Fußball

Verblendet im Abstiegskampf Eine gespaltene DFB-Elf belügt sich selbst

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Mats Hummels und Thomas Müller (1. und 2. v.l.) sind Teil von Joachim Löws DFB-Achse der Nostalgie - und der aktuellen Misere.

(Foto: AP)

Die Jungen im deutschen Fußball-Nationalteam fordern Veränderung. Die Unantastbaren aber wollen einfach so weitermachen. Und Trainer Joachim Löw? Der scheint das Problem erkannt zu haben. Doch handelt er auch danach?

Was ist, wenn Julian Draxler recht hat? "Sie sind Weltmeister, spielen zu Hause, haben richtig Bock, gegen uns zu zocken", hatte der Mittelfeldspieler am späten Samstagabend in Amsterdam nach dem 0:3 gegen die Niederlande gesagt. Was passiert, wenn die Franzosen - ungleich besser aufgestellt als die aufstrebende Voetbalelftal - am Dienstag (ab 20.45 Uhr im Liveticker bei n-tv.de) in der Nations League gegen die deutsche Fußball-Nationalelf tatsächlich richtig aufdrehen? Droht im Stade de France in Saint-Denis, um mit Rudi Völler zu sprechen, der nächste, noch niedrigere Tiefpunkt?

Und muss sich Joachim Löw, der Weltmeistertrainer von 2014, angesichts des im Fall einer erneuten Niederlage kaum noch zu vermeidenden Abstiegs aus der Eliteklasse des neuen Wettbewerbs dann Sorgen um seine berufliche Zukunft beim DFB machen? Das alles ist nach Lage der Dinge nicht auszuschließen.

Weiter, immer weiter, so lautet das Motto nach dem Vorrundenaus bei der Weltmeisterschaft in Russland. Der DFB hatte sich vorgenommen, das sportliche Debakel und die Nachwirkungen des unschönen Rücktritts von Mesut Özil einfach wegzumoderieren. Bevor irgendjemand darüber nachgedacht hatte, warum das alles so gekommen ist, verkündete Verbandspräsident Reinhard Grindel, an Löw festhalten zu wollen. Nach Wochen des Schweigens sparte der Bundestrainer dann in seinem WM-Resümee nicht mit Selbstkritik, eine echte Analyse aber lieferte er nicht. Und auch seine Mannschaft baute er nicht groß um, sondern vertraute auf das Personal, welches das Debakel verbockt hatte.

Es folgten Anfang September ein ertrotztes 0:0 im Hinspiel gegen Frankreich, ein 2:1 im Testspiel gegen Peru und vor einer Woche ein öffentliches Training in Berlin. Damit, so hätten sie es beim DFB gerne gehabt, war die Aufarbeitung abgeschlossen. Wird schon wieder. Auch die Spieler vermittelten den Eindruck, als sei das alles nur ein Betriebsunfall gewesen. War was? Toni Kroos hatte vor den beiden Partien gesagt, natürlich seien sechs Punkte das Ziel. "Wir sind ja jetzt auch keine Gurkentruppe." Das sind sie nicht. Aber eben auch nicht mehr so gut wie einst.

"Ideen, mal was Überraschendes zu machen"

Und dass das mit dem "weiter so" nicht funktioniert, hat sich spätestens am Samstag gezeigt. Wenn es noch eines Hinweises bedurfte, dass diese Mannschaft keine Mannschaft mehr ist, musste man nur hören, was die Spieler nach der Niederlage in Amsterdam erzählten. Und wie unterschiedlich sie das 0:3 interpretierten. Auf der einen Seite die Alten, die Weltmeister von 2014, die bis zur WM in Russland und bisher auch darüber hinaus Unantastbaren: Manuel Neuer, Mats Hummels, der am Sonntag verletzt abgereiste Jérôme Boateng und Thomas Müller vom FC Bayern, die zusammen mit Toni Kroos von Real Madrid immer noch die Achse der Nostalgie bilden. Auf der anderen die Jungen, denen der Bundestrainer offenbar nicht zutraut, so etwas wie einen Umbruch zu tragen.

Gesetzt sind nur der Münchner Joshua Kimmich und der Leipziger Timo Werner. Die anderen aber sitzen viel öfter, als es ihnen lieb sein kann, zu Spielbeginn auf der Bank: Serge Gnabry und Niklas Süle vom FC Bayern, Thilo Kehrer von Paris Saint-Germain, der Leverkusener Julian Brandt, Leroy Sané von Manchester City. Draxler, 25 Jahre alt, ist auch noch einer dieser Jüngeren. Er kommt zwar nun auf 48 Länderspiele, war 2014 dabei, darf sich Weltmeister nennen und gewann 2017 als Kapitän mit einer jungen Combo den Confed Cup. Aber Stammspieler ist er nicht, in der Johan-Cruyff-Arena zu Amsterdam wurde er erst nach der Pause eingewechselt.

Draxler brachte Eifer und Schwung mit, verlor allerdings vor den beiden späten Gegentoren den Ball. Das hinderte ihn nicht daran, auch im Interesse der eigenen Ansprüche, anzusprechen, was gefehlt hatte: ein gesundes Maß an Risikobereitschaft und "die Ideen, mal was Überraschendes zu machen". Sein Fazit: "So können wir nicht weitermachen". Auch Kimmich stellte im Gespräch mit dem "Kicker" klar: "Schönreden bringt jetzt nichts mehr. Es ist auch nicht so, dass das jetzt irgendwie Zufall ist. Immer Pech ist kein Zufall. Irgendwas steckt dahinter, dass wir hinten immer diese Fehler machen und unsere Chancen nicht nutzen. Das gilt es abzustellen."

"Wir haben uns nichts vorzuwerfen"

Der Mut, etwas zu riskieren, der fehlt der deutschen Mannschaft und ihrem Trainer in der Tat. Der Glanz der alten Helden verblasst mehr und mehr, das Spiel in Amsterdam mündete in einem Zusammenbruch. Der Bundestrainer hat das durchaus erkannt, sprach von einer "bitteren und brutalen Niederlage" und konstatierte: "Das wir dann so auseinanderfallen, dass keiner die Verantwortung übernimmt, und dass wir in den letzten Minuten noch zwei Tore bekommen - das sollte normalerweise nicht der Fall sein." Vielleicht hat er auch erkannt, dass das kein Ausrutscher der Kategorie "So-ist-Fußball" war, sondern strukturelle Gründe hat. Die Frage ist, ob er erkennt, dass eine Mannschaft, deren Protagonisten über den Zenit ihrer Leistungskraft hinaus zu sein scheinen, keine Zukunft hat. Und er mit ihr auch nicht.

Die Altgedienten aber glauben, noch immer zu den Besten zu gehören und haben sich offenbar darauf geeinigt, einfach so weiterzumachen. Hummels sieht sich und seine Kollegen zu Unrecht in der Kritik: "Es wird ja momentan auf alle und jeden draufgeschossen, es ist respektlos! Wir werden teilweise behandelt wie Vollamateure." Die DFB-Elf sei immer noch "eine wirklich gute Mannschaft, das Große und Ganze, die Spielanlage ist wahrlich nicht schlecht". Schuld an der Niederlage sei allein die schlechte Verwertung der Torchancen - als ob das nicht eine der entscheidenden Qualitäten im Fußball wäre.

Kapitän Neuer sagte: "Jetzt spricht man natürlich wieder negativ über die Mannschaft, aber es hätte hier heute auch anders laufen können." Und Kroos befand: "Der Fußball, den wir heute gespielt haben, war nicht schlecht." Nicht schlecht, okay. Das wird am Dienstag gegen Weltmeister Frankreich aber kaum reichen. Und wenn der dann auch noch Bock hat, könnte es ein ungemütlicher Abend für die Deutschen werden.

Quelle: n-tv.de

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