Fußball

Noch gilt "4EVER GERD" ... War's das jetzt, Robert Lewandowski?

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Legende. Jetzt.

(Foto: Pool via REUTERS)

Der Spieltag für die Bundesliga-Geschichte: Bayern Münchens Torphänomen Robert Lewandowski egalisiert den Uralt-Torrekord von Gerd Müller, übertrifft ihn aber trotz weiterer guter Chancen (noch) nicht. Über einen Stürmer, der sich für den Erfolg gewandelt hat.

Ob es ein offen versteckter Hinweis war, dass Robert Lewandowski sich ab jetzt zurückhält, dass er der Bitte von Uschi Müller nachkommt. An dieser Stelle braucht es wohl einen ganz kurzen Hinweis, wer Uschi Müller ist. Sie ist die Ehefrau von Gerd, vom legendären "Bomber". Und Uschi war in den vergangenen Tagen sehr nachgefragt. Es ging ja um den Jahrhundertrekord, den Gerd in der Saison 1971/72 aufgestellt hatte. 40 Tore hatte er erzielt. Kein einziges per Elfmeter. Er hatte seine 40 Tore auf 34 Spiele verteilt. Alle absolvierte er über 90 Minuten. Es war eine Saison für die Ewigkeit. Und diese Ewigkeit wurde mit jedem Jahr länger.

Und noch immer hat sie Bestand. Auch, wenn es seit diesem Samstag eine geteilte Ewigkeit ist. Denn Robert Lewandowski, der wie einst Müller für den großen FC Bayern spielt, steht nun auch bei 40 Toren. Weil er zwischendurch verletzt war, hat er seine Treffer auf beeindruckende 28 Spiele verteilt. Sieben davon hat er indes per Elfmeter erzielt. Der siebte war nun jener zum eingestellten Rekord. Fast ein bisschen zu banal für diesen historischen Moment in der 1. Fußball-Bundesliga. Dass weiter keine Fans im Stadion sein durften - die Münchner waren an diesem 33. Spieltag beim SC Freiburg zu Besuch (2:2) -, ist die wohl bitterste Pointe dieses Moments. Immerhin: Weil die Breisgauer in der nächsten Saison in eine neue Arena umziehen, hat dieser Moment noch eine weitere historische Dimension. Man muss eben nehmen, was man kriegen kann.

Nun, kurz zurück zum Einstieg. War es nun ein offen versteckter Hinweis, den Lewandowski unmittelbar nach dem Tor gab, als er das Trikot hob und einen emotionalen Shirt-Gruß an den schwer demenzkranken Müller sendete? "4EVER GERD" stand unter dem Konterfei des jungen Müller. 4ever also auch Rekord? Nun, Uschi Müller würde das sehr gefallen. Sie hatte der "Sport Bild" fast flehentlich gesagt: "Lieber Robert Lewandowski, 40 Tore reichen ja auch!" Zwei Indizien sprechen dafür, dass der Pole den Wunsch von des Bombers Ehefrau erfüllt: Gegen Freiburg ließ der Torgigant der Münchner nämlich zwei äußerst prächtige Chancen zum alleinigen Rekord aus. Einmal durfte sich Mark Flekken manierlich beweisen, ein anderes Mal verstolperte der Stürmer auf eine Art, die die Frage aufwirft: War das wirklich Robert Lewandowski? Kleiner Spoiler vor Ansicht der zahlreichen Beiträge, die nun produziert werden: Ja, es war Robert Lewandowski.

War er das wirklich?

Zwei Indizien sprechen derweil auch dagegen, dass es bei "4EVER GERD" bleiben wird: Lewandowski hat ja noch ein Spiel, um sich zur Solo-Legende zu machen. Gut, Rekordmann im eigenen Stadion zu werden, das ist vermutlich tatsächlich noch ein bisschen schöner als im Schwarzwald. Und gegen die Freiburger holte er sich auch nicht die drohende fünfte gelbe Karte, also die Sperre fürs Saisonfinale, ab. Das wäre zum Beispiel der Fall gewesen, wenn er sein Trikot zum Gruß nicht nur gelüftet, sondern über den Kopf gezogen hätte. Nun, da kennt der Profi Lewandowski nix. Und nichts anderes ist er, ein Profi, eine Legende, ein Weltfußballer.

Diesen Titel hatte er sich Mitte Dezember des vergangenen Jahres abgeholt. Virtuell natürlich. Ist (und war) ja immer noch Corona. Es war die Krönung dessen, was er seit Jahren geleistet hat. Es war die Belohnung für einen herausragenden Weg, den er eingeschlagen hatte, als er in der Saison 2010/11 als junger, aber schon zuverlässiger Torjäger von Lech Posen in die Bundesliga wechselte. Auf die große Bühne. Zum BVB. Dort waren sie sich bereits damals sicher, (a) einen Mann verpflichtet zu haben, der die "Anlagen zu einem sehr guten Stürmer" hat und (b) mit dem sie eine "große Zeit haben werden". Nach einer Debüt-Spielzeit als Joker hinter Lucas Barrios erfüllte sich diese Prophezeiung. Beeindruckend. In 187 Spielen für den BVB erzielte er 103 Tore. Sein bemerkenswertestes Spiel für Schwarzgelb, vielleicht auch seiner Karriere, machte er am 24. April 2013, als er Real Madrid beim 4:1 mit vier Toren vorführte.

Ein Jahr später folgte der nächste Schritt. Er ging wie so viele Borussen vor ihm zum FC Bayern. Für den hat er seither 328 Spiele absolviert und 293 Tore erzielt. 65 Vorbereitungen stehen übrigens ebenfalls noch in seinen Leistungsdaten. Und dennoch war seine Karriere stets von einem heftig nagenden Vorwurf begleitet: Jahrelang musste sich Lewandowski vorhalten lassen, dass er immer dann nicht zu sehen ist, wenn es um die großen Titel geht, wenn die Champions gemacht werden. Lionel Messi und Cristiano Ronaldo, die ewigen Duellanten um die Krone des besten Fußballers binnen zwölf Monaten, hatten Lewandowski das tatsächlich lange voraus. Was allerdings auch daran lag, dass sich ihre Nationalmannschaften häufiger in große Finals vorspielten - sowohl auf Ebene der Klubs als auch auf Ebene der Nationalteams. Mit Polen, da konnte der Stürmer des FC Bayern international nicht mithalten.

In einer Saison alle Zweifel abgeräumt

Spätestens mit seiner vergangenen Saison hatte er aber alle Zweifel abgeräumt. Auch wenn er im Finale der Champions League, beim 1:0-Erfolg gegen Paris St. Germain nicht selbst getroffen hatte. Das hatte Kingsley Coman übernommen. Doch die Krönung, das zweite Triple der ruhmreichen Klubgeschichte des FC Bayern, sie wäre ohne Lewandowski nicht möglich gewesen. Der Pole steuerte in der gesamten Saison (2019/2020) wettbewerbsübergreifend in 47 Spielen 55 Tore bei. Damit war er bester Schütze der Liga, des DFB-Pokals und der Champions League. Aber nicht nur das: Der FC Bayern war so erfolgreich, weil Lewandowski sich zur Perfektion verändert hat.

Einst galt der Stürmer als Egoist. Erfolg, so wirkte es und so wurde es ihm vorgeworfen, war stets an sein persönliches Glück geknüpft. Lewandowski galt als Fußball spielende Solo-AG. Als er beispielsweise in der Saison 2016/17 den Titel als bester Torjäger der Bundesliga nur knapp verpasste, nämlich um einen Treffer (damals gewann der Dortmunder Pierre-Emerick Aubameyang mit 31 Toren), zählte er im Nachgang seine Teamkollegen an. Im "Super Express" sagte er über seinen Ärger: "Vielleicht empfand ich so, weil ich nicht völlig damit zufrieden war, wie das Team mich unterstützt hat. Unmittelbar nach dem letzten Spiel war ich sauer, ich war enttäuscht von meiner Mannschaft."

Dazu wiederholten sich quasi jeden Sommer die Debatten um seine Zukunft: Der FC Bayern, so schien es, ist für einen Lewandowski nicht gut genug, Real Madrid oder der FC Barcelona sollten es dann doch eher sein. Dafür lancierte er auch Interviews, die im Klub überhaupt nicht gut ankamen. Doch mittlerweile ist das alles Geschichte. Der FC Bayern und Lewandowski, das ist eine perfekte Einheit. Der Stürmer trifft, bereitet vor und arbeitet als vorderster Pressingspieler hart. Er lässt sich auch von skurrilen Begleitumständen wie den Streit mit seinem Ex-Berater nicht von seinem Titel-Fokus abbringen. Lewandowski liefert. 40 Tore nun. Ob das noch mehr werden? Uschi Müller muss noch 90 Minuten zittern.

Der "Bomber" würde es Lewandowski allerdings wohl nicht übel nehmen, wenn er ihm "seinen" Rekord nehmen würde, da ist sich Uschi Müller "hundertprozentig sicher". Ihr Mann, der in einem Heim friedlich in seiner eigenen Welt lebt, "kennt keine Neidgefühle", sagt sie, "er würde nicht jammern, wenn er den Rekord verliert. Er wäre der Erste, der gratulieren würde, der sagen würde: 'Gut gemacht, Junge. Du bist super'."

Quelle: ntv.de

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