Fußball

"Waren wieder eine Mannschaft" Löw lobt und warnt, Müller trauert um Sieg

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Gut dagegengehalten: Gegen Fußball-Weltmeister Frankreich mit Kylian Mbappé erringen Thomas Müller und die DFB-Elf ein Remis.

(Foto: picture alliance/dpa)

Beim Neustart nach dem WM-Debakel bringt die DFB-Elf den Fußball-Weltmeister Frankreich an den Rand einer Niederlage. Das lässt Fans und Spieler hoffen - und Trainer Löw. Der überzeugt per Taktikjoker und weiß doch: Zweifel bleiben.

Es begann mit Kitsch und endete in Erlösung. Noch gigantischer als das schwarz-rot-goldene Herz, das die DFB-Elf im Münchner Stadion in den Neustart nach WM-Desaster und Özil-Fiasko begleitete, war die Erleichterung bei Bundestrainer Joachim Löw und seinen Spielern nach dem Start in die Nations League, der in einem 0:0 gegen Fußball-Weltmeister Frankreich resultierte.

Deutschland - Frankreich 0:0

Deutschland: Neuer - Kimmich, Boateng, Hummels, Rüdiger - Ginter - Goretzka (66. Gündogan), Kroos - Müller, Reus (83. Sané) - Werner. - Trainer: Löw
Frankreich: Areola - Pavard, Varane, Umtiti, Hernandez - Pogba, Kante - Mbappe, Griezmann (80. Fekir), Matuidi (86. Tolisso) - Giroud (66. Dembélé). - Trainer: Deschamps
Gelbe Karten: Rüdiger (88.)
Schiedsrichter:
Daniele Orsato (Italien)
Zuschauer: 68.000 (ausverkauft)

Die unterhaltsame Nullnummer mit einer starken deutschen Schlussdruckphase war den Worten von Löw & Co. nach zu urteilen mehr ein gefühlter Sieg als ein respektables Remis. Auf jeden Fall war sie ein Sieg über die allergrößten Nach-WM-Zweifel. "Es war uns sehr bewusst, dass das Spiel unter besonderen Vorzeichen nach dieser enttäuschenden Weltmeisterschaft steht. Dass die Mannschaft natürlich auch wieder eine andere Einstellung, ein anderes Gesicht, ein anderes Verhalten zeigen muss. Das hat sie heute getan", sagte der Bundestrainer und fand: "Jeder einzelne Spieler ist absolut an die Grenzen gegangen, hat die Zweikämpfe angenommen. Diese Tugenden waren auf jeden Fall zu spüren."

Obwohl gegen Frankreich elf WM-Fahrer in der deutschen Startelf standen, war Spiel eins nach dem historischen #zsmmnbrch in Russland ein erster Schritt zurück in die Normalität. Auch wenn er "als Typ jetzt mit einem 0:0 nicht hundertprozentig zufrieden" sei, widersprechen wollte Thomas Müller dem Fazit seines Trainers nicht. "Es war kein technisch perfektes Spiel", sagte der Offensivspieler, nachdem er zuvor die Seele des zuletzt arg enttäuschten deutschen Anhangs gestreichelt und die "Choreografie in der Südkurve" und den Empfang durch die Fans ("Super") gelobt hatte: "Aber wir haben auch gezeigt, dass ein Herz in uns steckt."

"Nicht mit acht Mann angreifen"

Am Spiel des Entthronten gegen den amtierenden Weltmeister hatte Müller gefallen, dass "wir die geforderte Mentalität auf den Platz gebracht haben, dass wir unser Spielkonzept weitestgehend durchgebracht haben - was ja, wenn man die letzten acht Monate anschaut, nicht wirklich in jedem Spiel funktioniert hat". Und, betonte Müller: "Wir waren wieder eine Mannschaft auf dem Platz, die auch wirklich das Tor mit Mann und Maus verteidigt hat." Und was ja, wenn man zehn Wochen bis zur WM-Vorrunde zurückspult, wirklich in jedem deutschen Gruppenspiel nicht funktioniert hatte.

Müller schwankte zwischen Erleichterung, gegen die bis auf den verletzten Torhüter Hugo Lloris in WM-Finalbesetzung angetretenen Franzosen nicht verloren zu haben, und der verpassten Chance, den Neustart nach dem Debakel mit einem Sieg über den Weltmeister zu beginnen. "Mit ein bisschen mehr Glück hätten wir auch 1:0 gewinnen können. Das wäre natürlich perfekt gewesen." Auch Löw sagte: "Wir hatten in der zweiten Halbzeit zwei, drei sehr gute Möglichkeiten, ein Tor zu erzielen. Viel mehr Möglichkeiten bekommt man gegen den aktuellen Weltmeister selten." Andererseits, sagte Müller: "Wir wussten, dass wir nicht 4:0 gewinnen, weil wir defensiv und auf Kontervermeidung eingestellt waren. Mit Blick auf Juni wollten wir nicht mit acht Mann angreifen und nur noch zwei hinten lassen." Es sei nicht alles perfekt gewesen. Aber gemessen an der WM, bei der sich das DFB-Team bekanntlich erschreckend hilf- und willenlos präsentiert hatte, "haben wir ein gutes Spiel gemacht".

"Schritt auf die Fußball-Nation zu"

Neben einer kompakten Abwehrkette aus vier Innenverteidigern und strikten Defensivaufträgen für alle trug zur Stabilisierung des deutschen Spiels auch eine taktische Umstellung bei, mit der Löw die Kritik an seinem bei der WM-Analyse präsentierten Revolutiönchen indirekt relativierte und mit der er die Weichen für die Evolution des Mannschaftsgefüges stellte. Statt auf etablierte Abräumer-Sechser wie Sebastian Rudy, der nicht einmal im Kader stand, setzte der Trainer gegen Frankreich auf Rechtsverteidiger Joshua Kimmich im zentralen Mittelfeld - und sah sich von der Leistung des 23-Jährigen auf dessen Lieblingsposition bestätigt. "Er hat ein sehr, sehr gutes Spiel gemacht, war sehr präsent, zweikampfstark, viel am Ball", lobte Löw den Bayern-Profi. Der hatte schon bei der WM seinen Führungsanspruch angemeldet, den er als Chef im Mittelfeld künftig unterstreichen könnte.

Ins Spiel war Kimmich mit einem konkreten Auftrag geschickt worden, sagte er im ZDF: "Ich sollte auf den Raum vor unseren Innenverteidigern aufpassen, weil Frankreich mit vielen langen Bällen auf Giroud arbeitet. Da sollte ich die zweiten Bälle aufräumen." Offen blieb, ob er dauerhaft versetzt wird und dann im DFB-Team eine andere Position bekleidet als beim FC Bayern - oder ob er, getreu der neuen Variabilitätsmaxime Löws, je nach Gegner taktisch flexibel eingesetzt wird. Kimmich ließ auf jeden Fall wissen: "Ich bin bereit, öfter auf dieser Position zu spielen."

Trotz der ansprechenden Leistung zeigte sich Löw weiter selbstkritisch: "Es wäre ja naiv, zu glauben, die WM wäre mit so einem Spiel vergessen. Am Ende können wir uns nur beim nächsten Turnier rehabilitieren." Dass die Nations League dieses Turnier sein könnte, kam Löw nicht in den Sinn. In seiner 13-minütigen Pressekonferenz nannte er den neuen Uefa-Wettbewerb nicht ein Mal. Auch Müller wollte auf die Frage, was der Punkt zum Start in diese Liga bedeute, nicht eingehen. "Das werden wir sehen, wofür der gut ist." Zentral war für ihn etwas anderes: "Für uns war es wichtig, den ersten Schritt auf die Fußball-Nation wieder zuzumachen. Und das haben wir, denke ich, geschafft."

Quelle: ntv.de