Fußball

DFB-Elf in der Einzelkritik Löws Team sorgt für Ruhe im Karton

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In seinem sechsten Einsatz im Deutschlandtrikot gelingt Nico Schulz gegen die Niederlande der Siegtreffer.

(Foto: dpa)

Eine sehr gute erste Halbzeit, viel Leidenschaft und ein furioses Finale sorgen dafür, dass die deutsche Fußball-Nationalelf ihr erstes EM-Qualifikationsspiel gewinnt - in Amsterdam gegen die Niederlande. Das ist verschafft dem Bundestrainer Zeit für den Umbruch.

Es war, das lässt sich ohne Übertreibung sagen, ein erstaunlicher Fußballabend in Amsterdam. Die deutsche Nationalmannschaft hat an diesem Sonntag nicht nur im ersten Qualifikationsspiel zur Europameisterschaft 2020 mit 3:2 (2:2) gegen die Niederlande gewonnen, was an sich schon eine Überraschung ist. Sie hat auch vor den 54.990 Zuschauern in der ausverkauften Johan-Cruyff-Arena in einer sehr guten ersten Halbzeit und einer schwächeren zweiten Halbzeit spielerisch überzeugt.

Vor allem aber hatten die deutschen Spieler einen klaren Plan, den sie auch umsetzten. Sie griffen den Gegner früh und aggressiv an. Bei Ballgewinn spielten sie flugs und mit Nachdruck nach vorne. Und sie suchten und fanden schnell den Torabschluss. Sie taten das mit Leidenschaft, sichtlich mit Freude und, weil Niko Schulz in der 90. Minute einen Treffer landete, letztlich auch erfolgreich.

Den Anfang hatte Angreifer Leroy Sané gemacht, der nach einer Viertelstunde das erste Tor für die DFB-Elf erzielte, ehe Sturmpartner Serge Gnabry nach 34 Minuten auf 2:0 erhöhte. Nach der Pause schlugen die Niederländer zurück. Erst traf Matthijs de Ligt in der 48., dann Memphis Depay in der 63. Minute. Und als der eifrige Reporter schon notiert hatte, dass ein 2:2 für dieses neu formierte Team doch auch schon ein mehr als achtbarer Erfolg sei, traf Schulz. Wobei: Ganz so neu war diese Combo in Amsterdam gar nicht. Beim 2:2 gegen die Elftal im letzten Spiel der Nations League am 19. November, bei dem die DFB-Elf auch mit 2:0 geführt hatte, stand in Gelsenkirchen, abgesehen von Matthias Ginter und Leon Goretzka, die gleiche Startelf auf dem Platz.

Aber sagen wir es so: Wenn das der angekündigte Umbruch war, dann lässt der Auftakt hoffen. Und der Bundestrainer durfte zufrieden bilanzieren: "So ein Sieg hilft dann schon für die nächsten Wochen und Monate." Auch Joachim Löw weiß, dass ihm dieser Erfolg erst einmal Zeit und Luft verschafft, weil die Kritiker zunächst einmal nicht viel zu kritisieren haben. Die nächsten Qualifikationsspiele stehen dann am 8. und 11. Juni in Barrysau gegen Weißrussland und in Mainz gegen Estland an. Die deutschen Spieler in der Einzelkritik:

Manuel Neuer: Die klare Nummer eins ist der 32 Jahre alte Münchner in der DFB-Elf nicht mehr. Das räumte Löw vor der Partie ein. Wir zitieren: "Er war immer professionell. Auch in der Zeit, in der er unangefochten war." Das kann ja nur bedeuten, dass er es nun nicht mehr ist. Im Tor steht er dennoch, und Marc-André ter Stegen, der sechs Jahre jünger ist und beim FC Barcelona spielt, sitzt auf der Bank. In seinem 86. Länderspiel, damit hat er Oliver Kahn eingeholt, zahlte Kapitän Neuer, wie es so schön heißt, das Vertrauen des Bundestrainers zurück. Zweimal rettete er in der ersten Halbzeit gegen Ryan Babel, in der 25. und der 27. Minute. Das waren jetzt keine weltbewegenden Paraden, sondern eher Bälle, die ein guter Torwart halt hält, zumal Babel ihn beim zweiten Versuch aus fünf Metern anschoss. Aber ein guter Torwart, das ist er, also Neuer, immer noch. Den Kollegen von RTL sagte er hinterher: "Nach dem 2:2 war es echt schwierig, aber wir haben den Mut nicht verloren und alles versucht und zum Glück noch das Siegtor erzielt."

Matthias Ginter: Beim 1:1 im Test gegen Serbien durfte sich der 25 Jahre alte Innenverteidiger der Mönchengladbacher Borussia noch ausruhen, wohl auch, weil er zuletzt in der Bundesliga wegen muskulärer Probleme passen musste. Nun aber kam der neben Kapitän Neuer und Toni Kroos letzte Weltmeister von 2014 in seinem 24. Länderspiel am rechten Ende der Dreierabwehrkette zum Einsatz. Er verrichtete seine Arbeit nach anfänglichen forschen Offensivausflügen gewohnt solide, auch wenn er vor Depays Ausgleich ausrutschte und das Zusammenspiel mit dem Kollegen Thilo Kehrer nicht immer zu aller Zufriedenheit funktionierte. Insgesamt machte er aber nicht den Eindruck, als würde er allzu oft an den 13. Oktober vergangenen Jahres denken. Da hatte die deutsche Mannschaft ebenfalls in Amsterdam gespielt, allerdings mit ihm in der Startelf in der Nations League mit 0:3 verloren. Danach sah dann selbst der Bundestrainer ein, dass es so nicht weitergeht und ein Umbruch Not tut. Dass Ginter immer noch dabei ist, spricht für ihn.

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Boateng, Hummels und Müller wurden aussortiert - nicht so Kroos.

(Foto: dpa)

Niklas Süle: Kann er es auch ohne die dauerhaft suspendierten Mats Hummels und Jérôme Boateng? Beim FC Bayern verdrängt er abwechselnd den einen oder anderen aus der Innenverteidigung, hat aber stets einen von beiden an seiner Seite. In der Nationalmannschaft ist Süle mit seinen 23 Jahren nun der Abwehrchef. In seinem 18. Länderspiel reüssierte er vor allem als kopfballstarker Aufräumer und im Fluge grätschender Retter in der Not, gerne auch hinter der Abwehr als eine Art Libero. Er ist sich nicht zu schade, den Ball auch einmal auf die Tribüne zu befördern, wenn es anders nicht geht oder er es anders nicht kann. Als nach der Pause der Druck der angestochenen Gastgeber dann größer wurde, kam aber auch er ins Schwimmen und wirkte im Zweikampf vor dem Ausgleich arg ungelenk. Aber es sollte ja ein Anfang sein. Und den hat er gemacht.

Antonio Rüdiger: Emotionen hatte der Bundestrainer von seinen Spielern gefordert. Und Emotionen, das kann der 26 Jahre alte Abwehrspieler vom FC Chelsea, der auf der linken Seite die Dreierkette komplettierte. Als nach der Pause Angriffswelle auf Angriffswelle auf das deutsche Tor wogte, da trommelte er sich, nachdem er den Ball zur Ecke geklärt hatte, mit beiden Fäusten auf die Brust. Ansonsten konnte er auch in seinem 30. Länderspiel den Eindruck nicht verwischen, dass er bei all seinen Emotionen und bei all seiner unbändigen Zweikampfstärke doch ein bisschen unruhig wirkt und somit das Gegenteil von dem darstellt, was sich der geneigte Fußballfreund unter einem abgeklärten Innenverteidiger vorstellt. Ganz abgesehen davon, dass er beim 1:2 von de Ligt mit seinem Kopfballversuch zu spät dran war. Einen Pluspunkt sammelte er aber, als er Gnabry vor dem 2:0 auf seiner linken Seite mit dem Ball auf den Weg schickte. Löw betonte aber hinterher, dass er mit allen Innenverteidigern zufrieden sei: "Die drei haben es im Verbund sehr, sehr gut gemacht."

Thilo Kehrer: Der 22 Jahre alte ehemalige Schalker hat sich bei Paris Saint-Germain unter Trainer Thomas Tuchel einen Stammplatz erspielt. Nur jüngst, beim Aus gegen Man United in der Champions League, lief es als zentraler Innenverteidiger nicht ganz so gut. Die französische Zeitung "Le Parisien" gab ihm die Note zwei, schlechter kam keiner weg - wobei zehn die beste und null die schlechteste Note ist. Grundsätzlich aber läuft es gut. In seinem sechsten Länderspiel lief er im rechten Mittelfeld auf und erweiterte mit dem Kollegen Schulz auf der gegenüberliegenden Seite im Verteidigungsfall die Dreierkette zu einer Fünferkette. Nach 39 Minuten hätte er nach einer Flanke eben jenes Schulz mit einem Kopfball beinahe das 3:0 für die DFB-Elf erzielt. Auch er konnte, wie Rüdiger beim ersten Tor der Niederländer, de Ligt nicht am Kopfball hindern. Fazit: viel Potential, ausbaufähig.

Joshua Kimmich: Anders als beim FC Bayern, wo er auf der rechten Seite verteidigt, ist der Platz des 24 Jahre alten Münchners in der Nationalelf auf der Sechserposition im defensiven Mittelfeld. In seinem 40. Länderspiel durfte er dort mit Toni Kroos spielen und stand dem fünf Jahre älteren Weltmeister in Sachen Abgeklärtheit und Autorität in nichts nach. Kimmich war auch derjenige, der sich nach der Pause den Angriffen der Niederländer mit Verve entgegenstellte. Wobei ja im Grunde nicht die kreative Leichtigkeit, sondern eher die ernsthafte Verbissenheit sein Markenzeichen ist, mit der er keinen Ball verloren gibt und den Kollegen hilft, wo er nur helfen kann. Kurzum: Kimmich ("Diesmal haben wir zurückgeschlagen!") und Kroos, das passt und hat Zukunft, auch wenn diese Erkenntnis ganz so neu nicht ist.

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Kehrer konnte de Ligt nicht am Kopfball hindern.

(Foto: dpa)

Toni Kroos: Boateng raus, Hummels raus, Thomas Müller raus, doch Kroos ist weiter dabei. Warum, das zeigte der 29 Jahre alte Mittelfeldspieler von Real Madrid in seinem 92. Länderspiel, in dem er ähnlich selbstbewusst auftrat wie bei der Pressekonferenz vor der Partie, als er mal eben seine Kritiker abgebügelt hatte: "Da wird gesagt, der läuft wie ein Dieseltraktor und macht nichts - und das nach einem Spiel, wo ich der Spieler mit den meisten Ballaktionen war. Das ist keine Kritik, das ist einfach nur Quatsch." In Amsterdam war er es, der die Angreifer Sané und Gnabry immer wieder in Szene setzte, vor dem ersten Tor spielte er den öffnenden Ball auf Vorlagengeber Schulz und war auch sonst Taktgeber und Chef im Mittelfeld. Gerade wenn es eng wird, der Gegner drückt und das Spiel seiner Mannschaft immer unruhiger und fahriger wird, ist und bleibt die lebende Passmaschine aus Greifswald tatsächlich so unverzichtbar, wie es Löw jüngst behauptet hatte.

Nico Schulz: Die Schulz-Story war eine, die so nicht zu erwarten war. Der 25 Jahre alte Linksverteidiger der TSG Hoffenheim darf acht Tage vor seinem 26. Geburtstag und nach seinem sechsten Einsatz für die DFB-Elf unwidersprochen behaupten, dass dies sein bisher bestes Länderspiel war. Abgesehen davon, dass er sehr energisch in die Zweikämpfe ging und offensiv viel Wirbel veranstaltete, fing alles damit an, dass er nach besagtem Pass von Kroos nach einer Viertelstunde über die linke Seite stürmte, den Ball vor das Tor flankte und Sané das 1:0 erzielte. Das Beste kam aber zum Schluss, als er in letzter Minute noch einmal in den gegnerischen Strafraum sprintete, zum 3:2 traf und mit seinem zweiten Länderspieltor seiner Mannschaft einen nahezu perfekten Start in die EM-Qualifikation bescherte. Er habe, erzählte Schulz, "alles in meinen rechten Huf" gelegt. Was dann ja auch bei seinem zweiten Länderspieltor prima geklappt hat. Und dass in dem Stadion, das nach dem großen niederländischen Fußballspieler Johan Cruyff benannt ist, ein Mann mit der Nummer 14 auf dem Rücken den Siegtreffer für Deutschland erzielt, ist eine besondere Pointe.

Leon Goretzka: Etwas überraschend trat der 24 Jahre alte Mittelfeldspieler des FC Bayern in seinem 21. Spiel für die Nationalelf in der Rolle auf, die irgendwo zwischen Angreifer und Spielmacher angesiedelt war. Offenbar hielt der Bundestrainer das für eine bessere Lösung, als mit dem Leipziger Timo Werner neben Gnabry und Sané einen echten Mittelstürmer ins Rennen zu schicken. Und hinterher gibt's nichts zu meckern, zumal Goretzka seine Sache wirklich ordentlich machte, der Mannschaft eifrig diente, auch wenn er weder eine Vorlage noch ein Tor für sich verbuchen konnte. Nach 69 Minuten war Schluss für den gebürtigen Bochumer. Für ihn kam Ilkay Gündogan, der von 2005 bis 2009 in der Jugend des VfL spielte. Mittlerweile ist der 28 Jahre alte Profi bei Manchester City gelandet. In seinem 31. Länderspiel verstärkte er das Mittelfeld mit Kroos und Kimmich, fiel aber sonst erst einmal nicht groß auf. Doch in der 90. Minute spielte er einen sensationellen Pass auf den ebenfalls eingewechselten Marco Reus, der wiederum quer zu Schulz legte. Der Rest ist bekannt. Und der Pass kommt bitte ins Fußballmuseum.

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Gnabrys Tor war großartig, das fanden auch die Kollegen Schulz und Kimmich.

(Foto: imago images / Schüler)

Serge Gnabry: Dass es für die deutsche Mannschaft in Amsterdam vor allen Dingen vor der Pause so überraschend gut lief, lag zu großen Teilen auch am 23 Jahre alten Angreifer des FC Bayern. In seinem sechsten Länderspiel erzielte er nicht nur sein fünftes Tor. Nicht nur dabei zeigte er auch, was für ein außergewöhnlich feiner Fußballer er ist. Erst ließ er Oranjes Abwehrchef Virgil van Dijk stehen, indem er erst das Tempo verzögerte, dann den Turbo zündete und schließlich den Ball ebenso kunstvoll wie mutig am machtlosen Torhüter Jasper Cillessen vorbei in den Winkel zirkelte. Großartig. Auch sonst war Gnabry stets anspielbar und viel unterwegs, schnell, dribbelstark. Und half zur Not auch in der Defensive aus. Nach der Partie befand er, dass die erste Halbzeit der DFB-Elf schlichtweg "sensationell" gewesen sei. In der 88. Minute kam für ihn der 29 Jahre alte Marco Reus in die Partie. Wie Löw berichtete, habe sich der Dortmunder mit Oberschenkelproblemen geplagt. Daher habe er es nicht riskieren wollen, ihn zu lange spielen zu lassen. Dass er dann doch noch kam, war nicht die schlechteste Idee. In seinem 39. Länderspiel bereitete er das 3:2 vor. "Entschieden habe ich das Spiel nicht, aber ich habe mitgeholfen, dass es in die richtige Richtung geht", befand er anschließend.

Leroy Sané: Wenn einer für den Aufbruch steht, dann ist es der 23 Jahre alte Flügelstürmer von Manchester City. In seinem 19. Länderspiel erzielte er die Führung und somit sein drittes Tor im Trikot der Nationalmannschaft. Dass de Ligt bei seinem Treffer ausrutschte und er somit viel Zeit hatte, den Ball ins lange Eck zu schießen, soll seine Leistung nicht schmälern. Mag sein, dass er ab und zu einen Haken zu viel schlägt. Aber reden nicht immer alle davon, dass im modernen Fußball Spieler gefragt sind, die sich auch in Eins-gegen-eins-Situationen durchsetzen und so ihrem Team den entscheidenden Vorteil verschaffen? Eben. Wie sagte es jüngst Ewald Lienen als Experte beim Bezahlsender Sky nach dem 7:0 von Man City im Achtelfinale der Champions League gegen den FC Schalke 04? "Leroy Sané ist einer der besten Nachwuchsspieler der Welt. Da muss mir keiner erzählen, er hätte bei der Nationalmannschaft nicht funktioniert. Dann stimmt was mit der Nationalmannschaft nicht." Noch einmal: Wenn jemand die Zukunft des DFB-Teams verkörpert, dann ist es dieser Sané. Zu seinem eigenen Glück hat das mittlerweile auch der Bundestrainer erkannt.

Quelle: n-tv.de

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