Fußball

Revolution, Boateng und Nobodys Ohne Löw ist's spannend, puzzeln mit Flick

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Was hat er vor?

(Foto: Thomas Boecker/DFB via EIBNER/Sa)

Im deutschen Fußball passieren diese Woche Dinge, die immer noch ziemlich sonderbar klingen. Bundestrainer Hansi Flick nominiert das Aufgebot für die Nationalmannschaft. Das war über 15 Jahre lang die Aufgabe von Joachim Löw. Gibt’s Überraschungen? Wir glauben: Ja.

Hansi Flick hat gesagt, dass unter dem Bundestrainer Hansi Flick die Besten für Deutschland spielen werden. Natürlich nur, wenn sie auch Topleistungen abrufen. Der neue DFB-Chefcoach hat damit schon vor seinem ersten Spiel das Leistungsprinzip zum obersten Kriterium gemacht. Nun ist aber nicht ganz klar, wie sich die "Besten" definiert. Wenn die aktuell formstärksten Fußballer nominiert werden, dann hat Aufsteiger VfL Bochum ab Freitag - dann wird der erste Flick-Kader berufen - gleich zwei neue Nationalspieler: Torwart Manuel Riemann, der sowohl gegen den VfL Wolfsburg als auch gegen den FSV Mainz 05 herausragend parierte, und der sensationell schnelle Überfall-Flügel Gerrit Holtmann (schnellster Mann der Bundesliga), dessen Monster-Solo schon jetzt als Top-Kandidat für das "Tor des Jahres" gilt. Zumindest in Bochum.

Einen deutschen Nationalspieler beim VfL, den hatte es zuletzt vor über 14 Jahren gegeben. Sein 19. und letztes Länderspiel hatte der kleine Dribbler Paul Freier bei der 0:1-Niederlage gegen Dänemark am 28. März 2007 absolviert. Nach 58 Minuten war er von Bundestrainer Joachim Löw für Roberto Hilbert auf den Rasen geschickt worden. Das waren verrückte Zeiten. Und noch verrücktere Namen: Ein Piotr Trochowski trug damals das DFB-Trikot, ein Jan Schlaudraff und ein Clemens Fritz. Und in der vordersten Linie, da stand ein Stürmer. So ein richtiger. Er hieß Kevin Kuranyi. Das waren Zeiten. Hansi Flick hat sie live miterlebt. Damals war er der Assistent von Löw. Und nun auf erfolgreichen Umwegen, über unter anderem den FC Bayern, ist er sein Nachfolger.

Vieles hat sich verändert seit dem letzten Länderspiel von Paul Freier, der übrigens erst der dritte deutsche Nationalspieler des VfL Bochum war, nach Franz-Josef Tenhagen und Dariusz Wosz. Zum Beispiel die Sache mit den Stürmern. Während Deutschland fast einen hatte, den man in die Spitze stellen konnte, ist die Lage im Sommer 2021 anders. So einen richtigen Angreifer, so einen wie den Kuranyi, den gibt es aktuell nicht. Die Top-Klubs der Bundesliga schmücken sich mit Polen (Robert Lewandowski beim FC Bayern), mit Norwegern (Erling Haaland beim BVB), mit Portugiesen (André Silva bei RB Leipzig), mit Tschechen (Patrik Schick bei Bayer Leverkusen), mit Niederländern (Wout Weghorst beim VfL Wolfsburg) oder mit Franzosen (Marcus Thuram und Alassane Pléa bei Borussia Mönchengladbach). Für Deutschland ist das ein Problem. Aber auch für Hansi Flick?

Wie wuchtig fällt die Revolution aus?

Nun, der neue Mann kann tun, was er will. Das DFB-Team, das er am Freitag erstmals berufen wird, ist sein Team. Ganz alleine seins. Als Bundestrainer muss er nicht mehr auf die letzte Instanz Löw hören und er hat auch keinen mächtigen Sportvorstand an seiner Seite, der gefühlt alles anders machte, als es der Bammentaler gerne gehabt hätte (man kennt diese Geschichte aus München). Aber wie viel personelle Revolution ruft Flick aus, um das Erbe seines Vorgängers abzuräumen? Kommt Max Kruse zurück? Ein ganz besonderer Stürmer, als Typ bisweilen unangepasst (was Löw missfiel), auf dem Feld aber genial. Und was ist mit Jérôme Boateng? Flick hatte ihn beim FC Bayern wieder stark gemacht. Aber derzeit sucht der Abwehrspieler einen neuen Verein, ist ohne Praxis und sieht sich privat schwersten Vorwürfen zum Suizid seiner Ex-Freundin ausgesetzt.

Anders als sein Vorgänger tut sich Flick nicht schwer damit, auf Spieler zu setzen, obwohl sie bereits über 30 Jahre alt sind. Thomas Müller wird eine tragende Rolle einnehmen. Flick weiß, was er an ihm hat. In München brachte der Trainer den Spieler in die vielleicht beste Form seines Lebens. Allerdings wird sich die Rolle verändern. Denn als Schleicher hinter einem Weltklassestürmer kann er nicht spielen. Es gibt schließlich (noch) keinen. Allerdings könnte es schon passieren, dass Müller im offensiven Zentrum bleibt. Hinter einem echten Angreifer. Lukas Nmecha könnte so einer sein, der war sehr erfolgreich für die U21 und versucht gerade sich beim VfL Wolfsburg in der Bundesliga zu etablieren. Es sind gute Versuche bislang. Andere Option: Youssoufa Moukoko. Der Dortmunder ist zwar mit 16 Jahren noch sensationell jung, aber eben auch sensationell talentiert. Womöglich und wohl auch wahrscheinlich schlägt seine Zeit bei den DFB-Herren erst später.

Und so könnte ein Mann plötzlich im Team aufschlagen, den hier kaum jemand kennt und den einst sogar der FC Bayern verschmähte: Karim Adeyemi nämlich. Der spielt bei RB Salzburg und das ganz vorzüglich. In den ersten fünf Ligaspielen erzielte er bereits sechs Tore. Für den geplanten, brutalen Überfall-Fußball ist der pfeilschnelle 19-Jährige eine vorzügliche Option (wie Holtmann!). Er wird auch von DFB-Scout Hermann Gerland intensiv beobachtet, heißt es. Vorerst aber dürfte weiter Kai Havertz den Startelf-Platz im Sturmzentrum besetzen. Den hat er für sich ausgerufen. "Das wäre eine Position, die mir gefallen würde", sagte der 22-Jährige der "Bild"-Zeitung: "Ich mag die Position als Mittelstürmer in der Box, im Sechzehner: offensiv in die Spitze zu stoßen, Tore zu machen."

Was wird aus Reus, Götze und den Julians?

Für Tore kommen auch Marco Reus und Mario Götze infrage. Beide haben einen starken Start in die Saison erwischt und sind mit ihren Qualitäten ja immer Kandidaten für Deutschlands Auswahl, die unter Flick auch endlich wieder die Rolle der wichtigsten Mannschaft des Landes einnehmen soll. Zuletzt waren die "dunklen Wolken" ja nicht mehr zu vertreiben gewesen. Die Stimmung ums Team schlecht, die Erfolge weg, ebenso das Interesse. "Uns ist bewusst, dass wir die Nationalmannschaft sind. Wir haben alle das Selbstverständnis, dass wir Favorit sein und unsere Spiele gewinnen wollen", sagte Flick der "Süddeutschen Zeitung": "Wir wollen wieder ganz an die Spitze." Ohne irgendwelche Einschränkungen. "Warum sollte ich bei irgendjemandem eine endgültige Entscheidung treffen und 'nein' sagen, wenn er uns helfen kann?"

Eine deutliche Botschaft an Müller (war eh klar), an Mats Hummels und an İlkay Gündoğan, auf den Flick weiter bauen kann. Es gab ja Gedanken des Spielers, es Toni Kroos gleichzutun und sich aus dem Team zurückzuziehen. Gündoğan aber sagt: "Nach den positiven Gesprächen mit Hansi (Flick) war für mich klar: Ich bin noch nicht fertig mit dem Kapitel Nationalmannschaft. Ich dachte mir: Das kann es noch nicht gewesen sein." Flick, ein Trainer für die Spieler. Auch für die zuletzt so enttäuschten, weil nicht mehr nominierten Julian Draxler und Julian Brandt?

Alle mitnehmen, sich kümmern, präsent sein - das sind laut Bayern Münchens Ehrenpräsident Uli Hoeneß sowieso Flicks große Stärken. "Er ist ein Menschenversteher, kann Spieler gut motivieren", sagte der Ex-Patriarch bei RTL/ntv: "Er ist sehr fleißig, viel unterwegs, wird sicher guten Kontakt zu den Bundesliga-Vereinen halten." Flick werde die DFB-Elf aus dem "tiefen Tal führen", da ist sich Hoeneß "sehr sicher". Bei der Heim-EM 2024 (das ist das späteste Ziel) oder doch schon bei der WM in Katar Ende des kommenden Jahres? Möglich, die Zeit ist kurz. Aber was in kurzer Zeit möglich ist, hat er beim FC Bayern bewiesen, als er innerhalb eines Jahres eine allesfressende Pressingmaschine erschaffen hatte. Aber die Arbeit im Klub ist eben eine andere, eine tägliche.

Und was wird aus Sané?

Was Hoeneß gefallen wird: Flick wird auf eine Achse aus München setzen. Dabei wird vermutlich auch Leroy Sané sein. Im Sinne des Leistungsprinzips wäre das aktuell nicht. Der Flügelspieler verkrampft an sich, seinen Ansprüchen und dem Zorn einiger Fans. Anders als Jamal Musiala, das Super-Talent, das immer mehr Reklame für sich betreibt. Zuletzt eingewechselt für Sané gegen den 1. FC Köln, bereitete er das Tor von Lewandowski auf eine überragende, mutige, technisch herausragende Weise vor. Ein anderes Problem wird Flick aber im Sinne des Leistungsprinzips lösen: die sensible K(immich)-Frage. Er wird den Antreiber des FC Bayern von der Pein der rechten Außenbahn befreien und ihn mit Leon Goretzka wieder zu Herz und Hirn des DFB-Teams machen. Im zentralen Mittelfeld. Die Lösung für die Problemstelle rechts hinten scheint auch gefunden: Sie heißt Ridle Baku.

Übrigens, für eine Nominierung von Gerrit Holtmann drängt die Zeit. Denn es gibt Konkurrenz. Die Nationalmannschaft der Philippinen hat bereits beim schnellsten Spieler der Bundesliga angefragt und ihn im Mai für die Spiele der WM-Qualifikation eingeladen. Weil aber die Beantragung seiner doppelten Staatsbürgerschaft zu lange dauerte, musste er passen.

Quelle: ntv.de

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