Fußball

"Nie Deutscher zweiter Klasse" Theo Zwanziger greift DFB-Verbandsspitze an

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Ein Bild aus den erfolgreichen alten Zeiten: Zwanziger und Özil herzen sich.

(Foto: imago/Ulmer)

Einst war Theo Zwanziger selbst DFB-Präsident - nun geht er mit seinem Nachfolger Grindel ins Gericht. Die Verbandsführung habe sich unangreifbar gefühlt und sei selbstherrlich gewesen. Außerdem habe es große Fehler gegeben.

Der frühere DFB-Präsident Theo Zwanziger fürchtet durch den Rücktritt von Mesut Özil aus der Fußball-Nationalelf weit mehr als nur sportliche Konsequenzen und greift auch die DFB-Führung an. Die von Özil auch mit Fremdenfeindlichkeit innerhalb des Verbands begründete Entscheidung sei "für die Integrationsbemühungen in unserem Land über den Fußball hinaus ein schwerer Rückschlag", sagte Zwanziger. Der türkischstämmige Weltmeister "war ein großes Vorbild für junge Spielerinnen und Spieler mit türkischem Migrationshintergrund, sich auch in die Leistungsstrukturen des deutschen Fußballs einzufinden."

Özil hatte die Konsequenzen aus der Affäre um die umstrittenen Fotos mit dem türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan vor der WM gezogen. Dabei kritisierte er den Deutschen Fußball-Bund und vor allem dessen Präsidenten Reinhard Grindel, deutsche Medien und Sponsoren für ihren Umgang mit ihm scharf. Eine Reaktion des DFB auf die Vorwürfe gab es zunächst nicht. Auch Zwanziger, der in seiner Amtszeit das Thema Integration stark vorangetrieben hatte, sieht Versäumnisse beim DFB. "Durch Fehler in der Kommunikation ist etwas passiert, das bei Migranten nie passieren darf: Sie dürfen sich nie als Deutsche zweiter Klasse fühlen. Wenn dieser Eindruck entsteht, muss man gegensteuern" sagte er.

"Weniger Selbstherrlichkeit täte dem neuen DFB gut"

Ein bewusstes Drängen Özils in die Rolle als Sündenbock für das frühe WM-Scheitern will Zwanziger der heutigen DFB-Führung aber nicht unterstellen. "Ich kenne Reinhard Grindel und Oliver Bierhoff gut genug, um sagen zu können, dass ich mir nicht vorstellen kann, dass sie eine solche Situation bewusst herbeiführen würden", sagte er. Dennoch warf Zwanziger seinen Nachfolgern an der DFB-Spitze eine mangelhafte Kritikkultur vor. "Ein wenig mehr Demut und etwas weniger Selbstherrlichkeit täte dem neuen DFB auf allen Ebenen gut", sagte Zwanziger. Der 73-Jährige forderte die Verbandsspitze auf, sich im Zuge der Aufarbeitung des WM-Debakels der Nationalelf ebenfalls kritisch zu hinterfragen.

"Auch die Verbandsfunktionäre fühlten sich als Weltmeister und damit unangreifbar. Das ist offenbar vorbei", sagte Zwanziger, der den DFB von 2004 bis 2012 geführt hatte. Die Reformbemühungen der neuen DFB-Führung sind Zwanziger zufolge weitgehend erfolglos geblieben. Neben den sportlichen Rückschlägen für Männer- und Frauen-Nationalteams und einer stagnierenden Nachwuchsförderung monierte der ehemalige Verbandschef auch das ehrenamtliche Engagement und die Integrationsarbeit. "Was ist also besser geworden, außer, dass sehr viel Geld für PR, Berater und neue Mitarbeiter ausgegeben und hunderte Millionen aus dem Grundlagenvertrag vom gemeinnützigen Amateurfußball in den bezahlten Fußball gelenkt wurden?", meinte Zwanziger. 

Bei einer Überprüfung der Maßnahmen und Beschlüsse der DFB-Spitze wünscht sich der Jurist auch "kritische öffentliche Fragestellungen" der Landesverbandspräsidenten. Nach dem historischen WM-Scheitern der DFB-Auswahl hatten die Regionalchefs nach anfangs vereinzelter zarter Kritik noch Bundestrainer Joachim Löw ihr uneingeschränktes Vertrauen versichert und damit irritiert.

Auch Bayern-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge hatte zuletzt die Verbandsführung scharf attackiert. "Mir fehlt da ein bisschen im Moment einfach die klare professionelle Handhabung der Krisenbewältigung. Es wundert mich allerdings auch nicht, weil der DFB ist eigentlich nur noch durchsetzt von Amateuren", sagte der Boss des deutschen Fußball-Rekordmeisters aus München. DFB-Präsident Grindel betonte daraufhin: "Wir sind über den Weg, den wir gehen wollen, uns alle einig - Bundesliga und Amateurvertreter." Die Entscheidung des DFB, an Chefcoach Löw trotz des Desasters bei der WM festzuhalten, hält indes auch Zwanziger für richtig. "Der Bundestrainer ist einer der besten der Welt", sagte der einstige DFB-Chef. "Ich bin sicher, er wird die Mannschaft mit den Veränderungen, die notwendig sind, wieder in die Erfolgsspur bringen." Dabei wird Löw jedoch auf Özil, einen seiner Lieblingsschüler, verzichten müssen.

Quelle: n-tv.de, Florian Lütticke, Arne Richter und Christian Hollmann, dpa

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