Debatte um Neuer nervt LegendenTer Stegens Hiobsbotschaft befeuert Torhüter-Rangelei beim DFB

Julian Nagelsmann hält lange an Marc-André ter Stegen als Nummer 1 für die Fußball-Weltmeisterschaft fest. Doch nun muss er sich zwangsweise für einen anderen Kandidaten im DFB-Tor entscheiden, ter Stegen wird wohl nicht rechtzeitig fit. Das facht die ausufernde Debatte um Manuel Neuer weiter an.
Das war es wohl mit der WM-Chance für Pechvogel Marc-André ter Stegen. Der Torhüter muss wegen seiner Oberschenkelverletzung am Freitag operiert werden und fällt anschließend "mehrere Monate" aus. Das teilte der 33-Jährige bei Instagram mit. "Ich bin ein positiver Mensch. Ich hatte schon immer diese Einstellung und habe sie bei jeder Herausforderung, der ich mich stellen musste, beibehalten, aber diese Herausforderung ist besonders schwer für mich."
Nur zwei Spiele absolvierte ter Stegen für seinen neuen Klub FC Girona, ehe er sich bei der 0:1-Pleite bei Real Oviedo erneut verletzte. Nach Girona war er leihweise gewechselt, um seine Chance auf den Platz im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft zu erhöhen. Spielzeit war es, was Bundestrainer Julian Nagelsmann von ihm gefordert hatte, nachdem ter Stegen wegen seiner zuvor langwierigen Verletzungen – erst am Knie und dann am Rücken – seinen Stammplatz beim FC Barcelona verloren hatte.
"Ich werde zurückkommen", kündigte ter Stegen zwar an. Doch dass er zum WM-Start der DFB-Auswahl am 14. Juni in Houston gegen Neuling Curacao im Tor stehen wird, glauben wohl nur noch die größten Optimisten. Die Debatte um das deutsche WM-Tor wird also weiter befeuert. Kommt es zu einer spektakulären Rückholaktion von Manuel Neuer? Oder legt sich Julian Nagelsmann frühzeitig auf Oliver Baumann als Torwart für das Turnier in den USA, Kanada und Mexiko fest? Klar ist: Bundestrainer Nagelsmann kann nicht mehr an seiner Nummer-1-Zusage wie ursprünglich geplant festhalten.
Direktes Duell von Neuer und Baumann
Dass das direkte Duell von Neuer mit dem in ter Stegens Abwesenheit ins Nationalmannschaftstor beförderten Oliver Baumann in der Fußball-Bundesliga ausgerechnet jetzt ansteht, rückte die sensible Torhüter-Frage noch weiter in den Fokus. Am Sonntag (17.30 Uhr/DAZN und im ntv.de-Liveticker) erwarten Neuers Bayern die TSG 1899 Hoffenheim, die ihre beachtliche Saison und den dritten Tabellenrang auch zu großen Teilen dem sicheren Baumann zu verdanken hat. Neuer vs. Baumann - beide treffen zum 27. Mal in der Bundesliga aufeinander. Das ist eingestellter Rekord im Torhüterduell. Nur der frühere BVB-Keeper Eike Immel und HSV-Legende Uli Stein trafen sich ebenso oft als Gegner.
Doch will Neuer überhaupt zurück? Der bald 40-Jährige hatte das bislang immer wieder ausgeschlossen. Für ein Comeback im DFB-Trikot müsste der Bundestrainer ihn erst mal anrufen. Eine fünfte Weltmeisterschaft dürfte den deutschen WM-Rekordtorhüter trotz der bisherigen Zurückhaltung sicher reizen. Baumann vertrat ter Stegen zwar tadellos. Doch Neuer ist eben Neuer - und mit der Ausstrahlung des über Jahre weltbesten Torhüters ist er ein weitaus renommierterer WM-Rückhalt als es der Hoffenheimer Kollege sein kann.
"Manuel Neuer ist von sich aus zurückgetreten, das ist de facto eine Diskussion, die es nicht zu führen gilt", sagte der frühere Nationaltorhüter René Adler im ZDF. "Man sollte Oliver Baumann den Respekt entgegenbringen, das hat er sich aufgrund seiner Leistung verdient." Man sollte sich nun damit "anfreunden", dass der Hoffenheimer beim Turnier im Tor stehen wird.
Auch Torwart-Legende Sepp Maier äußerte sich am Mittwoch "genervt" von den Rückhol-Wünschen um Neuer. "Das Thema nervt ein bisschen. Immer, wenn etwas passiert, wird sofort nach Manu gerufen. Das zeigt zwar, welchen Stellenwert er hatte und immer noch hat, aber es hilft der aktuellen Mannschaft und Entwicklung nicht weiter", sagte der Weltmeister von 1974 bei Sport1. Er schließe ein Comeback Neuers "ganz klar" aus. "Hat man etwas vom Bundestrainer dazu gehört? Nein. (...) Hört auf, immer wieder über eine Rückkehr zu spekulieren!", forderte Maier.
Man solle jetzt, so der 81-Jährige weiter, "nach vorne schauen. Die Mannschaft braucht Ruhe, Vertrauen und Klarheit. Oliver Baumann ist die Nummer eins, dahinter gibt es weitere gute Torhüter. Manuel Neuer bleibt Weltklasse - aber eben nicht mehr im DFB-Tor. Damit sollte es auch gut sein."
Adler hat Mitgefühl für ter Stegen
In anderthalb Monaten nominiert Nagelsmann den Kader für die letzten Länderspiele vor der Benennung des vorläufigen WM-Aufgebots im Mai. Am 27. März tritt die Nationalmannschaft in der Schweiz an, drei Tage später empfängt man in Stuttgart Ghana. Bis zuletzt war Nagelsmann davon ausgegangen, ter Stegen nach fast zwei Jahren Abstinenz wieder im DFB-Kreis begrüßen zu können. Nach einer Knieverletzung im September 2024 stand ter Stegen nur beim Final Four im Juni 2025 zweimal im DFB-Tor.
Nagelsmann hatte sich schon am Dienstag zur Verletzung geäußert: "Marc war gerade wieder zurück und auf einem richtig guten Weg, wir haben uns sehr auf seine Rückkehr in die Nationalmannschaft gefreut. Jetzt müssen wir weiter auf ihn verzichten - aber für Marc persönlich ist dieser Rückschlag natürlich noch viel härter." Im Moment zähle für den Torwart nur, in Ruhe gesund zu werden. "Wir stehen alle hinter ihm."
Auch Adler findet es "brutal bitter". Selbst wenn ter Stegen rechtzeitig genesen würde, dürfte ihm die Wettkampfhärte im kräftezehrenden Turnier-Rhythmus fehlen. Adler kann das drohende WM-Aus für ter Stegen nur zu gut nachempfinden. Er selbst war einst als Stammtorhüter für die WM 2010 in Südafrika auserkoren, musste aber verletzt absagen. Stammtorhüter während der WM wurde Neuer - und blieb es auch bis zu seinem Rücktritt nach 124 Länderspielen im Anschluss an die Heim-EM vor zwei Jahren.
Als "ewiger" Kronprinz von Neuer war ter Stegen erst nach dessen Rücktritt aus der DFB-Auswahl nach der EM 2024 aus dem übergroßen Schatten des Kapitäns getreten. Doch seither prägten Verletzungen und die Ausbootung bei Barça den Weg des 44-maligen Nationalspielers.
Zwei Kandidaten warten noch auf DFB-Debüt
Neben der besonderen Qualität ist die große Erfahrung Neuers ein Argument für ein großes DFB-Comeback. Baumann (10 Länderspiele), der Stuttgarter Alexander Nübel (2 Länderspiele), der Augsburger Finn Dahmen (0) und Freiburgs Noah Atubolu (0) weisen zusammen nur ein Dutzend Einsätze in der deutschen Auswahl auf. Auch der beim FC Bayern in der Champions League zuletzt starke Neuer-Vertreter Jonas Urbig wies seine DFB-Tauglichkeit bislang nur in Nachwuchsteams nach.
In der Spätphase seiner Karriere häuften sich zwar die Blessuren beim Bayern-Schlussmann, auch deshalb wurde er wiederholt von Urbig vertreten. Andererseits bringt er viel Turniererfahrung mit. Bei Baumann hatten längere Ausfallzeiten in den vergangenen Jahren Seltenheitswert. Viel jünger als Neuer ist er mit 35 Jahren aber auch nicht.
Nach den Länderspielen im März stehen nur noch die Partien am 31. Mai gegen Finnland und am 6. Juni bei WM-Mitgastgeber USA an. Bis dahin wird sich Nagelsmann festgelegt haben, wer sein Turnier-Torwart ist. Man muss kein Hellseher sein, um zu ahnen: Ter Stegen wird es nicht sein.