Fußball

Der "meinungsflexible" Präsident Reinhard Grindel - ein letztes Mal peinlich

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Reinhard Grindel hat in seinen drei Jahren als DFB-Präsident selten eine gute Figur abgegeben.

(Foto: imago images / Hartenfelser)

Reinhard Grindel ist tief erschüttert, dass er wegen einer geschenkten Luxusuhr seine Funktion als DFB-Präsident aufgeben muss. Das ist tatsächlich unfassbar. Unfassbar peinlich.

Ein geschenkte Uhr war's. Wie tragisch. Reinhard Grindel tritt als Präsident des Deutschen Fußball-Bundes zurück - erschüttert darüber, dass er "wegen eines solchen Vorgangs" aus dem Amt stolpert. Man muss schon eine bizarre Selbstwahrnehmung besitzen, um zu glauben, dass einzig ein wertvoller Zeitanzeiger am Handgelenk reicht, um als Chef von sieben Millionen Fußballern in Deutschland nicht mehr tragbar zu sein. Vielmehr ist das nun überraschend abgezockte Verzwergen seines Scheiterns auf das Geschenk aus dubiosen ukrainische Funktionärskreisen die letzte Peinlichkeit eines Mannes, der dem DFB in seiner nun abrupt endenden dreijährigen Amtszeit mehr Problem als Hilfe war. Der dem DFB, bei dem er - was für eine Ironie - auch Anti-Korruptionsbeauftragter war, in seiner über Medienenthüllungen des "Spiegels" und der "Bild" offenbarten Maßlosigkeit trotzdem aber als wichtiger Funktionär erhalten bleibt. Über seine gut dotierten Mandate in den Führungsgremien der Uefa und der Fifa. Noch mehr Ironie geht nicht.

Das ist Reinhard Grindel

  • Geboren am 19. September 1961 in Hamburg. Verheiratet mit Ehefrau Wenke, zwei Söhne.
  • Politik: Seit 1977 Mitglied der CDU.
  • Vom 22. September 2002 bis zum 3. Juni 2016 für die CDU im Deutschen Bundestag.
  • Fußball: Von 2011 bis 2014 1. Vizepräsident des Niedersächsischen Fußballverbands.
  • Seit 25. Oktober Schatzmeister beim DFB.
  • Vom 15. April 2016 bis 02. April 2019 DFB-Präsident.
  • Seit 5. April 2017 Mitglied im Uefa-Exekutivkomitee als Vizepräsident "Gouvernance" und im Fifa-Council.
  • Medien: 1989 als Korrespondent für Radio Schleswig-Holstein und die Neue Osnabrücker Zeitung in Bonn.
  • 1997 Leitung des ZDF-Studios in Berlin.
  • Von 1999 bis 2002 Leiter des ZDF-Studios in Brüssel.

Die Geschichte mit der geschenkten Luxusuhr, sie ist eine voller Dummheit oder Dreistigkeit. Womöglich ist sie sogar beides. Sie offenbart, wie unsensibel Reinhard Grindel mit seiner Verantwortung als Chef eines seit der immer noch nur unzureichend aufgeklärten "Sommermärchen-Affäre" von größter Intransparenz erschütternden Verbandes umgeht. Wie wenig ihm, dem Leiter der Compliance-Kommission der Uefa (zuständig für ethisch korrektes Verhalten!), an Ethik und Transparenz liegt, die ihm mit seinem Amtsantritt im April 2016 noch so wichtige Herzensangelegenheiten gewesen sein wollten.

Sein Versuch nun, das Geschenk des für seine Ethikzweifel bekannten Oligarchen und Fußball-Funktionärs Grigori Surkis aus dem Politischen in das Persönliche zu ziehen, es vom Vorwurf jedweder Gegenleistung zu befreien, ist ein Zeichen größtmöglicher Naivität. Einen Interessenskonflikt sieht er tatsächlich nicht. Das sagt er zum Abschied sogar so. Auch witterte er nichts Anrüchiges. Das sieht die Öffentlichkeit anders. Dieser Gedanke hätte Grindel schon bei der Annahme, spätestens bei seiner offenbar schambefreiten Zurschaustellung beschleichen können. Ebenso wie bei seinen erst vor wenigen Tagen zuvor publik gewordenen Bonuszahlungen von 78.000 Euro als Aufsichtsratsmitglied einer DFB-Tochterfirma.

Als Krisenmanager hat er versagt

So dumm diese Luxusuhr-Affäre ist, Grindel wäre über sie womöglich nicht endgültig gestolpert, wäre er dem DFB in den vergangenen Jahren nicht nur als sich selbst lobender Wegbereiter für die EM 2024 und die DFB-Akademie, sondern auch als dringend benötigter Krisenmanager dienlich gewesen. Gelegenheiten genug hätte es gegeben: mehr Vehemenz beispielsweise bei der Aufarbeitung des Skandals um die Heim-WM 2006, mehr Meinungsstabilität beim Umgang mit Mesut Özil in Folge der Erdogan-Foto-Affäre, mehr Führungsstärke gegen Özils Rassismus-Vorwürfe beim DFB (vor allem gegen Grindel selbst), mehr Erfüllungsdruck beim Versuch der Entfremdung von Profis und Amateuren entgegenzuwirken.

Was bleibt, ist ein gewaltiger WM-Skandal, der sich schleichend ausmerkelt, ein Kommunikationsdesaster im Fall Özil, ein sich selbstberufener Förderer der Amateure, der den vielen armen Vereinen zuletzt empfahl, doch einfach ihre Beiträge zu erhöhen, statt den milliardenschweren Profifußball zu mehr Solidarität zu animieren. Hinzu kommt eine Kommerzialisierung rund um den DFB-Pokal und die Nationalmannschaft, die dazu beiträgt, dass sich die Fans immer mehr von ihrem Lieblingssport entfremden. Und, das wird oft vergessen, seine Zustimmung zum Rauswurf der beiden Fifa-Chef-Ethiker Hans-Joachim Eckert und Cornel Borbély, die mit Unterstützung des FBI in den vergangenen Jahren die schlimmsten Banditen aus dem Fußball verbannt hatten, wie es der "Spiegel" im Mai 2017 schrieb.

Die Uhr will Grindel zurückgeben

Grindel ist freilich nicht für alles der Verursacher, aber als Chef eben doch verantwortlich. Bei seinem Versuch, ein Problem zu lösen, trat der 57-Jährige zunehmend mehr Probleme los. Vor ein paar Wochen erst, als er zunächst pikiert darüber schien, nicht vorab über Joachim Löws Ausbootungspläne für die Weltmeister Thomas Müller, Mats Hummels und Jérome Boateng informiert worden zu sein, um dann schließlich zurückzurudern und den Bundestrainer in seiner Entscheidung zu bestärken. Dieser sich durchziehende Schlingerkurs, dazu ein cholerischer Führungsstil, haben offenkundig jemanden beim DFB dazu bewogen, den Druck auf den Chef über die Medien so zu erhöhen, dass er nun zurückgetreten ist. In seinem Statement vor Journalisten bat er um eine ehrliche Bewertung seiner Arbeit. Fragen ließ er indes keine zu. Selbstwahrnehmung und Fremdeinschätzung werden ihm nicht bloß deshalb nicht gefallen.

Die Uhr übrigens, die will Reinhard Grindel so schnell wie möglich zurückgeben. Er hat nichts verstanden.

Quelle: n-tv.de

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