Fußball

WM-Qualifikation im Schnellcheck Rumänien weist Löw auf ein Problem hin

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Die Chancenverwertung war nicht optimal.

(Foto: picture alliance/dpa)

Mit dem 3:0-Sieg gegen Island startet die deutsche Fußball-Nationalmannschaft erfolgreich in die Qualifikation zur Katar-WM. In Rumänien steht wohl das schwierigste Auswärtsspiel der Gruppe an. Am Ende gewinnt die Löw-Elf das Spiel - doch hadert mit dem eigenen Chancenwucher.

Was war passiert?

"You're The First, My Last, My Everything": Wem Trainer Joachim Löw das Liebeslied widmete, das er mindestens ähnlich gefühlvoll wie Soulsänger Barry White bei der Pressekonferenz vor dem Rumänien-Spiel ins Mikrofon hauchte, weiß wohl nur er. Aber seit Löw entschieden hat, nun doch nicht Bundestrainer auf Ewigkeit zu bleiben, tritt er deutlich gelöster auf. Der frischgebackene Hardliner vertraut beim wohl schwersten Auswärtsspiel in der WM-Quali-Gruppe J der gleichen Elf, die gegen Island die ersten drei Punkte fachmännisch eingetütet hat. Die klassische Löw'sche Rotation muss also erst mal pausieren.

Denn das Motto für den DFB-Auftakt im Kalenderjahr 2021 ist klar: "Einspielen, Automatismen, Team schaffen", erklärte er vor dem Spiel bei RTL. Trotz des 3:0-Erfolgs lief gegen Island nicht alles gut. Der Noch-Bundestrainer bemängelte, dass gerade im eigenen Spielaufbau der Ball zu häufig bei Torwart Manuel Neuer zu oft landete und auch wenn es um das Niveau über die vollen 90 Minuten geht, sei zwischendurch noch Luft nach oben.

Eine schwierige Personalfrage bahnt sich zudem auch noch an: Ähnlich wie beim FC Bayern gefällt sich Joshua Kimmich beim DFB-Team in der Chef-Rolle. Bei den ersten Quali-Spielen fehlt Platzhirsch Toni Kroos noch verletzt. Sollte der wieder fit und in Form sein, könnte das Löws Pläne gewaltig ins Wanken bringen.

Ein Thema abseits des Platzes beherrschte die Berichterstattung: die "Human Rights"-Shirts beim Spiel gegen Island. Damit reihten sich die Profis der deutschen Nationalmannschaft in den Protest gegen die Menschenrechtssituation in Katar mit Norwegen, Dänemark und den Niederlanden ein. Soweit, so lobenswert. Was der DFB aber im Anschluss, in fast schon DFB-typischer Manier, damit machte, gab große Kritik. Auf Twitter erschien ein Video, das zeigt, wie Kimmich und Co. die Buchstaben auf ihre Trikots malten. Der Verband nutzte damit die eigentliche Botschaft fürs Marketing - eher weniger lobenswert. Löw stellte jedoch klar: " Wenn jemand denkt, dass sich unsere Spieler aus Marketingzwecken vor den Karren spannen lassen, der irrt gewaltig. Unsere Spieler wissen, was auch außerhalb des Fußballplatzes passiert". Bleibt nur zu hoffen, dass das auch wirklich so ist.

Teams und Tore

Tor: 0:1 Gnabry (17.)

Rumänien:
Nita - Popescu, Chiriches, Tosca, Camora (46. Burca) - Marin, Stanciu, Hagi (83. Maxim), Tanase (83. Cicaldau), Mihaila (66. Man) - Keseru (66. Puscas); Trainer: Radoi.

Deutschland:
Neuer - Klostermann, Ginter, Rüdiger, Can - Kimmich - Goretzka (90.+4 Younes), Gündoğan - Havertz (77. Werner), Gnabry (90.+2 Neuhaus), Sané; Trainer: Löw.

Schiedsrichter:
Clement Turpin (Frankreich)

Gelbe Karten:
Popescu - Kimmich

Der Chancenwucher im Spielfilm

Vor dem Anpfiff: Kein Versehen, sondern Absicht: Angelehnt an die 30 Artikel der UN-Grundrechtscharta tragen die DFB-Spieler beim obligatorischen Mannschaftsfoto ihre Rückennummern vorne. Die Botschaft ist so eindeutig, dass der Verband sie erst auf Twitter erklären muss.

2. Minute: Das erste bisschen Chance: Schnelle Umschaltmöglichkeit. Havertz dribbelt mit unglaublich viel Platz und Tempo - doch sein Flankenversuch wird abgefangen.

5. Minute: Da ist er, der erste Abschluss. Sané dribbelt sich fest, erobert den Ball aber zentral vor dem 16er zurück. Über Umwege (Gündoğans Hacke) landet der Ball bei Linksverteidiger Can, der von der Strafraumkante abzieht - doch der Schuss ist zu hoch angesetzt.

8. Minute: Ein Torschuss mit Prädikat "Da war auch mehr drin". Keseru setzt nach einem Konter aus knapp 18 Metern zum ersten Abschluss der Rumänen an. Doch der Ball wird nicht zur Gefahr für Manuel Neuer.

9. Minute: Jetzt geht's plötzlich schnell: Fast im Gegenzug spaziert Gnabry unbedrängt durchs rumänische Mittelfeld, hat das Auge für Havertz. Der Chelsea-Profi kommt mit viel Tempo von rechts in den Strafraum, sucht in der Mitte einen Mitspieler, findet niemanden und scheitert aus knapp fünf Metern an Keeper Nita.

12. Minute: Ups, das war aber sehr einfach: Innenverteidiger Chiriches wird von Sané nicht wirklich bedrängt und schlägt einfach mal einen überragenden Diagonalball. Der Pass mit einer geschätzten Packing-Rate von 10 überspielt die komplette deutsche Elf, doch Angreifer Keseru scheitert frei an Neuer.

16. Minute: TOOOOOR für Deutschland: 1:0 Gnabry. Die Chelsea-Connection bereitet die deutsche Führung vor. Langer Ball von Rüdiger auf Havertz, die Fahne bleibt unten, Havertz legt quer und Gnabry weiß, was man mit so einem Ball aus kurzer Entfernung machen muss. Ohne VAR gibt es keine lange Pause, der Treffer zählt.

20. Minue: Deutschland macht weiter Druck. Wenn der manngedeckte Kimmich schon nicht kombinieren darf, hält er einfach mal drauf: Nach seinem Abschluss aus 25 Metern wackelt der Querbalken gewaltig.

33. Minute: Was Kimmich gegen Island kann, kann Goretzka auch gegen Rumänien: Chipball nach außen auf Klostermann, der kann den Ball nicht hundertprozentig kontrollieren, legt quer und Gnabry kommt nur mit dem Oberschenkel zum Abschluss.

43. Minute: Aus dem Spiel darf er immer noch nicht zum Zug kommen, bei Standards schon - doch es kommt wenig Zählbare dabei rum: Freistoß Kimmich, Kopfball Gnabry, Abstoß Rumänien.

Halbzeit: Ein 1:0 der mittelmäßigen Sorte. Deutschland will, kann aber nicht so richtig und Rumänien verteidigt das ausgesprochen clever.

48. Minute: So kann's doch gehen: Gündogan erspäht, dass Rumänien hoch steht und schickt Sané lang. Doch Torwart Nita klärt den langen Ball in Neuer-Manier.

50. Minute: Sané zeigt seine ganze Klasse, die rumänischen Verteidiger grätschen heran, doch das kümmert den Bayern-Profi nicht wirklich. Auf der linken Seite sieht er Can, der auf Goretzka ablenkt. Doch wieder ist es Nita, der seinen guten Eindruck bestätigen kann.

60. Minute: Nächste Chance, nächste gute Tat von Nita: Gündogan schießt von halblinks platziert aus 15 Metern, Nita wehrt den Ball erst nach oben ab, und faustet ihn dann einhändig weg, bevor Gündogan den Ball einköpfen kann.

72. Minute: Neuer will den Ball mit der Brust ablegen, doch da überschätzt er sich. Ginter verhindert, dass Schlimmeres passiert.

80. Minute: Werner, Werner, WERNER? Der Chelsea-Angreifer bekommt frei vor Nita den Ball, doch die Szene reiht sich in die vorherigen ein.

87. Minute: Da wackelt die knappe deutsche Führung. Puscas nimmt Tempo auf und tanzt Rpdiger an der Sechzehnerkante aus. Doch der überraschendharmlose Schuss landet in Neuers Armen

89. Minute: Hoppla, was war das? Gibt es doch noch den Ausgleich? Die Rumänen haben ihre zweite große Chance in der Schlussphase. Sanés Rückpass auf Ginter missrät und Stanciu erobert den Ball im DFB-Strafraum, sein Schuss landet aber im Außennetz.

Was war gut?

Die erste gute Aktion gab es schon, bevor das Spiel überhaupt angefangen hatte. Inspiriert von den 30 Artikeln der UN-Grundrechtscharta trugen die Spieler vor dem Anpfiff ihre Trikots mit den Rückennummern nach vorne. Nach Abpfiff betonte Kapitän Manuel Neuer nochmals bei RTL, dass die Aktion - wie schon die gegen Island davor - eine Idee der Mannschaft gewesen sei. Auch hier bleibt nur die Hoffnung, dass dem tatsächlich so ist. Das Vertrauen in den DFB war aber sicher schon mal größer.

Die Zahl der Chancen, die die Löw-Elf herausgearbeitet hatte, war immens. Sané, Gnabry und auch Havertz hätten relativ einfach das 2:0 machen können. Gerade das Kombinationsspiel beim Umschalten, wenn es um schnelle direkte Pässe geht, kann sich durchaus sehen lassen.

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Kein Tor.

(Foto: dpa)

Man kommt auch nicht daran vorbei, die Rumänen zu loben. Allen voran Keeper Florin Nita nutzte die zahlreichen Möglichkeiten, sich auszuzeichnen. Nur einer der zwölf Schüsse, die auf sein Tor gingen, landete auch darin. Das ist schon eine bemerkenswerte Quote, zumal viele der deutschen Chancen durchaus aussichtsreich waren.

Mit einem ganz simplen Taktik-Kniff machte Coach Mirel Rădoi seinem Gegenüber das Leben deutlich schwerer. Die Maßnahme, zwei eigene Offensivspieler (Mihaila und Tanase) dafür einzusetzten, auf Kimmich aufzupassen, machte sich bezahlt. Während der Bayern-Spieler gegen Island noch die Fäden zog, blieb er gegen Rumänien blass und trat kaum in Erscheinung. Diese bewusste Schwächung im Spielaufbau war über die kompletten 90 Minuten erkennbar.

Was war schlecht?

Das große Problem der DFB-Elf war die Chancenverwertung. Sané, Gnabry, Havertz und auch Werner später: Sie zeigten alle, dass sie die individuelle Klasse haben, gefährliche Situation herauszuspielen, auch wenn das DFB-Mittelfeld sich nicht richtig entfalten konnte. Doch wie sie mit den Chancen umgingen, war fast schon fahrlässig. Die unbestrittene Dominanz in Tore umzumünzen, das ist der Löw-Elf nicht gelungen.

Ein Grund dafür könnte die Dauer-Debatte um den "klassischen Neuner" sein. Jemand, der ständig anspielbar ist, auch mal per Flanke gefunden werden kann, der fehlt dem Nationalteam. Als Mittelstürmer stellte Löw Gnabry auf. Der Bayern-Spieler ist gerade mal 1,75 Meter groß, damit fehlt der Offensive auch die Möglichkeit, einen hohen Ball von den Außen in den Sechszehner zu schlagen. Das macht das Spiel des DFB-Teams berechenbarer. Eine tiefstehende Abwehrkette lässt sich so nur mühevoll knacken.

Mehr als 20 Rückpässe fanden den Weg zu Manuel Neuer. An sich ist das nicht ungewöhnlich, der Torwart gilt als starker Fußballer. Laut Löw wollte man aber daran arbeiten, dass der frischgebackene 35-Jährige seltener als Anspielmöglichkeit gesucht wird. Gerade in der ersten Hälfte zeigte sich, dass es noch an Automatismen fehlt. Ginter und Klostermann leisteten sich in der ersten Hälfte im Spielaufbau zu viele Fehlpässe.

Was sagen die Beteiligten?

Bundestrainer Joachim Löw: "Wir haben sehr gut gearbeitet gegen den Ball, hatten gute Balleroberungen. Wir hatten einige sehr gute Kombinationen. Wenn man etwas kritisieren kann, dann die Chancenauswertung. Wir hätten uns das Spiel leichter machen können, indem man das 2:0 erzielt. Wichtig war, dass wir die drei Punkte haben. Ingesamt kann man damit zufrieden sein, darauf können wir aufbauen. Es ist wichtig, sich einzuspielen in diesem Jahr, nachdem wir letztes Jahr viele Wechsel hatten."

Joshua Kimmich: "Ich denke schon, dass wir uns das einfacher gestalten können. (...) Wir müssen es einfach früher entscheiden, dann haben wir auch einen ruhigeren Abend."

Manuel Neuer: "Ich denke, dass wir früher den Deckel draufmachen müssen, dann kommen wir nicht in Gefahr. Da müssen wir das zweite oder dritte Tor machen, um Ruhe zu haben."

Serge Gnabry: "Wichtig sind für uns die drei Punkte. Am Ende ist es egal, wie wir sie geholt haben. Wir hätten das Spiel viel früher entscheiden müssen. Wir haben uns selber das Leben schwer gemacht. Wir haben gut gespielt und die Chancen gut herausgespielt. In der zweiten Halbzeit müssen wir einfach die Dinger machen. Ein Rückschritt war es nicht."

Tweet zum Spiel

Quelle: ntv.de

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