Fußball

Robben will 100-Tore-Abgang Rafinha weint - und trifft die Bayern-Seele

Während einer emotionalen Pressekonferenz spricht Franck Ribéry vor einer Woche über seinen Abschied vom FC Bayern. Nun legen Rafinha und Arjen Robben nach - mit Tränen und Träumen.

Plötzlich kommen Rafinha die Tränen. Nicht der Gedanke an die beiden letzten Spiele als Fußballer des FC Bayern setzen dem Brasilianer zu. Nein, es ist der Gedanke, sich von seinen Freunden zu verabschieden. Auf einer Pressekonferenz in München, die nur eine Woche nach dem Abschiedsauftritt von Franck Ribéry zunächst ihn und dann Arjen Robben in den Mittelpunkt stellt, sagt er: "Ich bin traurig wegen meiner Jungs hier. Mit ihnen bin ich schon so lange zusammen. Wir hatten eine so schöne Zeit, so viele schöne Momente." Und nun erleben sie einen emotionalen, einen, den sie von ihrem Rafinha so nicht oft erlebt haben - von ihrem stets fröhlichen Rafinha, der nur manchmal motzte. Dann aber auch gegen den Trainer.

Und so hören sie, seine Freunde, ihm erst zu, ehe sie ihn alle fest drücken - die Kollegen Manuel Neuer, Thomas Müller, Thiago, Javi Martinez, Robert Lewandowski, Renato Sanches und David Alaba. Sie alle sind nämlich nur in den Presseraum an der Säbener Straße gekommen, um ihn, einen der beliebtesten Spieler im Kader zu verabschieden. Er hatte sie eingeladen.

Rafinha, er war beim FC Bayern der Mann, der einsprang, wenn er gebraucht wurde. Hinter Philipp Lahm, hinter Joshua Kimmich und auch hinter Alaba war er eigentlich immer nur zweite Wahl. Als aber stets zuverlässige. Er spielte, wenn die anderen eine Pause bekamen - oder verletzt waren. In acht Jahren kam er so dennoch auf erstaunliche 266 Einsätze, auf 29 Vorlagen und sechs Tore. An einen Treffer erinnert er sich besonders gerne, an sein Tor zum 2:0-Endstand im Champions-League-Gruppenspiel am 14. September 2011 gegen den FC Villarreal. "Ich habe meinen Gegenspieler noch getunnelt und das Tor gemacht. Das war wohl mein schönster Treffer." Die Saison endete für die Münchener dennoch mit einer der größten Enttäuschungen - dem traumatisch vergeigten "Finale dahoam" gegen den FC Chelsea.

"Jeder kennt diese Geschichte"

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Rafinha verlässt den FC Bayern zum Saisonende dennoch höchst titeldekoriert. Neben bislang sechs Deutschen Meisterschaften, neben drei DFB-Pokal-Triumphen und je einem Erfolg bei der Klub-WM und im Uefa-Supercup gewann er mit dem Rekordmeister ein Jahr nach dem Final-Drama in der Allianz-Arena doch noch die Champions League - mit 2:1 im Londoner Wembley-Stadion gegen Borussia Dortmund. Das Tor zum wichtigsten europäischen Fußball-Titel erzielte Arjen Robben. In der 89. Minute. Ausgerechnet der Niederländer, der im Jahr zuvor einen Elfmeter gegen Chelsea in der Verlängerung vergeben hatte. "Jeder kennt diese Geschichte", sagt Robben, der nach Rafinha auf dem Pressepodium Platz nimmt. "Das ist das Schöne am Sport. Darüber kann man ein Buch schreiben. Nach einer großen Enttäuschung geht es weiter, nach einem großen Erfolg aber auch. Du willst immer mehr, mehr Titel. Dafür lebst du als Profi."

Und ein Profi, das ist Arjen Robben - immer gewesen und bis heute. Von Verletzungen und Rückschlägen hat er sich immer erholt. Der bittere Fehlschuss im WM-Finale 2010, der peinlich vergebene Elfmeter 2012 im Meisterkrimi mit dem BVB, das Scheitern gegen Chelsea - immer trieben ihn sein Ehrgeiz und seine Besessenheit zurück auf Topniveau. Nie war er zu stoppen. Nicht, wenn der Linksfuß auf rechts den Ball hatte, wenn er dribbelte, wild wackelnd auf seine Gegenspieler zu lief, dann einen sehr scharfen Haken nach links machte, parallel zur Strafraumgrenze rannte und irgendwann passgenau in die entfernte Ecke traf - mal flach, mal hoch. Ein Trick, tausend Mal gesehen, kaum einmal gut verteidigt. "Frag mich nicht, warum das so war", antwortet Robben nun einem Journalisten, der eben wissen wollte, warum das so war. 143 Tore hat der nun 35-Jährige für den FC Bayern geschossen - 98 in der Bundesliga. Zwei fehlen noch zur historischen Marke. "Das muss ich mir seit ein paar Wochen anhören - vielleicht knacke ich die 100 noch." Vielleicht - dazu aber müsste Robben spielen. Am liebsten "über 90 Minuten".

Robben ist voller Adrenalin

Er sei jedenfalls "voller Adrenalin", sagt er. "Ich habe jetzt schon ein kribbliges Gefühl." Ein letztes Mal der entscheidende Mann sein. Wie so oft. Das wäre schon was. "Ich hab das Spiel am Samstag schon dreimal in meinem Kopf gespielt. Das wäre natürlich der absolute Hammer." Zwei Gelegenheiten dazu bieten sich noch. Die erste eben an diesem 34. Spieltag in der heimischen Arena gegen Eintracht Frankfurt. Zum achten Mal würde er mit einem Sieg sicher (ein Remis würde wegen der klar besseren Tordifferenz gegenüber dem BVB sehr wahrscheinlich auch reichen) Deutscher Meister mit den Münchnern werden - in zehn Jahren. Eine überragende Bilanz - gekrönt durch die Champions League und vier Pokalsiege. Einen weiteren kann's am 25. Mai gegen RB Leipzig geben. Es wäre die zweite letzte Chance als Entscheider. Vielleicht wieder auf Pass von Ribéry? Schön wärs', findet Robben. Es wäre die kitschigst denkbare Pointe zum Ende der "Robbery"-Ära. Wahrscheinlich ist das nicht. Beiden droht sicher die Bank. Denn Kovac will beim Nervenkitzelendspiel im Titel-Fernduell mit dem BVB die elf besten und fittesten Spieler aufstellen. Dazu gehören Robben und Ribéry aktuell eher nicht. Ihr Pfund ist die Emotionalität. So oder so. Der Niederländer geht glücklich. "Wenn die Zeit schnell vergeht, ist es ein gutes Zeichen. Das bedeutet, dass man sich wohlfühlt und Spaß hat."

Wie es weitergeht? Alles offen. Sowohl bei Rafinha, als auch bei Robben. Der Brasilianer will auf jeden Fall noch ein wenig spielen: "Ob ich zurückgehe oder hier in Europa bleibe, entscheide ich nach der Saison." Für den Niederländer kommt dagegen auch ein Karriereende in Betracht. "Es gibt noch keine Tendenzen. Ich bin aufgrund meiner Verletzung schon ziemlich spät dran. Meine Frau würde es auch schon gerne wissen, das können Sie mir glauben", so Robben. "Aber ich merke, dass es mir schwerfällt. Die einfachste Entscheidung wäre, aufzuhören. Das ist auch eine Option. Aber ob es das wird?" Was Robben und Rafinha aber weiter eint: eine unerschöpfliche Titelgier, Meister und Pokalsieger wollen sie noch werden.

"Wichtigster Schritt meiner Karriere"

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Und Dankbarkeit - die eint sie auch. Robben sagt: "Das war mein wichtigster Schritt meiner Karriere, der beste Transfer. Ich bin dem Verein sehr, sehr dankbar." Und den Fans. Den eigenen. Den anderen hat er nur allzu oft zugesetzt, mit seinen Dribblings, mit seinen Toren und mit seiner nicht sehr ausgeprägten Stabilität in so manchem Zweikampf: "Das ist noch immer die schönste Wertschätzung, die man bekommen kann. Das geht über Titel hinaus. Oft sind es ganz persönliche Momente, kleine Gespräche im Vorbeigehen oder ein Brief, das ist das Schönste. Das bedeutet mir fast mehr als Titel. Das kann man auf jeden Fall mitnehmen." Aber erstmal: "Fokus auf Samstag". Robben, ein Profi.

Und Rafinha, der beschwört eine Tugend, einen Wert: "Meine Mama hat zu mir gesagt, ich soll dankbar sein. Sag dem Verein immer Danke, sag deinen Mitspielern Danke." Brüchige Stimme, Tränen, nervöses Fingerspiel mit seiner linken Hand. "Meine Mama hat mich nie für den besten Fußballer gehalten. Für meine Familie war es immer wichtig, dass es bei meiner Mannschaft läuft, denn dann war auch ich glücklich. Deshalb soll ich immer Danke sagen. Keiner weiß, was bei uns abläuft. Es geht nicht immer um Titel oder Pokale, sondern es geht um Freundschaft. Ich spiele schon so lange mit diesen Jungs zusammen. Diese Verbundenheit ist das Geheimnis für unseren Erfolg. Meine Mutter weiß, dass ich für eine solche Atmosphäre kämpfe. Das ist mein Geheimnis." Dann Tränen. "Obrigado, danke für alles." Und Abgang in die Arme seiner Mitspieler. Seiner Freunde.

Quelle: n-tv.de

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