Fußball

"Es war deutlich mehr drin" Vizemeisterschaft nervt BVB-Kapitän Reus

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"Es war auf jeden Fall deutlich mehr drin, als der zweite Platz", ärgert sich BVB-Kapitän Marco Reus.

(Foto: imago images / Team 2)

Der BVB gewinnt sein letztes Saisonspiel der Fußball-Bundesliga in Mönchengladbach und erledigt damit seine Pflichtaufgabe. Doch Spannung kommt im Kampf um die Meisterschaft nicht mehr auf. Im Revier wissen sie, dass sie den Titel woanders verloren haben.

In der fünften Spielminute brandete im Mönchengladbacher Borussia-Park ein ohrenbetäubender Jubel auf, obwohl auf dem Rasen gar nichts passiert war. Aber auf der Anzeigentafel wurde eingeblendet, dass die Bayern gegen Eintracht Frankfurt in Führung gegangen waren. Eigentlich pervers, dass die Gladbacher ein Tor des früheren Rivalen aus dem Süden feiern, aber es hielt für die Gastgeber die Möglichkeit am Leben, noch in die Champions League zu kommen.

Da war es also, das frühe Ereignis, von dem Dortmunds Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke gesprochen hatte, und das dem Nachmittag seine Eigendynamik geben sollte. Nur so ganz anders, als sich der BVB-Boss das erhofft hatte. Die Hoffnung, die Bayern auf der Zielgeraden dieser Saison abzufangen und die neunte Meisterschaft der Vereinsgeschichte doch noch zu finalisieren, sie wurde zu keinem Zeitpunkt richtig greifbar.

Die Dortmunder gewannen bei der Namensschwester vom Niederrhein zwar mit 2:0 (1:0) und erfüllten damit ihren Part, doch so etwas wie Spannung und Nervenkitzel kam trotzdem nicht auf, weil der Rekordmeister weit davon entfernt war, zu straucheln. Es waren kaum mehr als 100 Sekunden, in denen sich das Wunder zumindest kurz am Horizont blicken ließ. Der BVB führte zu Beginn der zweiten Hälfte und die Eintracht hatte in München den Ausgleich erzielt. Zu diesem Zeitpunkt fehlte also nur ein Tor zum großen Glück. Es fiel, aber aus Dortmunder Sicht fiel es auf der falschen Seite. David Alaba schob in München zum 2:1 für die Bayern ein, danach nahmen die Dinge ihren Lauf.

"Hätten es gern erzwungen"

Von den Sitzen gerissen hat diese Dramaturgie niemanden, Herzschlagfinale geht anders. De facto hatte der BVB in Gladbach nicht eine Sekunde die Hand an der Schale, und - wenn man die Dinge vor Ort beobachtete - hatte beim Revierklub auch niemand ernsthaft damit gerechnet, die Dinge zu einem triumphalen Ende zu bringen. "Wir hätten es gerne erzwungen", gab Manndecker Julian Weigl zu Protokoll, "doch es lag nicht in unserer Hand". Im Dortmunder Lager ließen sie den vorhersehbaren Showdown, der so gar nichts von Hitchcock und Thriller in sich trug, mit großer Gelassenheit über sich ergehen. Warum verzweifelt sein über eine Fügung des Schicksal, die dermaßen vorhersehbar ist?

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Der Frust schlägt schnell in Angriffslustigkeit für die kommende Saison um.

(Foto: dpa)

Stattdessen entschloss sich der Vizemeister, Haltung zu bewahren und erhobenen Hauptes in die Sommerpause zu gehen. Watzke betonte, "mit 76 Punkten musst du dich wahrlich nicht verstecken". Stimmt, das drittbeste Ergebnis der Vereinsgeschichte ist aller Ehren wert. Das ist die eine Seite der Medaille. Die andere ist die, dass es selten so einfach war wie in dieser Spielzeit, taumelnde Bayern nicht nur zu piesacken, sondern entscheidend abzuhängen. Die Meisterschale ist den Dortmundern auf dem Silbertablett serviert worden, doch als es darum ging, beherzt zuzugreifen, versagten ihnen nicht nur einmal die Nerven. "Es war auf jeden Fall deutlich mehr drin, als der zweite Platz", weiß nicht nur Marco Reus, der weiterhin auf die erste Meisterschaft seiner mittlerweile schon fortgeschrittenen Karriere wartet. Dortmunds Kapitän mahnte kritisch an, es habe "in Spielen wie gegen Schalke oder in Bremen die Gier gefehlt". Sein Chef Watzke ergänzte: "Mit einem Sieg mehr wären wir Meister gewesen."

"Es hat etwas gefehlt"

Was dieser jungen Mannschaft fehlt, zeigten die ersten 45 Minuten in Mönchengladbach, als sich die Beobachter verwundert die Augen rieben, warum ein Team, das doch noch immer nach den Sternen greifen kann, so seltsam verzagt auftritt, anstatt die letzte Chance beherzt beim Schopf zu ergreifen und couragiert nach vorne zu spielen. Jene Tugend, die man als wilde Entschlossenheit beschreiben kann, sich gegen alle Widerstände durchzusetzen, sie fehlte Favres Dortmundern in der Crunchtime der Meisterschaft.

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Torhüter Roman Bürki brachte es auf den Punkt: "Ich glaube, wir haben Punkte liegen gelassen, mit denen wir eigentlich schon fest gerechnet hatten. Das war so ein bisschen das Problem." Der Schweizer meint Spiele wie gegen Absteiger Nürnberg, Kellerkind Augsburg und Aufsteiger Düsseldorf: "Bei allem Respekt, aber das sind Teams, die du auswärts schlagen musst."

"Wir waren diese Saison nicht weit genug", hat auch Trainer Lucien Favre erkannt: "Es hat etwas gefehlt." Welche Tugenden das konkret sind, das kann Reus ziemlich exakt benennen: "In den entscheidenden Momenten war Bayern einen Tick besser. Weil sie die Erfahrung haben und eine andere Mentalität auf den Platz bringen." In Dortmund wissen sie also, woran es zu arbeiten gilt. Watzke ist gewillt, genau das zu tun, um mit dem Souverän aus München weiter auf Augenhöhe agieren zu können. "Wir werden versuchen, in den nächsten Jahren dranzubleiben." Angesichts der bereits angelaufenen bayerischen Transferoffensive weiß der Geschäftsmann ziemlich genau, dass dieses Vorhaben "sehr ambitioniert ist".

Quelle: n-tv.de