Fußball-EM

Die K-Frage ist noch ungeklärt Das sensible DFB-Thema "Kimmich"

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Wohin?

(Foto: dpa)

Deutschland hat ein Problem: Wohin mit Joshua Kimmich? Nun mag dieses Problem eher als Luxus daherkommen, doch die Positionierung des mutmaßlich wichtigsten Spielers in der deutschen Nationalmannschaft ist elementar für die Stabilität des Teams. Und damit hochsensibel.

Das K steht für Kette. Für Kroos. Für Kimmich. Und für Klostermann. Die K-Frage beschäftigt Deutschland. Und das nicht nur politisch. Tatsächlich allerdings könnte sie auch für die Fußball-Nationalmannschaft noch zu einem Politikum werden. Denn die K-Frage ist vor dem Start in die Europameisterschaft nicht einfach so zu lösen. Und die Lobbyisten für die jeweiligen Ansätze nicht einfach so ruhig und zufriedenzustellen. Und so wird die K-Frage auch elementaren Einfluss auf die Bewertung der finalen Amtszeit von Bundestrainer Joachim Löw haben.

Im Grunde ist die Sache ja ganz simpel. Es geht schlicht nur darum, wo Joshua Kimmich spielen soll. Soll der 26-Jährige im zentralen Mittelfeld bleiben oder soll er wieder den Rechtsverteidiger geben. So wie einst. Kimmich kann beides. Und beides über alle Maßen gut. Und das macht die Sache dann eben kompliziert. Es gibt keinen Besseren auf beiden Positionen. Weder hat Deutschland einen "Sechser", der seine Aufgaben so robust und so spielerisch elegant lösen kann, wie der Mann des FC Bayern, noch hat Deutschland einen Rechtsverteidiger, der so dynamisch in beide Richtungen arbeitet. Der so gute Flanken schlägt und gute Flanken verhindert.

Nun ist die Sache so: Kimmich würde gerne im zentralen Mittelfeld bleiben. Dort wähnt er seinen Einfluss auf das Spiel größer. Beim FC Bayern gelingt ihm das überragend. An der Seite von Leon Goretzka (der indes auch die Rolle als rechte Offensivkraft übernehmen könnte), dessen Bedeutung in der K-Frage deswegen nicht zu unterschätzen ist. Denn eine Adaption dieser Rollenverteilung wäre für das DFB-Team freilich nicht verkehrt. Denn was für den Rekordmeister gut ist, das kann für die Nationalmannschaft nicht schlecht sein. Egal nun, ob man den Münchnern zugetan ist oder nicht. Der Erfolg stimmt. Und wenn man mal ehrlich ist, gibt es auch keinen Spieler beim Rekordmeister, der ernsthaft (Stammplatz)-Druck ausübt.

Kroos und Gündoğan fehlt halt was

Das ist im Kader des Bundestrainers anders. Im zentralen Mittelfeld kann und will auch Toni Kroos spielen. Und İlkay Gündoğan. Beide kommen mit der Expertise, die das Spiel großer Mannschaften eindrucksvoll lenken kann. Kroos das von Real Madrid, selbst wenn die Saison nach langen Jahren mal wieder ohne Titel endete. Gündoğan das von Manchester City, auch wenn ihm die finale Krönung in der Champions League versagt blieb. Weil Auswahlkollege Kai Havertz, er spielt für den FC Chelsea, im Endspiel das einzige Tor geschossen hatte. Die beiden, also Kroos und Gündoğan, sind herausragende Fußballer (Havertz natürlich auch). In ihrem Spiel ganz unterschiedlich, in ihrer Art sehr ähnlich: Strategen mit dem perfekten Gefühl für Situationen.

Was beide nicht sind: Abräumer. Wellenbrecher. Fußballer, die das Spiel des Gegners unterbinden können. Bei der Wucht, die Deutschlands Gruppengegner Frankreich und Portugal mit ihren sensationellen Offensivreihen ausüben können, wäre es wohl aber sehr vernünftig, im Mittelfeld ein Stoppschild zu platzieren. Was dann wohl Kimmich wäre. Klar, Kimmich, Kroos, Gündoğan, das ginge auch voll klar. Dafür müsste der Bundestrainer aber auf ein System mit Viererkette setzen, sonst wäre im Mittelfeld ein Platz zu wenig zu besetzen. Nun ist das System natürlich eine Option. Im Nachgang der vergeigten WM 2018 war die Viererkette meist das Mittel der Wahl.

Zuletzt, in den Testspielen gegen Dänemark (1:1) und Lettland (7:1), deutete sich aber an, dass Löw eher einen Riegel mit drei Innenverteidigern bevorzugt. Dazu zwei Außenverteidiger, die in beide Richtungen des Spielfelds denken. Dynamisch nach vorne, dabei immer auch äußerst wachsam nach hinten. Die perfekte Lösung für die linke Seite scheint gefunden: Robin Gosens. Offensiv eine Waffe, defensiv im DFB-Team im Gegensatz zu seinen ersten Auftritten deutlich verbessert. Deutlich treuer im Positionsverständnis.

Auch Klostermann fehlt halt was

Bleibt die rechte Seite. Dort wäre Lukas Klostermann die Option Nummer eins. Statt Kimmich. Der Leipziger ist souverän im Duell, extrem schnell, der schnellste deutsche Verteidiger, hat aber reichlich ungenutztes Potenzial was seine offensiven Fähigkeiten angeht. Gegen Nationalmannschaften wie Frankreich mit ihren spektakulären (Außen)-Angreifern Antoine Griezmann, Kylian Mbappé, Kingsley Coman oder aber Ousmane Dembélé wäre die Variante Sicherheit mit Klostermann ganz sicher keine ganz schlechte Idee. Ebenso wenig natürlich wie die mit Kimmich. Sie verstehen vermutlich allmählich wo das Problem liegt.

Tatsächlich ist Kimmich der Schlüsselspieler für Deutschland. Mehr noch als Abwehrchef Mats Hummels. Mehr noch als Antreiber, Schleichkatze und Kommunikations-CEO Thomas Müller. Kimmich ist so wichtig, weil er als einziger Spieler des Aufgebots Zweikampfstärke, Dynamik, Führung und kreative Momente (Chipbälle sind das Stichwort) auf höchstem Niveau vereint. Seine Position ist elementar für die Stabilität des Teams. Eine Versetzung also höchst sensibel. Berti Vogts, der ehemalige Bundestrainer schreibt in seiner Kolumne für t-online: "Gegen Frankreich muss das Zentrum dicht sein. Das gelingt mit dem Duo Gündoğan/Kroos nicht, weil beide zu offensiv ausgerichtet sind. Für Kimmich steht die Defensive an erster Stelle. Ohne ihn in der Zentrale werden wir von Frankreich überrannt." Fredi Bobic, der kommende starke Mann bei Hertha BSC, hatte zuletzt erklärt: "Kimmich sehe ich ganz klar auf rechts. Und ich hoffe, dass es auch genau so kommt."

Und Philipp Lahm, dessen Vielseitigkeit und dessen erfolgreiche Rückversetzung bei der WM 2014, am Ende stand bekanntermaßen der Titel, als Referenz für Kimmich dienen, sagt: "Seine (Anmerk. d. Red.: Kimmichs) beste Position ist die vor der Abwehr." Aber die Idee mit der Position rechts von der Dreierkette sei eben auch "eine gute Überlegung". Lahms Begründung: "Die Nationalmannschaft hat mit Kroos und Gündoğan die Lenker und Denker von Real und Man City in ihren Reihen." Tja, das K steht auch für kompliziert.

Quelle: ntv.de

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