom FC Bayern, 23 Jahre alt, sorgten für eine im Vergleich zur klaren Niederlage in Amsterdam auf fünf Positionen veränderte Startelf. Vor allem das Trio mit Sané, Gnabry und dem 22 Jahre alten Leipziger Timo Werner brachte eine Rasanz und ein Tempo ins Angriffsspiel, das es eine Freude war, ihnen dabei zuzusehen. Das hat es sehr lange nicht mehr gegeben. So schwärmte der Bundestrainer dann auch in eigener Sache davon, dass seine Spieler "mutig immer wieder nach vorne gespielt" hätten. "Die Mannschaft hat ihr Herz in die Hand genommen und alle Körner auf dem Platz rausgehauen."

Das provoziert, abseits des interessanten Sprachbildes, die Frage: Warum erst jetzt? Vier Monate nach dem Desaster in Russland ist dann doch ein bisschen spät. Aber Löw ist offenbar nur unter großem Druck bereit, etwas Grundlegendes zu ändern. Die völlig verkorkste und von ihm vercoachte WM hat da nicht gereicht. So locker, wie er das darstellt, geht ihm das mit dem Schalterumlegen nicht von der Hand. Joshua Kimmich hätte er auch schon beim Turnier vom rechten Ende der Viererabwehrkette ins defensive Mittelfeld beordern können. Die Erkenntnis, nach der alten Otto-Rehhagel-Maxime sein Team das spielen zu lassen, was es kann, hätte ihm früher kommen müssen. Und die Idee, mit den jungen, schnellen Stürmern mehr auf Konter zu spielen, anstatt sich ständig auskontern zu lassen, ist auch keine Raketenwissenschaft. Jetzt aber ging es auch um seinen Job, an dem er sehr hängt.

"Nicht auf einmal das Fußballspielen verlernt"

Und noch eine, noch entscheidendere Frage drängt sich auf: Wie ernst und nachhaltig meint es der Bundestrainer mit diesem Umbruch? Denn, das betonte er auch in Saint-Denis: Die älteren und vor allem erfahreneren Spieler hält er für unverzichtbar. Gemeint ist die Weltmeisterachse, von der in Frankreich nur Kapitän und Torhüter Manuel Neuer und Innenverteidiger Mats Hummels vom FC Bayern sowie Mittelfeldspieler Kroos von Real Madrid von Beginn an auf dem Rasen standen. Boateng war wie erwähnt schon wieder in München, Klubkollege Thomas Müller saß 88 Minuten auf der Bank. Löw ließ durchblicken, dass die Umstellungen dem Druck und den Forderungen nach Veränderung geschuldet waren. "Grundsätzlich war es einfach die Situation vor dem Spiel."

Genauso grundsätzlich aber "brauchen wir schon eine Achse", sagte er. Es komme auf die richtige Mischung an. So habe Müller zwar "seine Qualitäten zuletzt nicht so gezeigt". Er sei aber "schon ein Antreiber, der im Training Gas gibt, viel mit den jungen Spielern spricht". Und schließlich hätten die Titelgewinner von 2014 "jetzt nicht auf einmal das Fußballspielen verlernt. Wir brauchen erfahrene Spieler, um auf Dauer erfolgreich zu sein". Bei der jungen Garde sei es "die Frage, ob sie konstant auf diesem Niveau spielen können. Ihre Leistungen sind manchmal schwankend".

Und dann schimmerte doch wieder, trotz aller Rückschläge, trotz aller Kritik, trotz nur drei Siegen in den elf Spielen dieses Jahres, trotz der Enttäuschung über das Ergebnis und trotz der Tatsache, dass die Franzosen am Ende einfach besser waren, die alte Großmannssucht durch: "Wir waren auf Augenhöhe mit der aktuell besten Mannschaft der Welt." Am Ende seines Referats zum Thema "Entscheidungen im Laufe eines Trainerlebens unter besonderer Berücksichtigung seiner selbst" hatte er übrigens noch gesagt: "Ich lag ja auch oft richtig."

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Quelle: n-tv.de

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