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Redelings über große HSV-Zeiten "Papa, sind wir beide wirklich Idioten?"

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Die Glanzzeiten des Hamburger SV kennt dieser Fan nur aus Archiven des Fußballwahnsinns, wie sie unser Kolumnist pflegt.

(Foto: picture alliance / dpa)

Gegen den FC Bayern winkt zum Ligastart die nächste Blamage des Hamburger SV. Doch machen HSV-Witze und Wetten auf zweistellige Pleiten überhaupt noch Spaß? Nein, findet unser Kolumnist und zündet ein Feuerwerk großer HSV-Erinnerungen.

Es ist genug. Am Dienstag hat mir ein Kollege erzählt, sein Sohn sei vom Spielen nach Hause gekommen und habe ihn gefragt: "Papa, sind wir beide wirklich Idioten?" Mein Freund habe sein Kind nur ungläubig angeschaut und gefragt: "Wer sagt denn so etwas?" Da habe sein Sohn sich verschämt die Augen gerieben und geantwortet: "Die Jungs aus meiner Klasse. Die meinen, das wären alles nur Idioten beim HSV – hätten ihre Papas gesagt!"

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Das tut selbst mir doppelt weh. Erstens als Familienvater und zweitens als Fußballfan. Wenn der Spott ins Gehässige geht, macht es keinen Spaß mehr. Auch wenn der HSV als Gag-Produzent in den letzten Jahren immer sehr zuverlässig geliefert hat und wir gerne über die eine oder andere Schote gelacht haben: Nun ist Schluss. Viele jüngere Fußball-Anhänger meinen mittlerweile, beim HSV handele es sich eher um eine Comedy-Truppe als um einen wunderbaren Fußballverein. Dem sei Einhalt geboten – hier und jetzt!

"Ein Tor würde dem Spiel gut tun"

Ben Redelings ist "Chronist des Fußballwahnsinns" (Manni Breuckmann) und leidenschaftlicher Anhänger des VfL Bochum. Der Autor, Filmemacher und Komödiant lebt in Bochum und pflegt sein Schatzkästchen mit Anekdoten. Seine kulturellen Abende "Scudetto" sind legendär. Für n-tv.de schreibt er stets dienstags die spannendsten und lustigsten Geschichten auf. Sein Motto ist sein größter Bucherfolg: "Ein Tor würde dem Spiel gut tun".

Ich gebe zu, ich bin voreingenommen. Durch meine Hamburger Verwandtschaft bin ich in jungen Jahren durch den HSV sozialisiert worden. Wie wild habe ich als kleiner Junge eine Kuhglocke mit HSV-Aufkleber geläutet – und mir damals noch nicht die Frage gestellt, warum es eine Kuhglocke ins Fanartikel-Programm der Hanseaten geschafft hat. Als Franz Beckenbauer 1980 nach Deutschland zurückkam und ausgerechnet beim HSV landete, war das nicht nur für meinen Onkel eine große Nummer, sondern auch für mich. Beckenbauer wurde damals beim ersten Training von 5.000 Kiebitzen empfangen. Da zeigte sich auch der eher nüchterne Neu-Mitspieler Manni Kaltz tief beeindruckt: "Sonst gehen sie zu dieser Zeit immer zu Hagenbeck!"

Altersschwacher Meisterbus

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1982 hieß der Bundesliga-Meister tatsächlich Hamburger SV.

(Foto: picture alliance / dpa)

Und 1982, was war das für eine Meisterfeier in Hamburg! Der englische Doppeldeckerbus erwies sich als altersschwach und wollte nicht anspringen. Als er dann endlich fuhr, warf ihn gleich die erste Anhöhe aus der Bahn. Half ja alles nichts: also, alle HSV-Profis raus, das Gefährt angeschoben. Doch nach wenigen Metern war klar, hier ging nichts mehr. Ein Traktor tuckerte zu Hilfe und zog den Bus durch die Straßen. Trainer Ernst Happel meinte gewohnt argumentativ trocken: "Hätten wir während der Saison auch immer solche Schwierigkeiten gehabt, wieder übern Berg zu kommen, wären wir jetzt nie Meister!" Und als dann auch noch die Ampeln plötzlich zu tief hingen und ein besorgter Polizist die Profis warnte, sagte Horst Hrubesch nur: "Keine Angst, die köpf ich alle weg!" Da störte es am Ende auch nicht mehr, dass einige Jacketts nach einem Eier-Bewurf von Punkern geopfert werden mussten. Eins der Eier bekam Hrubesch auch noch direkt vor die Stirn. Seine Mannschaftskollegen grinsten: "Mensch, Horst, jetzt ist aber auch mal gut. Du musst doch nicht alles mit dem Kopf nehmen."

Ich weiß noch, wie ich nach einem anstrengenden Tag in der Hansestadt das "Aktuelle Sportstudio" im Bett schauen durfte. Beim HSV drehte ein Pole mächtig auf: Miroslav Okonski. Ich fand den damals einfach stark. Heute wissen wir, dass es die letzten schönen Tage des Hamburger SV für viele, viele Jahre sein sollten.

Ein "Fliegenfänger" vor dem Herrn

Während jüngere Fans den Niedergang des Klubs auf das Halbfinal-Rückspiel im Uefa-Cup gegen Werder Bremen am 7. Mai 2009 datieren, als eine Papierkugel das Schicksal lenkte, denke ich eher an den 8. August 1987 zurück. Damals spielte der HSV beim FC Bayern München. Ein herrlicher Sonnentag bildete die Kulisse für ein, auch heute noch, unfassbares Spektakel. Die Bayern gewannen 6:0 gegen die Hamburger – und an fast jedem Tor war der Neuzugang im Kasten, Mladen Pralija, direkt oder indirekt beteiligt. Wenige Wochen zuvor hatte man den großartigen Stammkeeper Uli Stein nach einem Faustschlag im Supercup gegen Jürgen Wegmann entlassen müssen und nun stand dieser hoffnungslos überforderte Pralija im Gehäuse.

Ein "Fliegenfänger" vor dem Herrn, wie die Fans ihn schnell bezeichneten. Trotz eines 5:1-Siegs gegen Kaiserslautern war damals der Trainer des kommenden Gegners im Europapokal, Michel Clement von Avenir Beggen aus Luxemburg, entsetzt: "Gegen uns mag es mit dem Torwart noch gehen. Wenn der HSV aber die nächste Runde erreichen sollte, werden sie mit dem Jungen Schwierigkeiten bekommen. Ich kann nicht verstehen, dass ein Spitzenklub wie der HSV auf so einen schlimmen Torwart setzen kann." Und Paul Breitner rang nach dem Kantersieg des FCB um Fassung: "Kein Wunder, dass dem Jakobs die Muffe geht. Mit dieser Praline im Tor spielt kein Abwehrrecke sicher."

28 Jahre später steht nun wieder ein Spiel am Saisonbeginn bei den Bayern an. Vielleicht erinnert man sich da lieber an das Jahr 1982 zurück. Damals hatte der HSV vor dem 29. Spieltag bereits drei Punkte Vorsprung auf die zweitplatzierten Münchner Bayern. Ein Unentschieden oder gar ein Sieg beim Titelverteidiger, und die Meisterschaft wäre vorzeitig entschieden gewesen. Doch nach 64 Minuten lag der HSV mit 1:3 hinten. Gott sei Dank gelang Thomas von Heesen und Horst Hrubesch noch der Ausgleich. Wenigstens der Abstand würde gewahrt bleiben, dachten alle, doch dann gewann der HSV durch ein Tor von Horst Hrubesch in der 90. Minute noch mit 4:3. Der grandiose Schlussspurt war das vorgezogene Meisterstück der Hamburger. Jimmy Hartwig erinnerte sich später, wie die Mannschaft das großartige Gefühl des Triumphs erlebte: "In der Woche nach dem Spiel sind wir mit so breiter Brust durch die Straßen gelaufen, dass Fußgänger vor Angst die Straßenseite gewechselt haben."

Die Hoffnung heißt Darmstadt

Und als Krönung der Erinnerung: In München verkraftete man die Niederlage damals nur schwer. Fußball-Deutschland spottete fleißig über die Bayern: "Hast du gestern den Riesenkrach an der Säbener Straße gehört?" "Nein, was ist denn passiert?" "Die Mannschaft des FC Bayern hat sich die Deutsche Meisterschaft aus dem Kopf geschlagen!"

Wer als HSV-Fan jetzt immer noch nicht mit einem Lächeln in die Zukunft schaut, dem sei noch ein Fun-Fact an die Hand gelegt: Immer, wenn Darmstadt 98 in der 1. Bundesliga gespielt hat, ist der Hamburger SV Deutscher Meister geworden. Und warum eigentlich nicht auch in dieser Saison? Fußball ist Leben, Fußball ist verrückt. Das weiß im Moment schließlich niemand besser als ein Fan des HSV!

Wie gut kennen Sie den HSV?
Nicht wenige Fußball-Fans hätten sich eine Bundesliga-Saison ohne den Hamburger SV gewünscht. Nach der Rettung in der Relegation soll jetzt alles besser werden. Testen Sie Ihr Wissen über den Chaos-Klub hier im n-tv Quiz.

Quelle: n-tv.de

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