Wieder eine Rolle rückwärts?Nagelsmann überrascht mit Sané-Ansage

Leroy Sané soll sich im Klub für das DFB-Team empfehlen. Wenn ihm dort aber der Rhythmus fehlt, dann kann er ihn sich auch in der Nationalelf holen. Bei dem Flügelstürmer legt Bundestrainer Julian Nagelsmann die ein oder andere Wendung hin.
Zukunft und Vergangenheit reichten sich am späten Freitagabend in Basel die Hände. Es dauerte bis zur 63. Minute, da wechselte Julian Nagelsmann im Testspiel gegen die Schweiz das erste Mal. Das Stadion erholte sich gerade noch von dem ersten Traumtor von Florian Wirtz, dem zum zwischenzeitlichen 3:2. Da schrieb der Bundestrainer die nächste Geschichte: Er beendete den Arbeitstag von Leroy Sané und er begrüßte den erst 18-jährigen Lennart Karl nun offiziell in der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.
Die Auswechslung zeigte vor allem: Es ist bemerkenswert, wie unterschiedlich zwei Spieler dieselbe Position ausfüllen können. Da war Sané, der mit seinen 73 Länderspielen wohl vor seiner zweiten Weltmeisterschaft steht. Der 30-Jährige spielte die Partie unaufgeregt herunter, ohne Aufreger, ohne Highlights. Hier ein Dribbling, da ein Querpass, nichts allzu Ausgeflipptes. Teilnahmslos wirkte es auf die Zuschauenden. Das fand sich dann auch in der Bewertung des Bundestrainers wieder: Natürlich könne er "noch intensiver spielen und es besser machen", bilanzierte Nagelsmann nach Abpfiff beim 4:3-Testerfolg gegen die Schweiz.
Und auf gleicher Stelle, zeitlich ein bisschen später, ist da der Debütant. Der nur 1,68 Meter große, wuselige Karl, der eifrig drauflos dribbelte, ständig Bälle einforderte, sie manchmal aber auch genauso schnell wieder verlor. Und der sich dann mächtig darüber ärgerte. Sein Arbeitsauftrag war die "jugendliche Unbekümmertheit", die er so mitbrachte. Wirtz prophezeite später, dass man mit dem Bayern-Juwel noch viel Spaß haben werde.
Der Rhythmus? Wirklich?
Die Frage ist eher, wie viel Freude Leroy Sané der DFB-Elf noch bringen wird. Es ist eine besonders nervraubende Beziehung zwischen dem Künstler und der Nationalelf. Nervraubend vor allem deswegen, weil alle Beteiligten wissen, was Sané imstande ist zu leisten. Nicht nur Nagelsmann erinnert immer wieder daran. Und so ist es immer eine Frage von: Hat Sané nun seine Chance genutzt? Beim berauschenden 6:1-Erfolg gegen die Slowakei tat er das. Im November traf er zum Abschluss der WM-Qualifikation gleich doppelt und bereitete ein weiteres Tor vor.
Er kann es also, das steht außer Frage. Doch vier Monate nach dem besonderen Abend in Leipzig bekam das Publikum in Basel wieder den Nicht-Unterschiedsspieler Sané zu sehen. Der Flügelspieler, der in der Gesamtheit der DFB-Elf ein bisschen mitschwimmt. Und doch stellte sich Bundestrainer Nagelsmann im Anschluss vor seinen Schützling. Natürlich werde Sané noch "weitere Chancen" bekommen. "Ich erwarte nicht immer zwei Tore und drei Vorlagen, es geht um das Gesamtbild", erklärte der Bundestrainer. Sané habe aufblitzen lassen, was er könne.
Die Personalie zerrt mittlerweile schon an der Glaubwürdigkeit des Bundestrainers. Auch in Basel sagte er wieder überraschende Sätze. Sané sei bei seinem Klub Galatasaray Istanbul trotz insgesamt ordentlicher Spielzeit zuletzt in den entscheidenden Spielen nicht zum Einsatz gekommen. "Den fehlenden Rhythmus muss man berücksichtigen." Für Nagelsmann steht daher fest: "Er bekommt am Montag die nächste Chance, es besser zu machen." Dann trifft die DFB-Elf in Stuttgart auf Ghana (20.45 Uhr/ARD und im ntv.de-Liveticker).
Moment. "Den fehlenden Rhythmus berücksichtigen"? Das Fehlen in wichtigen Spielen? Eigentlich war die ursprüngliche Ansage von Nagelsmann, dass sich die DFB-Spieler ihre Einsatzzeiten im Klub holen sollen, nicht in der Nationalelf. Besonders Sané: Als der 30-Jährige in die Türkei gewechselt war, hatte der Bundestrainer ihm einen klaren Arbeitsauftrag mitgegeben: Er solle doch bitte reichlich Tore und Vorlagen mitbringen. Doch die lieferte Sané nicht. Auf eine schwierige Anfangsphase bei Galatasaray folgte eine gute Phase - und zuletzt wieder die Bank in der Champions League.
Eine große Wundertüte
Nagelsmann konkretisierte seine Zielsetzung später noch einmal: Der Flügelstürmer würde beim DFB-Team nicht mehr allzu viele Chancen erhalten, warnte er Sané öffentlich. Die Ansage fruchtete, Sané zeigte starke Novemberspiele. Später rückte Nagelsmann im "Kicker" die Ansage zurecht: Die Druckerhöhung sei mit Sané abgesprochen, er wollte ihm zeigen, dass es keinen Freifahrtschein gebe.
Nur warum macht Nagelsmann dieses Hin und Her nun mit? Ganz einfach, der Bundestrainer ist immer auch ein Mangelverwalter. Es gibt einfach nicht viele Spieler, die diese Flügelposition bekleiden können. DFB-Debütant Karl kommt dem vielleicht am nächsten, braucht aber mutmaßlich noch ein paar Jahre. Selbiges gilt für Kölns Said El Mala. Sie sind gerade mal 18 und 19 Jahre alt. Dass sie sich noch entwickeln müssen, ist ihnen nicht zum Vorwurf zu machen. Und in Sané schlummert etwas, was seine Konkurrenten (noch) nicht haben. "So ehrlich sind wir: Wir wissen bei ihm nie zu 100 Prozent, was am Ende auf den Platz kommt", sagte Nagelsmann noch vor wenigen Wochen dem "Kicker".
Für Sané bedeutet das, dass er vor allem mit der Brille beobachtet wird, welche Möglichkeiten er nutzt - und welche auch nicht. Hat er seine Chance genutzt? Es war nicht so, dass er sich in Basel nicht hätte empfehlen können. Ein wildes Spiel, sieben Tore, eine wackelige Schweizer Abwehr, die wild durchgewechselt wurde: Formstarke Spieler wie Wirtz und Serge Gnabry haben das ausgenutzt. Sie haben ihre Tore gemacht.
Und auch Sané hatte beinahe seine Szene. Kurz nach der Halbzeit. Da war er der Einzige, der den Schweizer Johan Manzambi nach einer Ecke bis zum eigenen Strafraum verfolgte. Ein Eins-gegen-Eins-Duell, die perfekte Chance, zu glänzen. Gegen Luxemburg war Gnabry für eine solche Situation frentisch gefeiert worden. Doch Sané schaffte es nicht, den Ball zu gewinnen. Er brachte den Schweizer nicht einmal aus dem Tritt. In der Zwischenzeit war glücklicherweise David Raum zurückgeeilt. Der DFB-Außenverteidiger nutzte seine Chance: Er klärte den Ball.