Fußball

Ulreichs surreales ComebackDer "Wahnsinnstyp" weiß nicht, ob er beim FC Bayern bleiben darf

15.03.2026, 07:00 Uhr
imageVon Tobias Nordmann, Leverkusen
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Der FC Bayern gewinnt bei Bayer Leverkusen 1:1. So sagt es Sportvorstand Max Eberl. Matchwinner für die Münchner ist Torwart Sven Ulreich, der nach über anderthalb Jahren und nach schrecklichen Erlebnissen mal wieder spielen darf, spielen muss.

Leon Goretzka schubste Sven Ulreich kräftig nach vorne. Es war keine böse Aktion des Münchner Mittelfeldspielers, der den FC Bayern in diesem Sommer verlassen wird. Wohin ihn sein Weg führt, ist noch unklar. Ebenso wie jener des Torwarts Ulreich, der ebenfalls ab Juli ohne gültigen Vertrag ist. Goretzka wollte, dass sich Ulreich den verdienten Lohn für seine Arbeit abholt, die er erstmals seit anderthalb Jahren wieder auf der großen Bühne geleistet hatte. Der Torwart durfte, er musste das Tor hüten, weil Manuel Neuer und Jonas Urbig verletzt sind. Aus der kalten Hose ins kalte Leverkusen. Für den 37-Jährigen kein Problem.

Und für den FC Bayern auch nicht. So hatten sie es zuvor behauptet: "Wir haben nicht einmal gezuckt, nicht eine Sekunde. Wir wissen, dass er es so gut macht wie die anderen beiden", sagte Sportvorstand Max Eberl. Trainer Vincent Kompany schwärmte: "Ulle hat es immer richtig gemacht im Training, jetzt soll er genau das zeigen im Spiel. Wir haben volles Vertrauen."

Dabei fing der Nachmittag außerordentlich bitter an. Nach sechs Minuten war Ulreich geschlagen. Aleix Garcia hatte geschossen, Jonathan Tah hatte abgefälscht. Im hohen Bogen segelte der Ball über die Nummer drei des Rekordmeisters. Doch Ulreich war in diesem surrealen Spiel eine besondere Rolle zugewiesen. Die des Matchwinners. Natürlich. So ist der Fußball.

Und Bayer Leverkusen erlebte zum zweiten Mal binnen vier Tagen, wie viel "ausgerechnet" in diesem Sport steckt. Im Achtelfinal-Hinspiel gegen den FC Arsenal unter der Woche hatte Bayers Ex-Supertalent Kai Havertz einen fragwürdigen Elfmeter zum 1:1 verwandelt und damit die Chancen der Werkself auf den Königsklassen-Coup massiv reduziert. Havertz, ausgerechnet.

"Am Ende hat es dann auch Spaß gemacht"

Und nun war es eben ausgerechnet Ulreich, der hier zum Helden wurde. An dem Ort, an dem er einst als Pöbel-Profi aufgefallen war. Nach einer Geschichte, die man keinem Menschen wünscht. Im vergangenen Jahr verloren Ulreich und seine Frau den sechs Jahre alten Sohn nach langer Krankheit. Er versuche, gemeinsam mit seiner Frau und Tochter "Schritt für Schritt wieder ins Leben zu finden", hatte Ulreich anschließend mitgeteilt. Ein Teil seines Lebens ist der Fußball. Der FC Bayern. Beides bietet ihm Halt.

Der 37-Jährige hatte sich in München eigentlich in eine völlig neue Rolle eingelebt. Als dritter Mann im Torwart-Team ist er wichtige Unterstützung für Neuer und Urbig. Ein Mann für die Stimmung und für das Trainingsniveau. Aber eigentlich keiner mehr, der auf die große Bühne muss. Aber er hielt sich ständig bereit. Man weiß ja nie. Weil Neuers Körper aber immer häufiger Tribut für die langen Jahre auf Weltklasse-Niveau fordert und Urbig in Bergamo eine Gehirnerschütterung erlitt, musste er wieder ran.

In der ersten Halbzeit war er nicht Teil der Geschichte des Spiels. Er war chancenlos überwunden worden und einmal spektakulär, aber ergebnislos geflogen, als ein Schuss von Montrell Culbreath. Doch je mehr sich dieses Spiel hochkochte, je weniger Spieler der Münchner auf dem Platz standen, desto wichtiger, desto besser wurde Ulreich. In der 58. Minute hatte er noch Glück, dass Malick Tillman knapp verzog, eine Minute später war er aber stark gegen Patrik Schick zur Stelle, auch wenn er zuvor beim Rauslaufen gezögert hatte. Da merkte man ihm fehlende Matchpraxis an. "Wenn man lange nicht spielt, so wie ich, dann ist es anders als im Training", sagte der Keeper bei Sky. "Da braucht man schon ein paar Minuten, um reinzukommen. Am Ende aber war ich richtig gut drin und es hat dann auch Spaß gemacht."

Ulreich würde wohl gerne weitermachen

So richtig groß wurde er in der siebten Minute der Nachspielzeit. Die Münchner, nach Platzverweisen gegen Nicolas Jackson (42., unstrittig) und Luiz Diaz (84., strittig) nur noch zu neunt, versuchten irgendwie dieses Remis zu verteidigen, das ihnen Diaz zuvor klargemacht hatte (69.). Die Münchner standen nur noch im Strafraum und verdichteten die Räume. Sie stopften jedes Loch, bis Bayers Joker Ibu Maza aus 13 Metern frei zum Schuss kam. Ulreich reagiert herausragend und ließ sich danach ganz viel Zeit bei der Wiederaufnahme des Spiels. Dass er deswegen Gelb sah, war ihm fürchterlich egal. Bayer war verzweifelt, Bayern verliebt.

"Heute so da zu sein für uns, wenn er gebraucht wird, ist einfach nur unglaublich und deswegen Chapeau", schwärmte Verteidiger Josip Stanisic. "Jeder, der seinen Weg und seine Geschichte kennt, weiß, dass er nicht nur als Fußballer überragend ist. Er ist ein Wahnsinnstyp, dem ich nichts mehr gönne als einfach nur Glück in seinem Leben." Wie das im Sommer weitergeht, das ist unklar. Sein Vertrag läuft aus. Wie auch der von Manuel Neuer. Kann sein, dass die Münchner ihr Torwart-Team um Urbig neu aufstellen.

Aber vielleicht auch mit Ulreich. Er selbst kann sich gut vorstellen, "dass ich noch ein Jahr mache." Aber zu solch einer Entscheidung gehören immer zwei. Also auch der FC Bayern, also auch Sportvorstand Max Eberl. Der aber wich gekonnt aus: "Ich werde jetzt hier keine Kaderpolitik betreiben."

Womöglich muss Ulreich noch ein weiteres Mal ran, am Mittwoch beim Rückspiel gegen Bergamo. Wenn Urbig nicht fit wird und wenn sein eigener Körper nicht streikt: Den letzten Abschlag gegen Leverkusen ließ er aus. "Ich habe ein bisschen was gespürt. Ich hoffe, dass es nichts Schlimmeres ist", sagte Ulreich. Beim Feiern vor der Kurve sah es nicht danach aus.

Quelle: ntv.de

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