Fußball

Keine Grätschen im Meetingraum Oliver Kahn - neuer Souverän des FC Bayern

Der FC Bayern hat einen neuen Souverän: Auch wenn Oliver Kahn in den Vorstand erstmal einsteigt, um zu lernen, gewinnen die Münchener mit ihrem ehemaligen Torwart sofort an Professionalität. Die Ziele, die er für die Zukunft formuliert, könnten nicht bayern-liker sein.

Am Ende gab Oliver Kahn Entwarnung. Ein Grätsche im Meetingraum müsse niemand befürchten. Das war einmal. Durchaus hilfreich damals auf dem Fußballplatz zu seiner Zeit als aktiver Torwartvulkan, aber nicht mehr zeitgemäß. Aber: Einen Kahn im Schnarchgang werde es auch nicht geben, zu wichtig ist ihm die Emotionalität. Wie genau der 50-Jährige die Emotionalität nun für sich definiert, das verriet er nicht. Weder verbal, noch in Gestik oder Mimik. Aber gut, Kahn ist auch erstmal gekommen, um zu lernen. Und so begann an diesem Dienstagvormittag die neue, die zweite Ära des Titan Kahn beim FC Bayern leise in den Tönen, aber ambitioniert in der Sache. Nichts weniger als das Maximum ist sein Ziel. Überall "Spitze", überall "die Nummer eins". So stellt er sich die Zukunft des deutschen Fußball-Rekordmeisters vor vor.

Die "Bayern-Likeigkeit", nach der 2019 selbst innerhalb der Mannschaft zeitweise verzweifelt gefahndet wurde, ist an diesem 7. Januar 2020 zum FC Bayern zurückgekehrt. Zwei Jahre geben sich die Münchner und Kahn Zeit, um sich wieder aneinander zu gewöhnen. Dann, mit Ablauf des Jahres 2021, soll der Lehrling Kahn den ewigen Karl-Heinz Rummenigge an der Spitze des Vereins ablösen. Es gibt einfachere Aufgaben. Das haben sie freilich auch in München erkannt, ein Profil erstellt, anhand von drei Kriterien den idealen Mann gesucht. Absolute Fußballkompetenz solle die neue Führungskraft haben, das Bayern-Gen in sich tragen und auch wirtschaftliche Expertise besitzen. Das Resultat des Langzeit-Castings: Niemand verkörpert das mehr als Kahn. Zumindest niemand aus dem Kreis der Kandidaten.

Wer diese waren, verriet Herbert Hainer nicht. Er ist der Präsident. Klingt komisch, ist aber seit knapp zwei Monaten so. Der ewige Uli Hoeneß, das war einmal. Der FC Bayern verändert sich. Und Kahn findet das gut. Nur was sich verändert, was sich weiterentwickelt, das bleibt lebendig, sagt er. Dafür wolle er gerne diskutieren. Hart diskutieren. Am liebsten natürlich intern. Auch wenn das in München ja schwierig sein. Sinnvolle Ansagen, was anders werden muss, wollte er noch nicht machen. Erstmal sei es nötig, den Blick von außen nach innen zu lenken, alle Bereiche kennenzulernen. Wichtig sei ihm der Nachwuchsbereich. "Wir haben uns zum Ziel gesetzt, hier absolute Spitze zu werden. Es muss uns gelingen, junge Spieler an die Profi-Mannschaft heranzuführen. Wir brauchen neue Identifiktaionsfiguren. Und eine Spielphilosophie die absolut Bayern-Like ist wollen wir kreieren." Mit einem passenden Trainer. Ein Name fiel nicht.

Kahn weiß, was dem FC Bayern schmeichelt

"Bayern-Like" und "absolute Spitze", das will Oliver Kahn. Das ist Oliver Kahn. 14 Jahre stand er im Tor der Münchner, 23 Titel hat er mit dem Klub gewonnen. Sich geopfert, andere attackiert. Mehr Identifikation mit dem Verein - geht nicht. Und nichts davon scheint in seinen knapp zwölf Jahren Abwesenheit davon abhanden gekommen zu sein. "Die DNA steckt so tief in einem drin, dass man diesen Verein nie verlassen kann", sagt Kahn. So braucht ihm auch niemand zu soufflieren, was der sensiblen Klub-Seele schmeichelt. Der Verein soll den Fans weiter eine "echte Heimat" sein, auch eine erfolgreiche. "Wenn man die Entwicklung der letzten Jahre sieht, kann es beim FC Bayern nur darum gehen, die Nummer 1 zu sein. Im Verein steht eines im Vordergrund: Wir wollen unseren Fans exzellenten Fußball bieten. Dafür müssen wirtschaftliche Voraussetzungen geschaffen werden. Weltklasse-Fußball und den Anspruch zu haben in allen Bereichen die Eins zu sein, das schwebt mir und uns allen vor. Das ist der Anspruch des FC Bayern."

So spricht ein Chef, kein Lehrling. So spricht ein alter Fahrensmann, kein Schiffsjunge. So spricht ein Profi. Einer, der Druck kennt, der Druck mag, der Druck kann. Auch wenn er ihn, den Druck, in der Vergangenheit bisweilen über durchaus skurrile Ventile - Eckfahnen, Ansagen, Attacken - entlud. So spricht auch einer, der sich beweisen will. Sein Ausbilder übrigens, Karl-Heinz Rummenigge, war an diesem Vormittag nicht an seiner Seite. Er hätte es sein sollen, doch ein Noro-Virus verhinderte seine Teilnahme. Gefehlt hat Rummenigge nicht.

Kahn sprach souverän, bisweilen launig, manchmal leidenschaftlich oder gar selbstironisch über alles, was den Klub in diesen Tagen so bewegt. Zum Beispiel über Torwart Alexander Nübel, dessen Transfer er für strategisch sinnvoll hält, der aber erstmal zum Lernen komme. Er umschiffte allerdings auch gekonnt, was unangenehm ist. Das Spielzeit-Splitting zwischen Nübel und Manuel Neuer etwa. Über die mittelfristige Zukunft von Trainer Hansi Flick wurde nicht gesprochen, ebensowenig über das kontroverse Trainingslager in Katar. Oder aber über die künftige Zusammenarbeit mit Sportdirektor Hasan Salihamidzic. Fragen dazu gab es indes auch nicht. Dafür sprach er umso mehr über die sportlichen Ansprüche.

Ganz im Hoeneß'schen Sinne

imago46004436h.jpg

Oliver Kahn und der FC Bayern - das wirkt wie füreinander gemacht.

(Foto: imago images/Sven Simon)

Und diese gelte es in der Rückrunde zu untermauern. Ganz besonders gegen die aufmüpfigen Leipziger, die aktuell die Tabelle der Bundesliga anführen und sich ernsthaft zutrauen, die bayrische Ewigkeitsserie in der Meisterschaft zu beenden. Ein nicht hinnehmbares Szenario für den erfolgsbesessenen Kahn: "Wir wollen uns nicht erlauben, die Meisterschaft abzugeben. Unsere Serie ist unglaublich, sieben Mal in Folge Meister. Das ist für die Ewigkeit - acht Mal allerdings auch!" Erfolge soll es aber auch international geben. "In der Champions League waren wir ebenfalls überragend. Bei Bayern ist alles möglich."

Sätze wie diese wird er auch am Nachmittag den Spielern erzählen, die besucht er dann im Trainingslager in Doha. "Die Mannschaft ist das Entscheidende. Ich möchte mir dort einen Einblick verschaffen, wie die Stimmung ist." Und Nähe schaffen. So wie einst Hoeneß (wobei der ja Manager und Präsident war). "Wir verfolgen das familiäre Element. Die Spieler müssen sich wohl fühlen. Es ist wichtig, dass wir für die Spieler da sind. Das ist ein Aspekt, der den FC Bayern in der Vergangenheit von anderen Vereinen unterschieden hat. Die Spieler wissen, dass man sich in diesem Verein um sie kümmert."

Das Kahn ein Wunschkandidat von Hoeneß ist und den Klub in seinem Sinne weiterführt - niemand kann daran zweifeln. Das Grundgesetz des FC Bayern (Hoeneß), es behält seine Gültigkeit. Es wird lediglich ein wenig modifiziert. Die "Erfolgsgeschichte" des Vereins will Kahn "fortschreiben". Und "Vielleicht noch eine Schippe drauflegen". So sei er eben, der Oliver Kahn. Der neue Souverän des FC Bayern.

   

Apropos: In München deutet sich ein großer Konflikt an. Denn der FC Bayern möchte Alexander Nübel in der nächsten Saison als Nachfolger von Manuel Neuer aufbauen. Der Stammkeeper der Münchner hat grundsätzlich nichts gegen den Plan. Nur eine Sache missfällt dem 33-Jährigen: Auf Spielzeit zugunsten des Talents will er nicht verzichten. Die ganze Geschichte lesen Sie hier!

Quelle: ntv.de