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Leroy Sané hat sich bei Man City zu einem Topspieler entwickelt - jetzt muss er auch Löw von sich überzeugen.
Leroy Sané hat sich bei Man City zu einem Topspieler entwickelt - jetzt muss er auch Löw von sich überzeugen.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 16. Mai 2018

Freigeist auf dem linken Flügel: Sané muss Löw erst noch überzeugen

Von Hendrik Buchheister, Manchester

Der junge Leroy Sané ist eine der prägenden Figuren in Manchester Citys Rekordsaison. Trainer Josep Guardiola holt das Beste aus ihm heraus. Trotzdem muss er in Joachim Löws WM-Elf erst einmal seinen Platz finden.

Er musste nicht lange überlegen bei der Frage, wer denn die Weltmeisterschaft in Russland gewinne. "Belgien, denn sie haben ihn, sie haben ihn!", rief Leroy Sané und drückte seinem Vereinskollegen Kevin De Bruyne den Zeigefinger in die Brust. Es handelte sich bei der Szene um einen Spaß. Beide Spieler trugen eine Sonnenbrille, unter Sanés Schirmmütze waren frisch gedrehte Dreadlocks zu sehen. De Bruyne wurde gerade vom Bezahlfernsehen interviewt, bei Manchester Citys Bus-Parade anlässlich der Meisterschaft in der Premier League. Sané erschien auf der Bildfläche, so aufgekratzt, als hätte er eine Jahresration an Energie-Getränken zu sich genommen, er machte seinen Scherz mit dem Mitspieler und zog lachend wieder ab.

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Ein bisschen hatte er natürlich Recht: De Bruyne ist einer der Gründe dafür, dass den Belgiern wieder einmal Außenseiterchancen zugestanden werden beim Weltturnier in einem Monat. Doch genau so lässt sich auch die Auffassung vertreten, dass die deutsche Mannschaft Fußball-Weltmeister wird, weil sie eben - unter anderem - diesen Sané hat. Der 22 Jahre junge Ex-Schalker hat eine beeindruckende Saison mit Manchester City gespielt. Dass die Mannschaft von Trainer Josep Guardiola überragend den Titel holte, mit einem Rekord für die meisten Punkte und die meisten Tore, hat auch mit Sané zu tun.

Er hat sich in seiner zweiten Spielzeit in der Premier League als Stammkraft etabliert, er kam zum Beispiel deutlich öfter von Beginn an zum Einsatz als Ilkay Gündogan, der zweite deutsche Nationalspieler im Team. Sané schoss in 49 Einsätzen in allen Wettbewerben 14 Tore und war mit 15 Vorlagen der zweitbeste Vorarbeiter der Liga hinter De Bruyne. Von den Kollegen wurde er zum besten Nachwuchsspieler der Saison gewählt. Sané ist zu einer prägenden Figur bei der prägenden Mannschaft in der angeblich besten Spielklasse der Welt geworden. Das hätten ihm nicht viele Fachleute zugetraut bei seinem Umzug aus Gelsenkirchen nach Manchester im Sommer 2016.

Kollegen wählen ihn zum besten Nachwuchsspieler

Citys Offensiv-Fußball basiert auch auf Sané. Darauf, dass er immer anspielbar ist auf seinem linke Flügel und dass er, wenn er den Ball bekommt, in rasendem Tempo die Linie entlang läuft und in die Mitte ablegt oder selbst in Richtung Zentrum dribbelt. Dieses Manöver ist so vorhersehbar wie schwer zu verteidigen wegen Sanés technischer Qualitäten und seiner Schnelligkeit. Er vollbringt auch im Berechenbaren Unberechenbares.

Eine Szene vom 3:1-Heimsieg gegen Newcastle United im Januar steht dafür stellvertretend. Sané rückte aus dem Halbfeld mit dem Ball in den gegnerischen Strafraum vor und ließ sich von zwei Verteidigern abdrängen, in eine schlechtere Position. Mit einer schnellen Drehung und einem Haken ließ er die Kontrahenten allerdings aussteigen, es sah aus, als laufe er durch sie hindurch. In der Mitte musste Angreifer Sergio Agüero nur noch einschieben. "Leroy! Leroy! Leroy!", riefen die Zuschauer. Sie riefen das oft in dieser Saison. In seiner zweiten Spielzeit in England ist Sané zu einem Liebling der schwer entflammbaren City-Fans aufgestiegen.

Seine Entwicklung hat viel mit Guardiola zu tun, wie bei allen Spielern von City, die in dieser Saison eine neue Evolutionsstufe erklommen haben. Der Trainer hat Sané mit einer Mischung aus ungewöhnlich offener Kritik auf der einen Seite und Ermutigung auf der anderen zu Spitzenleistungen getrieben. Dass der Offensivmann zu Beginn der Saison nur auf der Bank saß, begründete Guardiola damit, dass Sané keine gute Vorbereitung absolviert hätte. "Er hat es sich nicht verdient zu spielen", mahnte der Trainer. Anfang des Jahres urteilte er über Sané: "Er macht große Fehler bei den einfachen Dingen." Gemeint war damit vor allem die Abwehrarbeit. Zugleich betonte Guardiola immer wieder, wie wichtig Freigeister wie Sané seien. Er will, dass seine Spieler mutig sind und im Angriff Risiken eingehen.

Die nächste Aufgabe für den ehemaligen Schalker ist es, auch Bundestrainer Joachim Löw zu überzeugen. In der Nationalmannschaft ist Sané einen Monat vor der WM nicht erste Wahl, anders als im Verein. Sein Platz auf dem linken Flügel wird von Julian Draxler gehalten. Gegen Sané spricht, dass er den Confed-Cup im vergangenen Jahr verpasst hat, wegen einer Nasen-Operation. Für ihn spricht: seine Saison mit Manchester City.

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Quelle: n-tv.de